Gesänge am Rand des Abgrunds: Die ‚Geige mit zwei Beinen’ – Rebekka Hartmann famos in Davos


(nmz) -
Zum 26. Mal findet das ‚Davos Festival – Young Artists in Concert’ statt, dieses Jahr unter dem Motto ‚Das ewig Weibliche’, und natürlich mit einem klaren Schwerpunkt auf dem Schaffen und Wirken von Komponistinnen, darunter ein Workshop für Nachwuchskomponisten mit der aserbaidschanischen Maestra Franghis Ali-Zade. Mit großer Spannung wurden insbesondere die Auftritte der Starnberger Geigerin Rebekka Hartmann erwartet.
04.08.2011 - Von Christoph Schlüren

Die 30-jährige, halb deutscher, halb bosnisch-serbischer Abstammung, zählt zu den ganz großen Hoffnungsträgern der jüngeren Geigerelite und steht auf dem Sprung zu einer eminenten internationalen Karriere. Unter anderem wird sie in diesem Oktober – als dritte Solistin weltweit nach der Widmungsträgerin Ida Haendel und Isabelle van Keulen – das Zweite Violinkonzert von Allan Pettersson aufführen, diesen ‚Mount Everest der Violinkonzerte’, der einer einsamen Geige einen 55 Minuten währenden, nonstop aufwühlenden Kampf mit den entfesselten Orchestermassen abverlangt – wer dieses Stück spielt, fürchtet sozusagen weder Tod noch Teufel…

Rebekka Hartmann trat zunächst sowohl im Klaviertrio (Fanny Mendelssohn-Hensels Op. 11 mit Lionel Cottet und William Youn) als auch im Duo mit der Harfenistin Agne Keblyte (Saint-Saëns und die anwesende Isländerin Mist Thorkellsdottir mit dem folkloristisch charmanten ‚Haustlauf’ [Herbstblätter]) und mit dem Cellisten Lionel Cottet (in der zeitlos fulminanten Ravel-Sonate und Sofia Gubaidulinas technisch horrend herausforderndem Melismenspiel ‚Rejoice!’) auf. Schon hier bewies sie mehr als makellose instrumentale Meisterschaft, kammermusikalische Elastizität und verfeinert kraftvolle Gestaltungskraft, die sich nicht der Musik aufdrängt, sondern ihre Emphase aus der Hingabe an die melodisch-harmonischen Gesetzmäßigkeiten bezieht.

Rebekka Hartmanns darauffolgender Soloauftritt war ein Musterbeispiel des Strebens nach einer hochenergetischen Balance aus funkensprühender Ekstase und der weitschauenden Disziplin zusammenhängend entwickelnden Gestaltens. Zu Beginn in der 1928 entstandenen Sonata fantasia (1928-29), einem verblüffend eigenständigen Jugendwerk der von Schostakowitsch hochgeschätzten Serbin Ljubica Maric (1909-2003) zwischen freier Tonalität, fernen Folklore-Anklängen und Bach-Huldigung aus Bartók-verwandtem Geist, konnte man zugleich die extreme Wendigkeit der Phrasierung der feinziselierten Liniengewebe bestaunen in einer Musik, die auf engstem Raum in synkopisch treibenden Rhythmen feinste Betonungen verlangt und zwischen chromatisch verschatteter Melancholie, graziös groovendem Drive und stachelig anspringender Gezacktheit changiert.

Danach die frühe Solosonate op. 11 Nr. 6 in g-moll (1917-78) von Paul Hindemith, eine verwegene Stilmixtur mit eindeutigem Bezug auf Bach, revolutionärem Augenzwinkern, erfrischenden Momenten parodierten Pathos’ im Gefolge Busonis und durchaus in all der kaleidoskopischen Vielfalt wirklich substanziellen Zügen und einer gewissen formalen Stringenz, zumal im zentralen Siciliano. Rebekka Hartmann, die dieses Werk bereits vor Jahren auf ihrer Debüt-CD vorgestellt hat, trug die Musik mit bis zu Wildheit aufbrausender Verve, erlesenen Abtönungen und klarem metrischen Empfinden in all den übermütigen rhythmischen Überlagerungen vor.

