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Angetrieben vom Idealismus: Florian Steininger. Foto: Matthias Schleifer
Angetrieben vom Idealismus: Florian Steininger. Foto: Matthias Schleifer
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Inzwischen weiß ich, wo ich suchen muss

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Der Pianist Florian Steininger im Porträt
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Florian Steininger ist einer der Pianisten, die es leid sind, die immer gleichen „B“s ins Programm zu nehmen, einer derjenigen, die nicht auf den ausgetretenen Wegen der Literatur unterwegs sind, sondern sich gerne auch mal mit der Machete durch unwegsames Gelände schlagen.

So interessiert sich der in Karlsruhe lebende Pianist vor allem für selten aufgeführte, vergessene Klavierwerke – von bekannteren Komponisten wie Wolfgang Rihm oder Olivier Messiaen bis hin zu den musikalischen Randgestalten des 20. und 21. Jahrhunderts, wie Josef Matthias Hauer, Alfredo Casella, Johann Ludwig Trepulka, Horatiu Radulescu oder Kaikhosru Sorabji. Letzterer hat es Steininger besonders angetan. Über ihn schreibt er, der 2010 sein Studium im Fach Klavier bei  Prof. Roberto Domingos an der Hochschule für Musik Karlsruhe beendete, momentan auch eine Doktorarbeit. Mit seiner Konzertreihe „In Modo Esotico“ – was „in exotischer Weise“ bedeutet und einem gleichnamigen Werk von Casella entlehnt ist – hat sich Steininger in Karlsruhe selbst eine Plattform geschaffen, um die für ihn spannende, selten aufgeführte Musik zu Gehör zu bringen.

Angetrieben wird Steininger dabei von einer bemerkenswert idealistischen Einstellung – die er auch braucht, denn seine Programme sind für Interpret und Hörer oft eine Herausforderung. Statt auf die viel praktizierte Sandwich-Manier, unbekannte Stücke, meist Neuer Musik, zwischen Vertrautes zu betten, nimmt Steininger eine bunte Vielfalt an exotischer Klavierliteratur ins Programm, manchmal auch nur ein einziges, in der Länge abendfüllendes Stück. In der letzten Auskopplung von „In Modo Esotico“ spielte er beispielsweise Morton Feldmans über eineinhalbstündigen Koloss „Triadic Memories“, dessen dynamische Bandbreite über die gesamte Dauer gegen Null tendiert. Seine Faszination für ausgefallene Klavierliteratur teilt Steininger mit Pianisten wie dem Alkan-Spezialisten Marc-André Hamelin oder auch dem englischen Pianisten Jonathan Powell, der ebenfalls für sein eigentümliches Repertoire bekannt ist. Steininger, der den Engländer durch seine Arbeit über das Werk Sorabjis kennengelernt hat – Powell gilt als Sorabji-Pianist schlechthin – konnte diesen vor kurzem für ein Sonderkonzert von „In Modo Esotico“ gewinnen, in dem Powell das rund eineinhalbstündige Werk „Iberia“ von Isaac Albéniz spielte. Über seinen ebenfalls von gro-ßem Idealismus getragenen Kollegen sagte Steininger: „Powell ist der ineffizienteste und zugleich bewundernswerteste Pianist, den ich je getroffen habe. In Oxford spielte er die englische Erstaufführung von Sorabjis fünfstündiger Piano Symphony No. 6 vor 25 Leuten.“

Seine Stücke findet Steininger durch akribische Recherche, befeuert durch einen regen Entdeckerdrang. Oft klickt er sich stundenlang durch Wikipedia-Artikel oder sucht in Archiven von Bibliotheken nach unbekanntem Material. „Inzwischen weiß ich, wo ich nach interessanten Werken suchen muss“, sagt Steininger. So stieß er einst auch auf den englischen Musikkritiker und Komponisten mit persischen Wurzeln, Kaikhosru Sorabji (1892–1988), dessen Person und Werk ihn schnell faszinierten. Sorabjis Werke waren ab 1936 rund 40 Jahre lang nicht erklungen, da dieser die Aufführung seines Œuvres ohne ausdrückliche Zustimmung verboten hatte – was de facto zur Verstummung dieser Musik geführt hat. Dem wirken laut dem Sorabji-Archiv heute immerhin rund 160 Interpreten entgegen. Über seine Begeisterung für die schwierigen, meist übermäßig langen und von intellektueller Strenge durchdrungenen Werke Sorabjis sagt Steininger im Gespräch: „Für mich stellte sich von Anfang an die Frage: Wie kann man das spielen? Kann man es spielen? Es ist einfach ein unglaubliches Gefühl, 250, 400 Notenseiten eines einzelnen Klavierstücks in der Hand zu halten.“ Seine Dissertation über die Musik des skurrilen Außenseiters Sorabji begann Steininger, da ihm eine rein spieltechnische Auseinandersetzung mit Sorabji zu wenig war und er sich, überzeugt von der Qualität seiner Musik, noch mehr in dessen Kosmos versenken wollte.

Steininger ist jemand, der aus Leidenschaft zur Musik momentan noch Gedanken um Publikumszahlen wie auch finanzielle Aspekte in den Hintergrund rückt. Die größten Probleme, mit denen er sich gegenwärtig konfrontiert sieht, sind musikalisch begründet. So sucht der Pianist stets Herausforderungen. Ein Beispiel ist Charles Ives’ „Concord Sonata“, die lange Zeit als unspielbar galt – inzwischen gibt es rund ein Dutzend Aufnahmen. Über das Werk, das Steininger 2010 als Abschlussprüfung spielte, sagte er: „Da mal anzufangen, wenn man, anders als bei einer Beethoven-Sonate, keinen einzigen Takt einfach mal vom Blatt spielen kann, sich jede Note erkämpfen muss, das ist eine wirkliche Herausforderung.“ Aber es sind nicht nur technische Schwierigkeiten, denen er sich bevorzugt stellt, auch mit ästhetischen oder ganz komplexen Problemen konfrontiert er sich bewusst – manchmal hat er es zum Beispiel mit schlecht editiertem Notenmaterial zu tun, wie im Falle von Radulescu.

Warum die ganze Mühe, wenn er es doch auch einfacher haben könnte? Auf die Frage, was ihn letztlich antreibt, antwortet Steininger im Sinne George Mallorys: „Ich mache das alles aus dem gleichen Grund, warum Leute auf den Mount Everest steigen. Weil er einfach da ist.“ Es bleibt zu wünschen, dass ihn in Zukunft noch mehr Leute bei seinen Aufstiegen begleiten.

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