Losgelöste Verinnerlichung: Piotr Anderszewski legt ein fesselndes Schumann-Album vor
Die Humoreske op. 20 von 1839 zählt zum formal verwickeltsten, komplexesten aus Robert Schumanns Feder – ein vielgestaltiges, in seiner Mannigfaltigkeit unübertroffenes Wunderwerk erlesenster musikalischer Poesie. Man muss, wie immer bei Schumann, nichts wissen über die außermusikalischen Hintergründe der Entstehung, und wird zugleich auf eine fantastische Reise in die Grenzbereiche seelischen Empfindens und Ausdrucks mitgenommen: zutiefste Empathie mit der Irrationalität reiner Kreativität wird von Ausführendem und Hörer verlangt, um dem Komponisten auf den verschlungenen Pfaden verfeinerter Intimität folgen zu können. Anderszewski ist ein verwegener Meister sensibelster Abschattierungen, er kann auf dem Klavier praktisch alles darstellen, was an subtil verwobener Kontrapunktik und klangfarblicher und rhythmischer Finesse, an Transparenz und Spektrum von prunkvoller Kraftentfaltung bis zu edel belebter Pianissimo-Kultur am Rand der Stille in dieser Musik verborgen liegt. Andererseits ist sein Gebrauch des Rubato auch nicht frei von Überzeichnungen, wodurch die Fasslichkeit des übergeordneten harmonischen Zusammenhangs leidet. Das ist freilich für die meisten Hörer und Kollegen eine Dimension organischen Zusammenhangs, die ihre Möglichkeiten bewussten Mitvollziehens überschreitet.
Mitte der 1840er Jahre entstanden, sind die 6 Studien für den Pedalflügel fast experimentelle Exerzitien, stark vom Studium Bach’scher Orgelwerke geprägt, und dabei unverkennbarer Schumann, wenn auch in ihrer relativen Strenge nicht von einer Art, die dem Komponisten erlaubt hätte, seine Fantasie frei schweifen zu lassen. Durch das kontrapunktische Korsett ist dieser Musik eine gewisse Monotonie eigen, die bei Schumann einen typisch obsessiven Zug annimmt, der gelegentlich fast zwanghaft erscheinen mag. Anderszewskis Arrangement für den modernen Flügel ist vortrefflich, und der Hörer, dem das Schwelgen in mitteilsamen Stimmungen und effektvoller Pianistik nicht so viel bedeutet, der jedoch großen Gefallen an komplex abgestimmten Stimmverläufen findet, kann hier viel Geheimnisvolles entdecken.
Die Gesänge der Frühe op. 133 sind bis auf die sogenannten ‚Geister-Variationen’ Schumanns letztes Klavierwerk, und in ihrer Reduktion des äußerlichen Effekts, in ihrer losgelösten Verinnerlichung zählen diese fünf kurzen Stücke zum Schönsten, unambitioniert Großartigsten, was er geschrieben hat. Hier ist Anderszewski noch mehr in seinem Element, indem die Musik eine größere agogische Freiheit des Vortrags ohne weiteres verträgt und klanglich und in der unsentimental berührenden Widerspiegelung des introvertierten Gemüts in absoluter Vollendung ersteht.
Auch tontechnisch ist diese CD von hoher Natürlichkeit, Durchsichtigkeit und Deutlichkeit. Anderszewski versteigt sich, bei aller verfügbaren Explosivität, nie zu perkussiver Härte. Er ist ein dramatischer Lyriker, der stets auf dem schmalen Grat navigiert, auf welchem sich hemmungslose Expressivität und zentripetaler Struktursinn in fiebrigem Gleichgewicht halten.
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