Es folgte die Uraufführung der 2010 entstandenen ‚Towers’ von Håkan Larsson, einer ‚Hommage an Johann Sebastian Bach und Anders Eliasson’. Der 1959 geborene, in Uppsala lebende Larsson ist auch in seiner schwedischen Heimat noch kaum bekannt. Im November 2009 hatten das Casal Quartett und die Pianistin Ottavia Maria Maceratini in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste seine Musik mit großen Erfolg erstmals einem deutschen Publikum vorgestellt, und seit kurzem ist eine erste CD mit seinem hochexpressiven und bei aller dissonanten Komplexität eine tiefe Lyrik ausstrahlenden Streichquintett ‚Märken’ erschienen.

So unprätentiös, wie der Komponist beim Podiumsgespräch wirkte, ist auch seine Musik, dabei bis zum Bersten aufgeladen im konzessionslos existenziellen Offenlegen der zerbrechlichen Seele, die viel Leid erfahren haben muss und im Gegenzug die Aspekte des Fantastischen, abrupt Überraschenden und zuweilen untergründig Humorvollen kultiviert hat. Seine ‚Towers’ sind wahrlich keine leichte Kost, herrlich eigentümlich in der Linienführung insbesondere der kantablen Abschnitte, zugleich ständig durchsetzt von Abbrüchen, vehementen Ausbrüchen, gespenstischen Erscheinungen, Momenten elegischen Verweilens; alles ist durchdrungen von einer unstillbaren Sehnsucht.

Diese Musik ist aus unergründlicher Introversion geboren, und sie scheint sich stets aufs Neue selbst in Frage zu stellen, an sich zu zweifeln, auch zu verzweifeln, um sich dann aufs Neue aufzuraffen und uns wieder zu entführen in Regionen einer unerschlossenen Melodik und Harmonik, die unmittelbar berührt und Fragen offen lässt. Håkan Larssons Solostück ist in seiner radikalen Diskontinuität nicht ein unantastbares Meisterwerk wie ‚In medias’ seines Mentors Anders Eliasson, womit Rebekka Hartmann im Konzert zuvor das Publikum in einen sieben Minuten währenden, kontinuierlichen magischen Bannkreis gezogen hatte, der wahrhaft die Zeit stillstehen ließ. Doch diese ‚Towers’ sind die authentische Offenlegung einer inneren Landschaft, in welcher sich ein Komponist sowohl spröde, rau und dissonant als auch äußerst feinsinnig, zärtlich und intim ausspricht.

Wir möchten mehr von seiner zutiefst aufrichtigen Musik hören, und Rebekka Hartmanns glutvoll sehnige Aufführung war ein ideales Plädoyer – bezwingend gerade auch die physische Präsenz ihres Spiels im ganzen Raum, was Larsson zu dem Kommentar anregte, sie sei „a violin with two legs“. Und diese ‚Geige mit zwei Beinen’ schloss ihre Matinée denn auch mit immensem Schwung und Furor, treffsicherem Gespür für die tänzerischen Idiome und veredelnder Phrasierung ab in der sechsten Solosonate von Eugène Ysaÿe, jenem neben George Enescu überragenden Geiger-Komponisten der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Nach Håkan Larssons erratischen Gesängen am Rand des inneren Abgrunds ein entfesselter Tanz auf dem Vulkan zirzensisch virtuoser Musikanterie, doch auch in der äußersten Hitze des Gefechts hat Rebekka Hartmann nüchterne Klarheit und wache Übersicht behalten.

Alles riskiert, alles gewonnen. Der Intensität und Hingabe solcher Künstler verdanken wir die Erinnerung, dass große Musik jedes Mal neu geboren werden muss, und dass dies niemals das normale Tagesgeschäft war.

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