Klingeling und Ritscheratsch – zur Uraufführung von Moritz Eggerts „Industrial“ in Stuttgart


(nmz) -
Ohne Rhythmus ist alles nichts, aber Rhythmus ist auch nicht alles. Insofern ist Moritz Eggerts neues Werk „Industrial“ für Solo-Schlagzeug und Orchester, das jetzt als Kompositionsauftrag des SWR-Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart (RSO) in der Stuttgarter Liederhalle unter der Leitung von Kristjan Järvi zur Uraufführung kam, strukturell äußerst dürftig, denn viel mehr als Rhythmus hat es nicht zu bieten.
13.02.2009 - Von Verena Großkreutz


Der auch humorbegabte Peter Sadlo hatte am Schlagzeug zwar jede Möglichkeit, seine stupende virtuos-brillante Schlagkraft unter Beweis zu stellen. Aber die Kommunikation zwischen Solo-Instrument und Orchester, die von jeher den eigentlichen Reiz des konzertierenden Prinzips ausmacht, erschöpfte sich bald: Im bloßen Wechsel zwischen impulsgebenden Schlagzeugsoli und statischen Orchesterklangflächen wurde keine wirkliche Entwicklung offenbar. Während sich Sadlo an Trommeln und Autofelgen abarbeitete, produzierte der Klangkörper heiße Luft: Da hörte man minimalistisches Ostinatogewusel in den allzu oft tremolierenden Streichern, trockene Staccato-Einwürfe der Bläser, Paukendonner.

Dass Eggert es dann nicht auslässt, auch noch Klangkonkretes wie Klingelings und Autohupen ins Spiel zu bringen, wurde dann spätestens peinlich, als der befrackte Orchesterperkussionist einen Staubsauger aufbrummen ließ. In all dem Dauergewummere wirkten diese Zitate aus einer Lichtjahre entfernten Avantgarde völlig ohne Bezug zum Rest. Und was will der Titel „Industrial“ sagen, außer dass Produktionsmaschinen fürchterlichen Krach machen? Eggerts Klangästhetik erinnerte an gewisse Jeans-Werbefilme, deren Blick auf die industrielle Arbeitswelt romantische Verklärung verrät. Bedrohliche Wolken zogen da nicht auf.

Ob dieser inneren Leere dachte man wehmütig an politische Komponisten wie Luigi Nono zurück, der in Werken wie „La Fabbrica Illuminata“ einst die unerträglichen Arbeitsbedingungen in Metallfabriken thematisiert hatte.  

Das Publikum im Beethovensaal der Stuttgarter Liederhalle schien dennoch begeistert: Peter Sadlo wurde für seine fröhlich-wild hämmernden solistischen Einlagen stürmisch gefeiert, und am Nektar des Applauses durfte dann auch der vielbeauftragte Moritz Eggert nippen.  

Immerhin war Eggerts Rhythmusstück dramaturgisch klug eingebettet worden, reisen doch Leonard Bernsteins Ouvertüre und Suite zu „Candide“ und Sergej Rachmaninows Sinfonische Tänze op. 45 durch die unterschiedlichsten rhythmischen Welten. Aber auch wenn sich die Orchesterfarben wie gewohnt prächtig entfalteten: Das sonst so brillante und perfekt miteinander kommunizierende RSO spielte unter der Leitung des hüftschwingenden Gastdirigenten Kristjan Järvi spannungslos und wenig zielorientiert.

Järvis lässiges Dirigierballett forderte in Bernsteins deftigen Klangschwelgereien so manch eine unnötige Übertreibung, und Rachmaninows Spätwerk tat es wirklich weh, dass Järvi keinen Sinn für den großen, stringenten Bogen zeigte. Das Stück zerfiel unter seiner Leitung in Einzelteile und provozierte so manches Gähnen.

 

„Industrial“: Eine Antwort des „Vielbeauftragten“

Liebe Verena Großkreutz,

Gerne beuge ich mich natürlich Ihrer Weisheit und will Besserung geloben, auch ist es mir wirklich selber zutiefst peinlich, dass das Publikum anscheinend bei meiner Aufführung Spaß hatte. Das darf natürlich überhaupt nicht sein, Sie haben vollkommen Recht! Es ist aber auch so, dass mich Ihre Worte verwirren, denn ich weiß nicht, was ich jetzt eigentlich genau machen soll, um es Ihnen in Zukunft Recht zu machen. Also einerseits vermissen sie das gesittete Zwiegespräch zwischen Solist und Orchester, das man sich eben so unter einem “Konzert” vorgestellt. Ok, verstanden!

Dann aber wollen Sie auch, dass ich mich auf die politische Betroffenheitsästhetik des von mir sehr geschätzten Luigi Nono beziehen soll, der sich nun aber eben zeitlebens (gottseidank) einen Dreck darum geschert hat, irgendwelche Konventionen des “klassischen Konzertes” zu erfüllen, und sicherlich auch kein Stück geschrieben hätte, das sich in bravem, gesittetem Wechselspiel ergeht.

Ich soll also einerseits so schreiben wie früher, es dann aber auch wieder vermeiden – beide Positionen erscheinen mir aber gleichermaßen überkommen - was denn nun also? Auch tut es mir sehr leid, dass ich nicht die “unerträglichen Arbeitsbedingungen” in Metallwerken anklagen wollte.

