Im Labyrinth der Sünde –Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ in Lübeck


(nmz) -
Es gibt nur wenige Opern des zwanzigsten Jahrhunderts, bei denen die Aufführungsgeschichte den Plot und die Musik an Spannung und Potenzial für die Zeitdiagnose so übertrifft, wie es bei Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“ der Fall ist.
06.03.2016 - Von Joachim Lange

Packend ist allein schon die Geschichte der Kaufmannsfrau Katerina Ismailowa, die in der Langeweile des russischen Landlebens mit einem sadistischen Schwiegervater und dessen Waschlappen von Sohn ebenso konfrontiert ist, wie mit dem Machogehabe der übrigen Bauern und Knechte. Sie will und kann sich nicht einfach arrangieren und wählt einen (selbst-)zerstörerischen Ausweg. Sie lässt sich auf ein Verhältnis mit dem vor Vitalität strotzenden Knecht Sergej ein, mischt dem Schwiegervater Rattengift unter die Pilze, erschlägt ihren Ehemann gemeinsam mit dem Geliebten, den sie kurz danach heiratet. Als das alles aufgeflogen ist und sich Sergej auf dem Weg nach Sibirien der attraktiveren Sonjetka (Wioletta Hebrowska) zuwendet und Katerina vor aller Augen demütigt, bringt sie am Ende auch noch diese Konkurrentin und dann sich selbst um.

So viel Düsternis, Tristesse und menschlicher Abgrund lässt sich weder als kriminelles Historienstück aus dem russischen Landleben, noch als biographische Anomalie erklären. Das hat hinter der Maske des 19.Jahrhunderts (aus dem die Vorlage von Leskow stammt) mit dem Leben ganz unmittelbar zu tun. Noch dazu, wenn die Musik so lebendig, zupackend und mitreißend vital ist, wie sie Schostakowitsch komponiert hat und wie sie nach der Leningrader Premiere im Januar 1934 ihren unglaublichen Siegeszug in der ganzen Sowjetunion antrat.

Nach der unseligen Formalismusdebatte, etlichen Säuberungen, Schauprozessen und einem Besuch des Roten Zaren in einer Vorstellung dieser Oper, gab es dann 1936 das berühmt berüchtigte Prawda-Verdikt „Chaos statt Musik“. Die Bühnenkarriere des Werkes war damit schlagartig beendet. Erst 1962, ein Jahr nach dem Eintritt des Komponisten in die KPdSU, und fast zehn Jahre nach (!) Stalins Tod, kam die zu „Katerina Ismailowa“ überarbeitete Neufassung in Moskau wieder auf die Bühne.

Wenn jetzt in Lübeck am Ende auch ein Foto des Komponisten zu den anderen Opfern des Terrors an die Kyrillischen Lettern des russischen Wortes für Sünde gepinnt wird, hat das also zumindest im übertragenen Sinne seine Richtigkeit. Auch wenn Schostakowitsch nicht dem blutigen Terror zum Opfer fiel, sondern 1975 eines natürlichen Todes starb und beim Staatsakt sein Streichquartett Nr. 8 erklang …

Auszüge aus jenem Prawda-Artikel (der zu den Schlüsseldokumenten der vereinigten Kulturfeinde aller Länder gehört) werden in Lübeck auf den Vorhang projiziert, während der 4. Satz von Schostakowitschs Streichquartett Nr. 8 in c-Moll, live gespielt, dem Auftakt der Oper vorgeschaltet ist. Dass der 5. Satz dieses vom Komponisten in Gohrisch bei Dresden vollendeten Werkes nach dem Finale der Oper erklingt und damit dem ausbrechenden Jubel jeden irgendwie falschen Anschein verweigert, ist einer von Jochen Biganzolis blitzgescheiten Regieeinfällen.

Ausbalancierter Thriller

Ihm gelingt es nämlich, die Oper selbst mit der aufdämmernden Tragik der Entstehungszeit so mit einem Kommentar zum Stück auszubalancieren, dass damit weder die stück- noch die zeitbezogenen Ambitionen beschädigt werden. Also weder die Schapkas und Birkenwäldchen, noch die Brechtgardinen stauben. Und der Subtext der Epoche mitinszeniert wird. Beim komödiantisch grotesk überzeichneten Blick in die Polizeistation sattelt er sogar eine deftige Publikumsanmache drauf, ohne dass das peinlich wird. Wenn die Polizei zu Beginn der Szene noch ausschließlich mit sich selbst beschäftigt ist, kommen die Polizisten mit der deutschen Aufschrift POLIZEI, vor laufenden Krimi-Trailern, mit Werbeflyern, Luftballons, einem Tänzchen des Polizeichefs (Steffen Kubach) mit einer Dame in der ersten Reihe und in deutscher Sprache zu einer Werbe- und Charmeoffensive in den Saal gestürmt. Wenn sie sich dann aber den „Sozialisten“ schnappen und beschließen den Ismailows einen Besuch abzustatten, dann ist Schluss mit lustig. Dann gibt es wieder die Polizia in Russisch, dann wird mit Gesichtsmasken und Taschenlampen wieder im Trüben gefischt … Und man kann sich aussuchen wie viel Ironie im deutschen und wie viel bitterer Ernst im russischen Teil dieser Szene steckt.

