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Politische Bewegungsformen. Henzes „Voices“ in Gelsenkirchen. Foto: Ursula Kaufmann/MiR
Politische Bewegungsformen. Henzes „Voices“ in Gelsenkirchen. Foto: Ursula Kaufmann/MiR
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Blumen im Wind: „Voices“ von Hans Werner Henze, choreografiert am Musiktheater Gelsenkirchen

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„Ungerechtigkeit in der Gesellschaft ist im Moment richtig schreiend.“ Mit dem Liederzyklus „Voices“ von Hans Werner Henze hat Bernd Schindowski, Ballettchef am Gelsenkirchner Musiktheater, einen Klassiker der politischen Kunstmusik wiederentdeckt. Eine berührende Produktion im Henze-Projekt der Kulturhauptstadt Ruhr2010.

„Wie weit ist es von Guernica nach Man Quang?“ Unsere Achtundsechziger schätzten es noch – auch in gerade in Gedichten – die Frage konkret zu stellen. Natürlich hängt die Antwort darauf davon ab, welche Perspektive man einzunehmen bereit ist. Wer sich ans bloß Geographische hält, weicht aus, meinten jedenfalls Erich Fried und Hans Werner Henze. Beide haben nicht nur die Parallelen gesehen – die Katatstrophe, die fürs spanische Guernica wie fürs nordvietnamesische Man Quang aus der Luft kommt. Vielmehr waren sie entschieden der Meinung, dass die Rede davon ins Kunstwerk hineingehört. Eine Position, die ihre Mehrheitsfähigkeit mittlerweile eingebüßt hat.

„Beiträge zum politischen Kunstlied“. So nennt Henze seine 22 Lieder auf Schöpfungen engagierter Poeten des 20. Jahrhunderts: Brecht, Delius, Enzensberger, Fried, Anti-Castro-Poet Padilla, Ungaretti, aber eben auch (heute kann man es wieder unvoreingenommen hören) Ho Chi Minh. 1973, in einer Zeit des für Henze ungewohnten Verlusts öffentlicher Anerkennung, schreibt er binnen eines halben Jahres diese „Konzertmusik“, dieses „Bekenntniswerk“. Die späte Rückschau der autobiographischen Mitteilungen werten die Voices sogar zu seinem persönlichem „Lied von der Erde“ auf. Und tatsächlich steht der Zyklus, den man selten, und seltener noch, geschlossen hören kann, im Henze-Oeuvre einzigartig da. Der Ensemble-, Orchester-, der Musiktheaterkomponist Hans-Werner Henze nimmt darin Maß an den großen Schöpfungen der Gattung Lied: Winterreise, Dichterliebe, Kindertotenlieder – von allem haben sie etwas, die Voices für 15 Instrumentalisten, Mezzosopran und Tenor und bieten doch mehr. Das politische Instrumentalkolorit der 70er etwa: 70 Instrumente aus aller Welt, Transistorapparate, Lautsprechermikros, dazu Tonbandcollagen, in die Pistolenschüsse, Sportkommentare, politische Reden, eine Sibelius-Sinfonie, Megaphon-Stimmen und eine Polizeiaktion verquirrlt werden.

Das riecht nach latenter Theatralik, die zu entdecken, die aufzudecken denn auch das Interesse, die süße Pflicht von Bernd Schindowski gewesen ist, dem seit rekordverdächtigen 30 Jahren fungierenden Ballettchef am Gelsenkirchner Musiktheater. Herausgekommen ist eine rundum genießbare Kooperationsfrucht mit Kulturhauptstadt Ruhr.2010 und ihrem gigantomanischen „Henze-Projekt. Neue Musik für eine Metropole“. Groß der Kunsternst, mit dem Bernd Schindowski an das für ihn nach wie vor Unausgestandene herangegangen ist und seiner Compagnie vermittelt hat: „Voices ist für mich ein sehr aufrüttelndes Thema, heute noch aktueller als damals. Ungerechtigkeit in der Gesellschaft ist im Moment richtig schreiend.“

Sechs Tänzerinnnen, sechs Tänzer sind in einem schweißtreibenden Parforceritt damit beschäftigt, das vom Komponisten selbst an den Tag gelegte „Mitfühlen, Mitdenken, Miterleben“ (mit den Opfern) nach allen Seiten der Tanzkunst auszudeuten: Empathie, Parodie, Ironie, Poesie. Und wenn das Autorenduo Henze/Fried die Frage stellt: „Was haben wir gelernt von den Schulkindern von Man Quang?“ so ist es die gesamte Compagnie, die in diesem Moment als unmissverständliche Antwort die Zeigefinger hin- und herschwenkt: Nichts, nichts haben wir gelernt aus dem Unheil jener Kinder, die 1965 in Mang Quang Opfer eines US-Luftangriffs werden. Und trotzdem. Am Ende siegt (in Gelsenkirchen) die Poesie. Hinreißend Schindowskis Bilder für das den Zyklus beschließende „Blumenfest“. Sechsfach der Pas de deux von Stiel und Blüte.

In der von Bernhard Stengel geleiteten Neuen Philharmonie Westfalen ebenso wie in der Präsenz des Sängerduos Marina Sandel/Uwe Stickert hatte das Ballett Schindwoski im Übrigen seine ebenbürtigen Partner. Als bemerkenswert bleibt dieser Theaterabend auch deshalb in Erinnerung, weil man Frendzutaten, auf Regieeinfälle, Videozuspielungen etc. verzichtet, das Setting puristisch gehalten hat. Eine von weißen Wänden begrenzte Bühne, vis-a-vis, auf der Zuschauerempore das Orchester, dazwischen das Publikum – sichtlich bewegt.

Bewegt nicht nur davon, wie das Tanztheater hier die verschwundenen politischen Bewegungsformen aufbewahrt: die Arme, die sich recken, die geballten Fäuste, die Münder wie zum Schrei geöffnet, die sich verklumpenden Körper. Für Schindowski sind das freilich „ganz ursprüngliche menschliche Reaktionen, die einfach aus dem Körper herausplatzen.“ Das Berührende an diesem Theaterabend im Gelsenkirchener Kleinen Haus sind die Augenblicke der Stille, in denen die Akteure ihrerseits ganz Ohr sind für die Musik wie für die darüber gelegten Worte. Buchstäblich bis zum Finale, wo sie alle noch einmal in der Reihe stehen und sich wiegen wie Blumen im Wind.

Weitere Vorstellungen am MIR Gelsenkirchen: 13., 16., 19., 26., 28. Mai.

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