Mozart-Geschwisterwerk: Anders Eliassons Concerto für Geige und Bratsche uraufgeführt


(nmz) -
Das unerhört Neue an der Musik des großen Schweden Anders Eliasson (geb. 1947) liegt nicht in der Klangsensation als solcher. Doch gibt es heute keinen anderen bekannten Tonschöpfer, der in solche Dimensionen harmonischer Transzendenz und Schwerelosigkeit, Beweglichkeit und energetischer Dichte und Verwegenheit vorgedrungen ist wie er (das Unbekannte wollen wir nicht ausschließen).
02.12.2009 - Von Christoph Schlüren

Eliassons Schaffen ist in jeder Hinsicht von höchstem Karat: vollendete Beherrschung des harmonischen Raums in einer neugefundenen ‚freien Tonalität’, die sich vollkommen von den überlieferten Systemen emanzipiert hat; thematisch-motívische Verwebung auf allen Ebenen, die im gleichen Atemzug zwingend und frei wirkt; lebendige Rhythmik jenseits aller Mechanizität; Orchestration und virtuose wie idiomatische Behandlung der Instrumente von betörendem Glanz und letztem Schliff; überall unverwechselbare Individualität und eine Präzision, die das kleinste Detail ebenso umfasst wie die große Form, die sich in stets unvorhersehbarer und zugleich völlig organischer Weise entwickelt. Was auch immer man bereits von ihm kennt, das nächste Werk ist eine Überraschung, und doch ist stets sofort unverkennbar, aus wessen Feder die Musik stammt.

Nun kam in Helsinki sein vor wenigen Monaten vollendetes Doppelkonzert für Violine, Viola und Kammerorchester zur Uraufführung, gespielt von den Widmungsträgern Ulf Wallin und Lars Anders Tomter, begleitet vom Ostrobothnian Chamber Orchestra unter Juha Kangas. Die Aufführung profitierte vom phänomenalen Niveau aller Beteiligten sowie intensiver Einstudierung. Auch ist bemerkenswert, dass die beiden Konzerte am 25. und 26. November in der Finlandia Hall, bei denen das führende nordische Kammerorchester im Abonnement-Zyklus des Helsinki Philharmonic Orchestra spielte, beide vor vollbesetztem Saal stattfanden. Umrahmt wurde die Premiere von Haydns 89. Symphonie und der großen g-moll-Symphonie Mozarts in der Erstfassung ohne Klarinetten, und das Publikum verfolgte das Konzert mit kontemplativer Hingabe und nach den Eliasson- und Mozart-Darbietungen mit nicht enden wollenden, euphorischen Beifallsbekundungen.

Es sind nicht nur stilbewusste Klarheit und ausgefeilte Ensemblekultur, die man von Kangas’ Dirigaten längst kennt, sondern eine expressiv überbordende Intensität, der kein Risiko zu viel scheint und die in ihrer Körperlichkeit die Hörer in einen magischen Bannkreis zieht. Wie bei Mozart, ist auch bei Eliasson immer alles in Bewegung, was den Musikern wie den Zuhöhern ein Maximum an Gegenwärtigkeit abverlangt – keinen Moment stagniert der Fluss der Energie, keinen Moment verweilt die Musik in einer geschaffenen Atmosphäre.

Entgegen Eliassons Gepflogenheit der letzten Jahre, die ganze Gegensätzlichkeit in den Zusammenhang eines großen Satzes zu bündeln, ist das Doppelkonzert dreisätzig. Am Anfang steht ein symphonisch-konzertant durchgeformtes Allegro energico, das in seiner Mannigfaltigkeit besonders komplex angelegt ist. Es folgt ein Adagio misterioso, dessen unergründlicher Tiefe ein Siciliano-Charakter eingewoben ist, sicherlich einer der schönsten, unaffektiert ergreifendsten Konzertsätze seit Bartók oder Schostakowitsch. Das Finale Allegro con fuoco e poco ruvido reißt den Hörer wie ein Sturzbach mit sich fort, in hinreißender Virtuosität, die wie bei Mozart nie ins Oberflächliche entgleitet, und zum Ende setzt wie unterschwellig injiziert eine Art energetischer Feuerwalze ein, die im Handumdrehen eine Welle der Frenesie erzeugt, die jenseits von Hysterie oder äußerlicher Gewalt unerhörte Kräfte entfesselt.

Dieses Concerto, identisch besetzt wie Mozarts berühmte Sinfonia concertante für Violine, Viola und Orchester KV 364, ist ein wahres Geschwisterwerk des Mozart’schen – nicht im Stil (wo es keinerlei Gemeinsamkeit gibt), sondern im Geist der reinen Präsenz, Klarheit, Kraft, Flexibilität und formalen Stringenz unermesslich scheinender Mannigfaltigkeit – mit anderen Worten, wie Mozart auch: eine dramatische Apotheose der unablässig pulsierenden Lebensenergie.