Dem transparenten, dringlichen Ernst in dieser deftigen Musik und Geschichte sind Dirigent Andreas Wolf am Pult des die Urfassung präzise schärfenden Philharmonischen Orchesters der Hansestadt Lübeck und Jochen Biganzoli ohnehin auf der Spur. Wie soll man auch aus heutiger Perspektive, mit dem Wissen um den Archipel Gulag den vierten Akt der Oper anders als eine Art Requiem für die Opfer des Stalinschen Terrors hören und sehen? Biganzoli, Wolf Gutjahr (Bühne), Katharina Weissenborn (Kostüme) und Thomas Lippick (Video) ziehen daraus eine radikale ästhetische Konsequenz: gerade noch als Hochzeitsgesellschaft bei den Ismaliows mit einem Popen (den Seokhoon Moon als versoffenen Popstar gibt) und jeder mit seiner Wodkaflasche in der Hand beim Feiern oder der kleinbürgerlichen Schadenfreude, wenn es dem Brautpaar an den Kragen geht, fallen sie plötzlich alle um und finden sich übergangslos als Personal auf dem Weg ins Lager wieder.

Präzision einer nach innen gerichteten Analyse

Dahinter werden die makabren Comics aus dem Lageralltag an den geschlossenen, einem Gasometer ähnelnden Zylinder projiziert, die Dancik S. Baldajew in 33 Jahren Lagerdienst angefertigt hat (und die 1993 unter dem Titel GULag Zeichnungen veröffentlich wurden). Zu diesen beklemmend authentischen Blicken über den Zaun der roten Konzentrationslager wechselt die Szene von der Spiel- in eine Konzertsaal-Situation, setzt also nicht auf die Wirkung eines aufgeschminkten, sondern emotional erfassten Elends. Zusammen mit den ins Publikum gehaltenen und dann als Illustration auf das Wort Sünde gepinnten Fotos (von Opfern? Vermissten?) ein Lehrbeispiel für die oft angestrebte und selten erreichte Fallhöhe, die insgesamt durch das hinzugefügte Streichquartett verstärkt wird.

Neben diesem über den Tellerrand der Vorlage gerichteten Blick in die Welt, besticht die Lübecker Neuproduktion aber auch durch die Präzision ihren nach innen gerichteten Analyse jener vibrierenden Melange aus brodelnden sexuellen Obsessionen und der latenten Gewaltbereitschaft patriarchalisch geprägten Macho-Verhaltens. Dabei spielt Biganzoli gekonnt sowohl mit der Stilisierung bei der Vergewaltigung der Köchin, als auch mit szenischen Illustrationen, etwa wenn sich Katerina nachts durchs Haus bewegt und dabei ein sich handfest liebendes Paar beobachtet oder ihren Mann, wie der sich mit einem Knecht vergnügt … Halluzinationen einsamer russischer Nächte.

Dass die Melange aus deutlichen Zeichen (ein Stalinbild mit Trauerflor zur aufgebahrten Leiche des Schwiegervaters), der distanzierende Kommentar (durch die abgestellten Groß-Porträts des Komponisten in Zivil und als Feuerwehrmann oder im Livevideo vergrößerte Gesichter) und detailfreudiger Personenregie so fabelhaft funktioniert und die Spannung über den ganzen dreistündigen Abend hält, liegt natürlich auch an den Sängerdarstellern.

Allen voran: Irina Rindzuner als bis zur Schärfe durchdringende, hochsouveräne Katerina und John Uhlenhopp als stimmgewaltiger, vitaler Sergej. Taras Konoshchenko wirft sich mit Vehemenz in die Rolle des fiesen noch immer geilen Boris Tiomofejewitsch, und kehrt als Geist mit Maske vorm Gesicht und als Alter Zwangsarbeiter wieder. Daniel Jenz spielt den dekadenten Tuch seines Sohnes Sinowij ebenso lustvoll aus, wie alle anderen die kleinen Rollen und der auch darstellerisch geforderte Chor die seine.

Der Jubel des Lübecker Premierenpublikums war ungeteilt und heftig!

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