Leicht, ironisch, witzig – Das Anhaltische Theater Dessau vollendet seinen Nibelungen Ring mit einem bejubelten „Rheingold“


(nmz) -
Der regieführende Noch-Intendant André Bücker und der ebenfalls Dessau verlassende GMD Antony Hermus haben es hinbekommen: Sie haben das Kunststück fertig gebracht und ihren Nibelungen Ring vollendet. Gegen alle widrigen, vor allem politischen Rahmenbedingungen. Selbst der Untertitel „in der bauhausstadt“ ist mehr als nur ein Marketing-Gag. Über weite Strecken wird dieser Bezug zu einer ästhetischen Inspiration, um das Wagnersche Monstrum neu zu befragen. Möglicherweise ist es für das Anhaltische Theater der letzte gelungene Beweis für die mobilisierende Kraft, die ein gemeinsamer Wille zur Kunst auch in Sachsen-Anhalt freizusetzen vermag.
01.02.2015 - Von Joachim Lange

André Bücker kann Dessau nach sechs Jahren als Intendant jedenfalls ruhigen Gewissens verlassen, nachdem er den vergifteten Politiker-Ratschlag, sich doch auf seine Intendanten-Stelle neu zu bewerben, verständlicherweise ausgeschlagen hat. Er kann es aber auch als Künstler. In den Premieren-Jubel für das „Rheingold“, mit dem der Ring vollendet wurde, floss wohl auch die Anerkennung des Publikums für Bücker und Hermus ein, die sich beide als wackere Streiter für Wagner, das Theater und die Kunst erwiesen haben.

Antony Hermus hat seine Anhaltische Philharmonie vom den ersten aus dem Nichts oder besser vom Rheingrund aufsteigenden Tönen bis zum Einzug der Götter in Walhall ganz vorzüglich im Griff. Er liefert mit diesem „Rheingold“ ein schönes Beispiel dafür, wie leicht das eigentlich schwer zu machende klingen kann. Mit allen Finessen, die der leichte Konversationston des Ringvorabends braucht, um die Worte verständlich von der Rampe aus (aber auch aus der Tiefe des Raumes) unters Volk kullern zu lassen Man folgt sozusagen aufs Wort dem nachvollziehbaren familiären Beziehungsstress dieser ach so menschlichen Götter, dem Bruderzwist zwischen den Riesen, dem Gier-Wettbewerb zwischen den beiden Nibelungenbrüdern Albreich und Mime. Aber auch der listige Witz des schlauen Loge funkelt auf, mit dem der jede Falschheit dieses Spiels um die Macht durchschaut und es anheizt, in dem er sich bewusst dumm stellt.

Hier setzt Bücker mit seiner fabelhaften Darstellercrew auf einen ironisch witzigen Zugang. Das artet nie ins Schenkelklopfen aus, aber dabei zuzusehen, wie es zwischen dieser eitlen Götter-Bagage, dem arbeitenden Volk und dem Unterweltpersonal immer wieder menschelt, das macht Spaß. Am besten funktioniert das bei Vollblut-Komödianten wie Ulf Pausen (als Wotan mit Pelzkragen und Wagner-Barrett), Rita Kapfhammer (als fürstlich herausgeputzter und vokal auftrumpfender Fricka), Angelina Ruzzafante (als verschacherter Freia) und Albrecht Kludszuweit als Loge. Etwas steifer im Spiel aber mit tadelloser Eloquenz profiliert Stefan Adam den Alberich, der den Rheintöchtern den Goldwürfel klaut und sich dann trotz großer Videoverwandlungs-Show in Wurm und Kröte, das Gold von Wotan und Loge wieder abnehmen lassen muss.

Da man in Dessau den Ring von hinten aufgezäumt und mit der „Götterdämmerung“ begonnen hat, bleibt dem Zuschauer gar nichts anderes übrig, als sich die „richtige“ Reihenfolge selbst zu denken. So verweist denn das „Rheingold“ mit dem dominierenden, fast unschuldigen Weiß der spielerisch auf die Entstehungszeit verweisenden Kostüme von Suse Tobisch und den beweglichen Projektionswänden von Jan Steigert auf jenes Stadium in dem die Bilder laufen lernten. Da beginnen die Scherenschnitte der Götter und Riesen ein Eigenleben, da wird das Blau des Rheins schwungvoll hingetuscht oder ein leuchtendes Rot für das Feuer Loges projiziert. Das symbolträchtige Gold schließlich ist ein Bildersturm, der gleich das ganze Welt(kultur)erbe zitiert. Folgerichtig illustriert eine Ikonographie des Schreckens bis in die Gegenwart hinein Alberichs Fluch. Da es um die Macht des Mediums Films geht, ist Nibelheim ein Disney-Studio, in dem die Nibelungen wie in der Klippschüler sitzen und zeichnen.

So besteht denn der Schatz, mit dem Freia ausgelöst wird, logischerweise aus goldenen Filmrollen als Symbol der Macht, die zur Macht der Bilder wird. Noch ein zentrales optisches Leitmotiv dieses Rings hat hier seinen Ursprung: der Würfel. Aufgefächert und mit einer Umrahmung, die auch etwas ans Kanzleramt erinnert, steht er hier zunächst für die gerade vollendete Götterburg Wahlhall… Obwohl dieser Ring jetzt komplett jetzt ist, steht die eigentliche Premiere noch bevor – im Mai und im Juni wird es den gesamten Zyklus zu sehen geben. Dann erstmals in der richtige Reihenfolge.

  • 1. Zyklus 13., 14.,15.,17. Mai 2015
  • 2. Zyklus 23., 24., 26., 28. Juni 2015

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