«Jeder Ton muss erst verdient werden» - Komponist György Kurtag 90

17.02.16 -
Budapest - Seine Werke und Zyklen tragen Namen wie «Spiele», «Zeichen» oder «... pas à pas - nulle part. ..». Die einzelnen Stücke seines vergleichsweise schmalen Oeuvres sind von lapidarer Kürze. Doch sie zwingen zum aufmerksamen Hinhören. Im hohen Alter arbeitet der ungarische Komponist György Kurtag nun an seiner ersten Oper. Am 19. Februar wird er 90 Jahre alt.
17.02.2016 - Von dpa, Gregor Mayer, KIZ

1926 wurde er in der heute zu Rumänien gehörenden Ortschaft Lugoj (dt. Lugosch) im Vielvölkergebiet an der Grenze des Banats zu Siebenbürgen geboren. In der Regionshauptstadt Timisoara (dt. Temeswar) nahm er als Gymnasiast Theorie- und Kompositionsunterricht bei Max Eisikovits. Nach dem Abitur begab er sich 1944 illegal nach Budapest, wo er ab 1945 die Kompositionsklasse von Sandor Veress besuchte. Daneben studierte er in Budapest Klavier bei Pal Kadose und Kammermusik bei Leo Weiner. 1948 nahm er die ungarische Staatsbürgerschaft an.

Anfangs den kommunistischen Ideen und den Anschauungen des sozialistischen Realismus verpflichtet, stürzte Kurtag nach dem anti-sowjetischen ungarischen Volksaufstand von 1956 in eine schwere Lebens- und Schaffenskrise. 1957 ging er mit einem Stipendium nach Paris, wo ihn die Psychoanalytikerin Marianne Stein aus seiner Seelennot befreite. Mit dem Streichquartett op. 1 startete er auch als Komponist einen Neuanfang. In den folgenden Jahren entwickelte er sich zum bedeutendsten zeitgenössischen ungarischen Komponisten neben dem um drei Jahre älteren György Ligeti (1923-2006). So erhielt er 1998 den renommierten Internationalen Ernst von Siemens Musikpreis.

Zu Kurtags Schlüsselwerken zählt der zwischen 1963 und 1968 entstandene Zyklus «Sprüche des Peter Bornemisza» für Sopran und Klavier, die mittlerweile auf sechs Bände angewachsene Miniaturen- Sammlung «Jatekok» (Spiele) und die «Botschaften des verstorbenen Fräuleins R. V. Troussowa» nach Gedichten der russischen Dichterin Rimma Dalos. Immer wieder lässt sich Kurtag von literarischen Vorlagen zu seinen musikalischen Stellungnahmen inspirieren, wobei sich der Bogen vom ungarischen Barockdichter und Mystiker Peter Bornemisza (1535 - 1584) über Friedrich Hölderlin («Hölderlin- Gesänge») und Franz Kafka («Kafka-Fragmente») bis zu der mit ihm befreundeten Russin Dalos spannt.

Schrieb Kurtag in seinen früheren Jahren eher in sich abgeschlossene, aphoristisch anmutende Stücke, so tendiert sein späteres Oeuvre immer mehr hin zum Unabgeschlossenen, zum Fragmentarischen, das er immer wieder neu und umkomponiert, eventuell auch den Bedürfnissen des oder der Interpreten anpasst. Auch integriert er immer wieder ältere Stücke in neue Kompositionen, sei es durch Repetition, Neuinstrumentierung, Zitat oder Variation.

«Seine Musik», schreibt der Kritiker Christoph Schlüren, «ist von intensivstem Ringen um den exakten Ausdruck, um die unmittelbare klangliche Umsetzung seelischer Inhalte durchdrungen.» Von Kurtag selbst ist der Satz überliefert: «Jeder Ton muss erst verdient werden.»

In einem seiner seltenen Interviews, das der in Wien lebende Musikwissenschaftler Balint Andras Varga führte und das in einem Buch des Wolke-Verlags erschien, legte Kurtag dar, wie sehr ihn die knorrigen Baum-Darstellungen bei Lucas Cranach d. Ä. oder die «Störrigkeit» der Bartokschen Harmonien faszinieren. Die Offenheit seines Werkes speist sich bei ihm auch aus einer unerbittlichen Selbstkritik und einer fast selbstquälerischen Unzufriedenheit mit sich selbst. Oft seien seine Kompositionen, verrät er Varga, nur «fast gut und deshalb nicht gut».

Zu seinem 90. Geburtstag gibt der Verlag Editio Musica Budapest als Faksimile Kurtags handschriftliche Noten heraus, die dieser in den vergangenen 32 Jahren für den Pianisten Zoltan Kocsis komponiert hat. «Es sind mit verschiedenen Tinten, zum Teil mit Bleistift zu Papier gebrachte Autographen», lässt Tünde Szitha, die Direktorin von Editio Musica, durchblicken. Die Druckausgabe der «Zoli-Kocsis-Notate» dürfte in der Fachwelt für Aufsehen sorgen.

Kurtag lebt heute mit seiner Frau Marta, die ihm als Pianistin auch schöpferisches Gegenüber im Schaffensprozess ist, völlig zurückgezogen in Frankreich. Dort arbeitet er an seiner ersten Oper, beruhend auf dem Einakter «Endspiel» von Samuel Beckett. «Kurtag ist eines der Wunder der Musikwelt», meint der Musikwissenschaftler Zoltan Farkas. «Mit 90 Jahren arbeitet er, dem körperlichen Verfall trotzend, mit ungebrochenem Schöpfenswillen.»

 

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