Ich kann Ihnen auch sagen, warum: Dies in einer Zeit zu tun, in der es diese “unerträglichen Zustände” einerseits zumindest in unseren Landen ganz sicherlich nicht mehr gibt (und man sollte sich nicht einbilden, dass Nonos Stück auch nur ein Quentchen dazu beigetragen hat) und andererseits die meisten Menschen gerade in diesen Tagen viel darum geben würden, in einem Metallwerk oder zum Beispiel einer Autofabrik arbeiten zu dürfen, geschweige denn überhaupt einen Job zu haben - das wäre dann doch der Gipfel des Zynismus gewesen, meinen Sie nicht?

Mit herzlichen Grüssen, Ihr “vielbeauftragter” und damit natürlich schon einmal grundsätzlich hochverdächtiger Metall- und Notenarbeiter Moritz Eggert


Antwort auf die Antwort des Vielbeauftragten

Lieber Moritz Eggert,

bitte verstehen Sie mich nicht falsch: Sie müssen es mir nicht recht machen! Sie dürfen weiter so komponieren wie bisher. Keine Sorge.

Dass Sie Ihrem Stück den Titel “Industrial” gegeben haben, hat bei mir nun mal eben Assoziationen in Richtung Politik ausgelöst. Das heißt ja nicht, dass Sie es machen sollen wie Nono.

Ich habe übrigens nicht geschrieben, dass ich in “Industrial” ein “braves, gesittetes Wechselspiel” vermisse, sondern dass mir genau dies an Ihrem Stück missfällt. Mir fehlen ganz einfach die inneren Bezüge zwischen dem Schlagzeug- und dem Orchesterpart. Auch eine Entwicklung. Sie haben tendenziell ein Stück für Schlagzeug solo geschrieben, keines für Schlagzeug UND Orchester.

Und dass ein Teil des Publikums beim Hören Ihres Stücks viel Spaß hatte, störte mich überhaupt nicht. Deshalb habe ich es ja auch erwähnt: Um zu zeigen, dass es eben auch noch andere Meinungen zu “Industrial” gibt.

Herzliche Grüße
Verena Großkreutz


Liebe Verena Großkreutz, lieber Moritz Eggert:

…über Euren Dialog freue ich mich sehr. Es ist kein Geheimnis, dass ich Moritz Eggert für einen der begabtesten und intelligentesten unter unseren zeitgenössischen Komponisten halte. Das tue ich aus meiner ganz persönlich zusammengebrauten Hörkunst der Melodien, die ich, obwohl ziemlich verantwortlich für ein Mitentscheider-Medium in dieser Sparte, nie für das Maß der Dinge hielt. Mir ist nicht die Ideologie, das Besser-Wissen wichtig, geschweige denn das Sich-gerade gut finden im Rahmen eines inzestuösen Geschätzt-Werdens. Sondern das glaubwürdig und trotzdem visionäre Überleben, nein mehr: die Lebens-Wert schaffende Phantasie unserer Komponisten. Sie setzt Mut voraus, nicht nur Hoffnung auf Kreativität, und damit: Sich äußern, miteinander reden, vermitteln im Sinn von kommunizieren. Nicht: im Ambiente des Siemens-Preises kränklich aufgekratzt rumhängen, schweigend Kohle empfangen, die Pflege der eigenen Unterhose vergessen.
Den Sinn unseres kleinen Medien-Imperiums sehe ich auch im Plattform-Bau für angemessene Präsentationsformen. Moritz Eggert, hoffentlich auch Sie, Frau Großkreutz und andere werden sich demnächst auch hier offen an- und aussprechen können.
Nochmal: Vielen Dank - und bis bald.
Ihr / Euer
Theo Geißler
www.nmz.de
geissler@nmz.de


Lieber Moritz Eggert, auch

Lieber Moritz Eggert,

auch ich durfte gemeinsam mit einer Freundin gespannt Ihrer Komposition “Industrial” lauschen.
Als erstes möchte ich meine Hochachtung Ihnen gegenüber aussprechen. Es ist unglaublich, wie sie die Klangeffekte produzieren ließen und sich das Orchester und das Schlagzeug mit solch einer Intensität gemeinsam in Rage spielen.
Die Reaktion des Publikums (auch ich war darunter) ist keines Weges auf die Peinlichkeit zurückzuführen, die, wie Frau Großkreutz geschildert hatte,möglicherweise durch Bohrmaschinen,Staubsauger und andere Klangkörper ausgelöst wurde, sondern allein die Tatsache,dass Klangerzeuger aus der Industrie in einem “gesitteten Ort”, wie der Konzertsaal erscheinen mag, auftauchen.
Jedoch war es genau das, was mich so faszinierte! Sie wagten es die beruhigende Atmosphäre eines Konzertsaales zu durchbrechen und schafften es, ihn mit neuer Originalität,Spannung und ja wunderbarer Überraschungen neu zu füllen!Ich bin mir sicher,wenn sich jeder einzelne Zuhörer sich Ihr Werk wiederholt anhört und verinnerlicht und sich inständig darauf einlässt, würde die Reaktion anders ausfallen. Es war wohl einfach die Überraschung,die die im Konzertsaal unbekannten Klangkörper hervorriefen!

Ich denke, da spreche ich nicht nur für mich!
Ich kann meine Begeisterung für Sie und Ihre Art und Weise wie Sie es schaffen, die eine Klangwelt mit einer anderen so überzeugend zu verbinden, kaum aussprechen!
Ich wünsche Ihnen alles alles Gute auf Ihrem weiteren Weg!
Herzlichste Grüße


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