An allem ist die Ente Schuld – Hans Gáls vergessene Oper „Die heilige Ente“ wird in den Berliner Sophiensaelen wiederentdeckt


(nmz) -
Mag sein, dass alles allzu Menschliche samt daraus erwachsenden peinlichen oder panischen Situationen dem unschuldigen Ententier in der Oper unter die Flügel geschoben werden kann. Daran dass wir diese einstmals so beliebte und oft gespielte heitere Oper, 1923 unter der Leitung von George Szell in Düsseldorf uraufgeführt, nicht kennen, sind Menschen Schuld. Der 1890 geborene Komponist Hans Gál teilte das Schicksal seiner jüdischen Kollegen. Mit dem Machtantritt der Nazis 1933 galt seine Musik als unerwünscht, seine Werke durften nicht mehr gespielt werden.
07.09.2012 - Von Boris Michael Gruhl

 

Gál verliert seine Stellung als Direktor des Mainzer Konservatoriums, er flieht 1938 nach England, lässt sich in Edinburgh nieder, wo er nach dem Krieg eine Professur erhält und zum Mitbegründer des berühmten Festivals wird. 1987 stirbt er, geehrt, geschätzt, seine Kompositionen kommen jetzt langsam wieder ins Bewusstsein der Musikwelt. Hans Gál versagte sich der Atonalität, ihm ging es darum, die Grenzen der Tonalität auszureizen, die Melancholie der Spätromantik durchklingt seine Musik, wie in der Oper „Die heilige Ente“ mit dem nur auf den ersten Blick naiv anmutenden Text von Karl Michael Leventzow und Leo Feld.

In den Berliner Sophiensaelen, als ausgewiesenem Ort freier Theaterkunst und genreübergreifender Experimente, im ehemaligen jüdischen Viertel der Hauptstadt, hat die Regisseurin Solvejg Franke Hans Gáls heitere, tonale Oper „Die heilige Ente“ mit einem versierten Ensemble nach fast 80 Jahren wieder zur Aufführung gebracht. Das Publikum ist überrascht, feiert Werk und Ensemble. Sichtlich berührt ist auch die 1944 geborene Tochter des Komponisten, Eva Fox-Gál, die das ganze Werk erstmals erlebt.

Die schlicht anmutende Geschichte in drei Akten und Prolog spielt mit den Mehrdeutigkeiten der Fabel, ist in der Exotik fernöstlicher Märchenfantasien  angesiedelt, lässt Menschen zu Göttern werden und Götter ganz menschlich sein. Die Götter treten in Solvejg Frankes Inszenierung nicht auf. Wir vernehmen ihr Murmeln oder Kichern und liegen nicht falsch, wenn wir die verfremdeten Stimmen den sieben zutiefst verunsicherten und verwirrten Menschen in diesem Enten-Krimi zuordnen. Die Ente ist nämlich weg. Sie wurde dem Kuli Yang gestohlen, der Mandarin tobt, ein heiliges Fest steht an, da gehört die Ente auf den Tisch. Der Kuli wird bestraft, Kopf ab, keine Henkersmahlzeit, aber für alle noch ein kräftiger Zug aus der Opiumpfeife. Der traumhafte Rausch einer Sommernacht nimmt seinen kulinarisch-erotischen Lauf mit herrlich, ironischen Abendmahlsassoziationen, bei denen der Kuli unters knirschende Plastebesteck der bunten Gesellschaft des zwischen Lust am Mann und Pflicht zur Frau verklemmt lavierenden Mandarins gerät.

Alles ist möglich, Rollentausch gegen Lebensfrust und Liebesnot, der Sklave wird Herr, macht sich selber zum Gott, schafft die Götter ab, nicht aber ohne sich den Liebestraum mit der schönen Li, der Gattin des Mandarins, in dessen Gestalt, zu erfüllen.

Jede Nacht geht zu Ende. Das Erwachen fällt schwer, die Schädel brummen, die Sinne sind verwirrt, die Masken gefallen. Das nächste Traumspiel wird sich bald schon mit Weihrauch, Opium und etwas Glauben, vornehmlich aber kraft eigener Fantasie und Freiheit, inszenieren lassen. Der Ente sei Dank. Das wieder gefundene Tier wird heiliggesprochen. Von den Göttern bleibt ein mächtiger Fuß auf schönem Sockel, für Menschen ein paar Nummern zu groß. 

Keine Nummer zu groß hingegen sind die höchst anspruchsvollen Partien für die Protagonisten der Aufführung. Gál hat nicht gespart an weiten melodischen Bögen in üppigen Klangfarben. Um der Dynamik des vornehmlich ariosen Stils willen lotet er aus was möglich ist in den höheren Registern der Stimmfächer, deren Facetten er ausgesprochen gut zum Klingen bringt. Wagners raschhafte Melodik, die heiteren Vertracktheiten von Richard Strauss und die emotionale Direktheit Tschaikowskys mögen anklingen, Nachahmungen sind es nicht. Weil die Tragik Menschen komisch macht muss die Musik nicht komisch sein. Die Späße dieser Oper sind nicht garstig. Die Inszenierung überträgt den Märchenstoff in zeitlose Gegenwart, zeigt mit liebevollem Blick Menschen, denen ab und an das kleine Gartenglück in der weltweit austauschbaren Plastemöblierung doch nicht ausreicht. Manche freilich, wie der Kuli Yang, haben den Mut sich immer wieder auf den Weg zu machen um in neue Gärten neue Träume zu träumen.

Für seine grandiose Leistung in dieser Partie erntet der Tenor Markus Ahme Beifallsstürme. Ebenso schließt das Publikum den Bariton Thorbjörn Björnsson für seine so subtile wie humorvolle Gestaltung des Mandarins und die Sopranistin Osnat Kaydar als Li mit ihren lyrischen Qualitäten ins Herz. Viel Applaus zu recht für das heitere Paar, Martha O´Hara und Ulf Dirk Mädler, als Tänzerin und Gaukler, Gamaliel von Tavel und Richard Nordemalm als Bonze und Haushofmeister.

Antonis Anissegos spielt den originalen Klavierpart des Komponisten und leitet die Aufführung mit etlichen raffiniert gesetzten Ensembles. Er versteht es zudem, am Klavier sowohl dem üppigen Klanggestus, als auch den fein gesetzten Passagen im Stile romantischer Liedkunst, gerecht zu werden. Für die Tochter des Komponisten kommen in dieser Aufführung die wesentlichen Anliegen ihres Vaters zur Geltung. Das tiefe Mitempfinden angesichts unglücklicher Menschen und seine Art, in der Musik die daraus erwachsenden komischen Verstrickungen ernst zu nehmen, heiter zu sein, ohne sich lustig zu machen auf Kosten anderer. Erfreulich ist für Eva Fox-Gál, dass eine Regisseurin aus Dresden Regie führt, war doch eine Opernuraufführung an der Semperoper mit dem Dirigenten Fritz Busch schon geplant. Dann hatten andere das Sagen, Busch und Gál wurden vertrieben. Heute aber, so Gáls Tochter, nach der wiedergefundenen und heiliggesprochenen Ente, freue sich ihr Vater bestimmt.

Weitere Aufführungen: 8., 11., 12. September 
Informationen: www.Sophiensaele.com

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