Blutige Bilder oder hier gilt’s der Kunst –Giacomo Meyerbeers „Hugenotten“ an der Oper Nürnberg


(nmz) -
Was über Giacomo Meyerbeers „Hugenotten" drüber steht, das ist auch wirklich drin. Les Huguenots sind wahrhaftig eine Grand opéra. Ganz großes Opernkino. Ein Musterexemplar jener speziellen französischen Spielart von Opernwahnsinn, die hierzulande eigentlich nur mit Wagner vergleichbar ist. Da braucht es schon Selbstvertrauen ins französische Idiom bei den Sängern und im Graben. Und Mut, sich szenisch einem Historienpanorama zu stellen, das schnell zum bluttriefenden Schinken werden kann.
17.06.2014 - Von Joachim Lange

Jedenfalls in der Version, die der Starlibrettist Eugène Scribe im Dauergezerre mit der Zensur 1836 für den am französischen Opernhimmel aufgehenden Komponistenstern Giacomo Meyerbeer (1791-1864) aus dem nationalen Trauma der Bartholomäusnacht destilliert hat.

Im August 1572 haben die Katholiken bei der Hochzeit des Hugenotten Heinrich von Navarra mit der katholischen Margarete von Valois unter den Glaubensbrüdern des späteren Königs aller Franzosen Henri IV. ein Blutbad sondergleichen angerichtet. Wenn im letzten Akt mit voller Orchesterattacke zum nächtlichen Massenmord geblasen wird, dann steigen heutzutage die Bilder der fanatisierten Gotteskrieger, die die zivilisierte Welt terrorisieren, ganz von selbst hoch. Da braucht es die (allerdings zurückhaltend) hinzugefügten Video-Querverweise auf die Gegenwart eigentlich gar nicht.

Im ersten Moment glaubt man bei Tobias Kratzer und Ausstatter Rainer Sellmaier noch im falschen Stück zu sein. Sieht doch alles nach einem geräumigen La Boheme-Atelier aus. Inklusive Blick auf die Türme von Notre Dame. Mitten drin ein Maler in der Schaffenskrise. Als es mit den beiden als mythische Gestalten posierenden Jünglingen nichts werden will, schickt er sie weg und lädt alles ein, was vor der Tür wartet, um – gut französisch – Wein, Weib und Gesang zu frönen. Samt eines Marianne-Modells mit entblößter Heldinnenbrust und Männergeschichten über Frauenreize.

Der katholische und vernünftige Graf von Nevers (Martin Berner) ist bei Kratzer also ein Maler. Aus den Tableaus, die Meyerbeer komponiert hat, und die, Dank Guido Johannes Rumstadt, seiner Staatsphilharmonie und des fabelhaften Chors (Tarmo Vaask), als Melange aus wagnerschem Größenwahn, italienischem Belcanto- und Emotions-Furor und französischer Leichtigkeit zu hören sind, arrangiert er lebende Bilder von Frieden und Eintracht, die er dann auf die Leinwand zu bannen versucht. Dass er damit zugleich die Dämonen der Geschichte beschwört, wird offensichtlich, wenn Soldaten im Harnisch durch die Leinwand stürmen und der Nachtwächter wie Quasimodo mit einem unheimlichen Gefolge auftaucht, das geradewegs von den Türmen der Notre Dame los geflogen sein muss.

Wenn dann die zentrale Liebesgeschichte zwischen dem Hugenotten Raoul (eine Tenor-Herausforderung, die der einzige Gast im Nürnberger Ensemble Uwe Stickert mit Bravour meistert) und der Tochter des katholischen Scharfmachers und Mordanführers Graf St. Bris (Nikolai Karnolsky), Valentine (deren Zerrissenheit Hrachuhí Bassénz leidenschaftlich eskalieren lässt), mit dem historischen Hintergrund überblendet wird, dann wird auch der Maler immer mehr in die Geschichte hineingezogen.

In der sind die Stimmen der Vernunft hoffnungslos unterlegen, obwohl sogar die Königin Marguerite dazu gehört. Leah Gordon, die zunächst als blonde Lady in der Eleganz der 60er Jahre wie eine gutbetuchte Sammlerin auftaucht und ihre mustergültig perlenden Koloraturen mit Witz beim Kleideraussuchen präsentieren darf, gönnt der Regisseur dann einen wahrhaft königlichen Auftritt hoch zu (echtem!) Ross.

Dass der ideologische Wortführer der Hugenotten eigentlich nur ein Diener ist, merkt man dem machtvollen Randall Jakobsh kaum an, wenn er leitmotivisch kämpferisch Luthers „Ein’ feste Burg ist unser Gott“ mitten ins überbordende Orchestersprudeln pflanzt.

Der Maler hält der nach dem Großen Morden auftauchenden Marguerite verzweifelt ein blutrotes abstraktes Bild entgegen. Mit einer konkreten Bebilderung ist dem Wahnsinn, der da in vier Opernstunden aus dem kollektiven europäischen Gedächtnis heraufbeschworen wurde, eigentlich nicht beizukommen, soll das wohl heißen. Verarbeitung des Grauens in der Kunst, als Teil seiner Bewältigung? Das wäre dann sehr viel Optimums. Angesichts von sehr viel Grauen.

Nachdem Tobias Kratzer gerade in Karlsruhe die Meistersinger als einen spannenden Diskurs über die Macht und Gefährdung der Kunst inszeniert hat, ist er mit Meyerbeers einst die Bühnen Europas überstrahlenden Hugenotten im Grunde bei diesem Thema geblieben. Mit einem Ensemble, über das man nur staunen kann. Diese Nürnberger Hugenotten sind ein Plädoyer für das ganze hierzulande allzu stiefmütterlich behandelte Genre der Grand opera! Und gegen Wagners undankbares und unfaires, auf Meyerbeers Musik gemünztes Bonmot von der „Wirkung ohne Ursache“. Von wegen!

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