Ab dem 4.12. ist 3 Wochen lang ein Mitschnitt des Konzerts zu hören unter:

http://arenan.yle.fi/audio/577818

Eliasson: langweilige Strickware

Naja, also ich habe mir das Werk jetzt zur Hälfte angehört und dann gelangweilt ausgeschaltet. Ehrlich gesagt ist es ziemlich langweilig, emotional kaum berührend, moderne “Strickware”. Schwerfällig schleppen sich die Akkorde und Liegetöne voran, der zweite Satz hat überhaupt nichts schönes. Die Rhythmik im ersten Satz eher ermüdend, da zu lange zu gleich. Die Kunst, zwei Streicherstimmen kunstvoll zu einem gemeinsamen musikalischen Weg zu verweben und dazu ein Kammerorchester begleiten zu lassen, ist wohl immer noch eine Herausforderung. Gelungen ist das eher Arnold Malcolm mit dem Konzert für zwei Violinen und Streichorchester, der immer rasch die Wende nach einer gelungen Figur in die nächste findet, um mal ein gelungenes Beispiel anzuführen, auch wenn der Komponist bereits verstorben ist.


Naja,also,wenn man das Werk

Naja,also,wenn man das Werk ausschaltet, dann ist es natürlich schwer, ein glaubhaftes Urteil zu geben, das aus einem bewussten aufmerksamen Zuhören entspringt.

Auf jeden Fall, fand ich in diesem Concerto eine ungeheure Spannung, die allen ihren vielfältigen im Laufe des Werkes vorkommenden Erscheinungen zugrundeliegt.

Eliasson nimmt den Zuhörer an der Hand und entführt ihn in die unmessbare Tiefe eines unbekannten Universums, wo man mit ganz anderen ungewönlichen Ereignissen und Kräften konfrontiert wird. Statt Angst vor dieser Musik zu haben, wäre viel besser, das ausserordentlich prachtvolle Spektakel zu geniessen, das sie anbieten kann.


Der von der Geigerin

Der von der Geigerin Marie-Luise Dingler genannte Komponist heißt Malcolm Arnold und hat ein sehr hübsches, musikantisches Konzert für 2 Geigen geschrieben.

Der Vergleich zwischen Arnold und Eliasson macht soviel Sinn wie etwa der Versuch, Violinkonzerte von Korngold oder Walton vs. solche von Bartók oder Hindemith gegeneinander auszuspielen - es handelt sich jeweils um einen völlig anderen Geist.

Angesichts der energetischen Wirklichkeit der Musik Eliassons wird man vergeblich Halt in vertrauten Gefühligkeiten und Gesten der verbindlichen Konversation suchen. Pure energetische Entfaltung kann nicht nach jedermanns Geschmack sein - das war übrigens zu Zeiten Frescobaldis, Bachs, Mozarts, Beethovens usw. nicht anders. Man findet Zugang - oder eben (noch?) nicht.


Anders Eliasson

A. Eliasson ist zweifelsfrei einer der wenigen substantiellen Komponisten unserer Zeit. Seine ganz eigene Harmonik, gespannt und hochkonzentriert, bei stets durchhörbarem Satz, macht ihn zu einem gleichermaßen herausforderden wie bereichernden Hörerlebnis - vorausgesetzt, man widmet sich dieser Musik vorbehaltlos und hält die aufgebauten Spannungsbögen auch bis zum Schluss aus.
Nur mal reinhören geht hier gar nicht!
Easy listening muss man ganz woanders suchen - nichts gegen Malcolm Arnold, aber der spielt in einer ganz anderen Liga.
Sehr schade, wenn man das nicht hört!


eliasson UA

wenn man so wie marie louise dingler das werk nur halb hört, hat man wohl kaum einen eindruck von dem ganzen, um das es geht.
eliasson reiht sich mit diesem werk ganz entspannt in die reihe der ganz großen komponisten ein, setzt einen kontrapunkt in der musikgeschichte, den man noch lange hören wird.
ein meister der großen form, wie bach, mozart, chopin, beethoven oder bartók.
ein klangabenteuer in einem genre, das nicht mehr viele abenteurer kennt, der ehrlich empfundenen und handwerklich meisterhaft gekonnt umgesetzten kunstmusik unserer tage…
ein völlig eigener stil, ein ästhetischer fingerabdruck, unverkennbar auf jedem notenblatt, das die musiker kongenial umsetzen.
 grandios!


Angehört...

…habe ich es ja schon, sonst hätte ich gar nichts geschrieben. Es war aber wie gesagt, sehr ermüdend. Substantiell war für mich nichts drin, nichts hat mich gepackt, gefesselt oder sonstwie meine Aufmerksamkeit aufrecht erhalten. Natürlich ist das Arnoldsche Konzert viel kürzer, es ist auch nur ein Beispiel dafür, was ich als fesselnd empfinde. Aber wer sich die langen Töne gerne anhört, kann das ja machen. Ich glaube nicht, dass es ein “Klassiker” für Geige und Bratsche wird und in die nächsten Generationen übertragen wird.


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