„Die Musik ist tot“ – nicht ganz vielleicht!


(nmz) -
Ihr 10-jähriges Jubiläum begeht das in Berlin ansässige Solistenensemble Kaleidoskop in diesem Jahr mit einer vierteiligen Konzertreihe „Unmöglichkeit I bis IV“. An vier unterschiedlichen Orten werden jeweils Programme entwickelt, die sich als „Versuchsanordnungen“ verstehen, „in denen Spielkonventionen und Hörgewohnheiten hinterfragt werden“. Sie wollen die „Hoffnung auf eine neue ‚Hellhörigkeit‘ versprechen.“ Lösen sie das ein? Ein Besuch der ersten Versuchsanordnung.
10.03.2016 - Von Martin Hufner

Im Berliner Wedding gibt es eine Kunstoase, nahe des ehemaligen Straßenbahnbetriebshofs Gesundbrunnen. Berlin hat ja immer noch das viertgrößte Straßenbahnnetz der Welt. Die Kunstszene Berlins dürfte insgesamt etwas weiter hinten in der Rangfolge stehen. So ein Netz kann an Knotenpunkten sinnvolle Zusammenhänge produzieren, es kann aber auch heillos sich verwirren. Um den Knoten herum ist meistens viel Luft: Durchlässigkeit, Durchsichtigkeit. Verdichtung und Losigkeit begegnen sich.

Auch im Atelier des Künstlers Dirk Bell fallen Zusammenhang und Entdichtung zusammen. Der Raum ist fast komplett in Weiß gehalten. Dazu im Kontrast an Wänden und Folienprojektionen Liniengeflechte in Schwarz. Hocker, Bänke, die Musikerinnen weiß, von der Sohle bis zum Scheitel, fahle Gesichter (Kostüme: Cristina Nyffeler). Der Raum ist hell mit Leuchtstoffröhren, keine versteckten Geheimnisse (Licht / Raum: Dirk Bell). Es gibt wenig Ordnung.

Die Zuhörer betreten den von den musikalisch zentralen Klanginstallationen (Ole Brolin, Harpo ‘t Hart, Tilman Kanitz) laut „erleuchteten“ Raum und platzieren sich; sitzend, stehend, gehend. Schon vor der Tür, im kalten Außen, ist sie präsent. Die Zuhörerinnen tupfen den Raum in meistens eher dunkle Farb-Töne. Man trägt gedeckte Farben im kalten Berlin. Drinnen ist es aber warm. Die Klangwolke aus Klangbändern, Clicks und Bleeps wird sich im Laufe der gut anderthalb Stunden, die das Konzert dauert, auflösen und am Ende die „tote“ Musik aus Helmut Lachenmanns „Gran Torso“ freilegen, ehe sie von einer Quartettformation des heute siebenköpfigen Solistenensembles Kaleidoskop „realräumlich“ erklingt. Das ist der grobe Verlauf des Abends.

Fragmente – Torsi

Nach etwa 20 Minuten betreten die Musikerinnen den Raum, platzieren sich auf Podesten an der Kopfseite des Raumes als Streichtrio und als Quartett/Trio etwas seitlich. Zunächst sind ihre maximal dreiminütigen Einsätze kaum hörbar unterhalb der Klanginstallation. Während sich also das „Gran Torso“ wirklich sehr allmählich aus der Klanginstallation ausschleicht, setzen die beiden Ensembles Fragmente aus Musikstücken von Wolfgang Rihm, Guillaume Dufay (kaum wahrnehmbar) und Ludwig van Beethoven, aber auch Helmut Lachenmann. Selten spielen sie dabei gleichzeitig. Die Fragmente sind dabei ziemlich präzise phrasengerecht auseinandergeschnitten. In der Mitte der Aufführung, wo Dinge sich mehr und mehr vermischen, wird auch der Raum merkbar mit Kunstnebel zärtlich geflutet: Knotenpunkt und prozessuale Indifferenz zugleich anzeigend.

Den breitesten Raum nehmen dabei Ausschnitte aus Rihms „Musik für drei Streicher“ (1977) ein. Das Stück, selbst ja zerrissen in der Struktur wirkt wie der kleine Bruder von Lachenmanns Quartett, es ist ein „Petit Torso“ – das selbst in der Faktur auf die musikalische Tradition Bezug nimmt. Alles bindet sich, alles reißt auseinander – einerseits. Andererseits werden die Beethoven-Partien in den Klangverlauf hineingeschoben. Das ist immer solitär: keine Einblendung am Anfang, kein Ausdünnen zum Ende hin.

Die Sache ist ja vom Einlass bis zum Ende hin in vielen Belangen theatralisch durchgestaltet: eine Abstraktion von Prozessen bis in die Kleidung und die Lidschatten der Musikerinnen hinein – Uhren zu den Füßen der Musikerinnen zeigen die unbarmherzige Unwillkürlichkeit des Ablaufs. Da wirkt das menschelnde Musizieren untereinander, mit Gesten und Blicken fast fremd, weil immer warm. Da mag die Mimik nicht hinter der Musik zurückbleiben, als Restwärme – so wie auch die Farben der Musikinstrumente selbst. Man kann sich fragen, ob die darin enthaltene Spontaneität störend ist oder als Einbruch der klanglichen Konvention zu verstehen ist. Während doch mit Lachenmanns „Gran Torso“ an einen Nullpunkt gelangt, funkeln und schillern die Beethoven-Trio-Fragmente wie Perlmuttstückchen. In der Schnittmenge immer Rihms „Musik für drei Streicher“.

Petrischale

Manchmal war es vollkommen still, manchmal bahnte sich ein Flugzeugüberflug vom nicht weit entfernte Flughafen Tegel sich in die Hülle des Ateliers und ließ kein Zweifel, dass die Versuchsanordnung und das musikalische Labor nichts mit kontrolliert klassischem Anbau musikalischer Ideen gemein hat. Schmunzeln! „Neue Hellhörigkeit“. Eine Versuchsanordnung muss keine Antworten liefern, sondern ist die Grundlage einer Probe; eine Versuchsanordnung ist nicht die administrielle Anordnung eines Versuchs! Hier ist sie das Netz, vielleicht auch nur eine Kultur in einer Petrischale; in jedem Fall lässt sie sich nicht abschließen, sondern lässt Raum für Ergebnisse. Im Atelier STUDIOTEN von Dirk Bell war es Versuchsanordnung I: Komplex dicht und strategisch simpel.

Das Publikum harrte nach dem letzten Ton von Lachenmanns „Gran Torso“ noch lange in der Stille.

„Hoffnung auf eine absolute Musik“? Unsicher! Unsicherheit? Sicher! Unmöglichkeit? Möglich!

Infos:

  • Zweite Aufführung: Unmöglichkeit I, J’espère – Solistenensemble Kaleidoskop & Dirk Bell, 10. März, STUDIOTEN, Uferstraße 8-11, 13357 Berlin.
  • Weitere Konzerte Unmöglichkeit II bis IV auf der Website des Solistenensembles Kaleidoskop
Durchgestaltet bis zum Notenständer. Foto: Petra Basche
Trio-Situation. Foto: Petra Basche
Ole Brolin mischt. Foto: Petra Basche
Im optischen und akustischen Nebel. Foto: Petra Basche
Konzentriertes Musizieren. Foto: Petra Basche
Musik für Drei Streicher. Foto: Martin Hufner
"Die Musik ist tot." Foto: Martin Hufner
Musikerin aus dem Solistenensemble Kaleidoskop. Foto: Petra Basche

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