Gebrüder Graun Produktionsgesellschaft mbH: die 36. Tage Alter Musik in Herne
Den Reichtum, das Füllhorn aufzuzeigen, sei sein „Ehrgeiz“, sagt Lorber, woraus im Umkehrschluss zu entnehmen ist, dass von nur einem „Alter Ego“ (Festivalthema 2011) denn auch kaum die Rede sein kann. Die Darmsaiten-Szene hat viele Gesichter. Und sie expandiert weiter – nach allen Seiten.
Längst gehört die Romantik ebenso zur Alten Musik wie die Wiener Klassik und das Zeitalter der Empfindsamkeit sowieso. Untergründig arbeitet ein Festival wie Herne, auch wenn es das womöglich gar nicht wahrhaben will, an der Auflösung des Genres. Was natürlich auch damit zu tun hat, dass hier in Gestalt von „Kulturradio WDR3“ eine Landesrundfunkanstalt die Szene nach ihrem programmgenerierendem Potential auslotet. Anders als in Witten und Donaueschingen gibt sich Herne mit jeder Ausgabe ein explizites „Thema“. In diesem Jahr ist das „Alter Ego“ an der Reihe, dem Lorber etliche Dehnungsfugen verordnet hat. Da geht es um die künstlerischen Arbeitsgemeinschaften eines Johann Adolf Hasse und Pietro Metastasio, um die (Selbst)entdeckung Haydns als Geschäftsmann (Lieferung bearbeiteter schottischer Volkslieder als Massenware), ferner um die Dopplung von echten und falschen Pergolesis, um die Produktionsgemeinschaft der Brüder Carl Heinrich und Johann Gottlieb Graun am Berliner Hof, um Schumanns zweifaches Alter Ego Eusebius und Florestan oder, das Ganze verlegt in die Seele des Bühnensubjekts, um die Unsicherheit einer Judith vor dem finalen Hieb.
Das alles liest sich süffig und generiert gut gelaunte Programmhefttexte wie von selbst. Mitgeliefert ist da gewissermaßen die Logik einer ins Programm eingewebten Moderation, die treffliche Dienste leistet – bis zum Auftrittsapplaus. Dann zeigt sich, dass die Entscheidung für „Thema“ und „Motto“ auch mit gewissen Risiken und Nebenwirkungen verbunden sein kann. Denn so sehr es ja seine Berechtigung haben mag, auf einen Carl Heinrich Graun zu verweisen, der sich als gelernter Tenor die Gesangspartien seines „Tod Jesu“-Oratoriums selbst auf den Leib geschrieben hat – im vom Blockflötisten Michael Schneider kuratierten La Stagione Frankfurt-Konzert wirkten die graun’schen Rezitativ- und Arien-Häppchen wie peinliche Fremdkörper, die (altmodisches Kriterium?) dem Werkprinzip, das doch in Herne traditionell eine so große Rolle spielt, die Nase drehten.
In der Abteilung Satyrspiel hatte die jetzt zu Ende gegangene 36. Herne-Ausgabe, als Kooperation von WDR3 und Studierenden der TU Dortmund, zum zweiten Mal eine mit dem Axel Springer-Preis gekrönte berufsjugendliche Erfindung im Programm: den „Videoblog“ zu den Tagen Alter Musik! Aufgetan hat man darin einen pomadisierten Sonnenstudioschönling, der im Hauptberuf „DJ“ ist , der, wie uns eine lustige Stimme aus dem Off erklärt, „im Konzertsaal 300 Jahre alte Musik hören muss“ (der Arme!), von der er dann zu Protokoll gibt, dass dieselbe „teilweise sehr melancholisch gewesen ist“. Ferner erscheint ein auf der Höhe des Medienzeitalters stehender Zeitgenosse, dessen Metier als „Sprayer“ angegeben wird und der vor WDR-Mikrophon und WDR-Kamera sein gespraytes Kunstwerk heftig augenzwinkernd so kommentiert: Alte Musik? „Irgendwas Geigenmäßiges“. Hätte er in der Schule gelernt.
Apropos. Auch im Herner Videoblogger schlummert ganz tief und unerkannt der angewandte Pädagoge. Am Ende des Minutenwalzers wieder die Stimme, jetzt mit unverkennbaren Beichtvatertouch, wenn es plötzlich heißt: „Was macht Alte Musik mit Dir?“, um solcher Aufforderung zur Gewissenerforschung gleich das erlösend Kumpelhafte anzuhängen: „Find’s raus im Videoblog der Tage Alter Musik in Herne.“ Alles klar.
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