Leichtes Kribbeln im Tabubereich – die „musikFabrik“ mit Schönberg und Poppe
Beim folgenden Programmpunkt war die Welt im Klaus von Bismarck-Saal des WDR dann wieder in Ordnung. Fürs erste zumindest. Angekündigt die Uraufführung für zwei Schlagzeuger, zwei Keyboarder als Gemeinschaftsarbeit zweier Komponisten. „Tonband“ nennen Enno Poppe und Wolfgang Heiniger eine Komposition, in der die beiden Pianisten zwar einen exakt notierten Tonsatz auszuführen haben, ohne dass dieser aber so klingt wie notiert. Vielmehr lösen die Keyboards eine Live-Elektronik aus, die die Klänge eines ausgetüftelten Percussion-Setups anreichern, überlagern, konterkarieren, illustrieren.
Mit Wonne stürzten sich Kobler und Löffler, die Herren an den Tasteninstrumenten, in eine mit heftigem Augenzwinkern angerichtete Klangmelange. Zumal Ulrich Löffler, letztes noch aktives Gründungsmitglied des Ensembles, schwamm in dieser mäandernden Arbeit wie der Fisch im Rockmusikfruchtwasser. Soviel Lust, soviel Spielfreude war selten. Die Funken, die die Interpreten samt zweier ‚tanzender’ Perkussionisten als Augenmusik auf der Bühne entfachten, sprangen ins Publikum und – schieden erneut die Geister. Im Zickzackkurs wie bei der Wüsten-Rally die Ecken der jüngeren Musikgeschichte abgefahren: Fluxus, Elektronik, Rock, Jazz. Von allem etwas, in allem aber stets neue Musik: Notiert, komponiert. Eine Arbeit, die sich zugleich nicht scheute, ihr Redundantes herzuzeigen. Mit der Folge, dass sich mancher im Publikum dann doch wieder fragte: Ein Jux?
Die Frage war kaum gestellt, als das Wechselbad auch schon in die nächste Runde ging. In diesem Fall: von opus 19 zurück zu Schönbergs noch tonalen, in den Gestus der Spätromantik gefassten „Sechs Orchesterliedern“ opus 8. Hier (Nr. 1,2,5) im Arrangement für Ensemble von Hanns Eisler und Erwin Stein aus den Jahren 1920/21 und (Nr. 3,4,6) von Klaus Simon aus jüngster Zeit. Unterm espressivo-Dirigat von Stefan Asbury vergaß man für einen schönen Augenblick, dass hier tatsächlich ein Neue Musik-Ensemble am Werk war – so sehr ließen sich die Musiker und eine immer noch hochpräsente Rosemary Hardy von einem mahlerischen Orchestersatz forttreiben, womit (jedenfalls soweit sich Rezensent erinnern kann) eine ganz neue Ensemble-Facette aufgetan war: Ein romantischer Konzertabend – mit der musikFabrik. Leichtes Kribbeln im unteren Tabubereich. Mehr davon, schließlich ist auch in der neuen Musik der eigene Schatten zum Überspringen freigegeben.
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