Ohne Holzhammer – Yona Kim inszeniert „Die Vögel“ von Walter Braunfels am Theater Osnabrück


(nmz) -
Walter Braunfels – die beachtliche Karriere dieses Komponisten fand ein abruptes Ende, als 1933 die Nationalsozialisten das Ruder übernahmen: seine Werke wurden mit einem Aufführungsverbot belegt – und nach Ende des Krieges blieb Braunfels’ Oeuvre lange völlig unbeachtet. Seine Opern kamen dann ab den 1990er-Jahren wieder zaghaft auf die Bühne, zuletzt „Der Traum ein Leben“ an der Oper Bonn.
23.06.2014 - Von Christoph Schulte im Walde

Ganze drei Wochen nach dieser Premiere von „Der Traum ein Leben“ zieht nun das Theater Osnabrück nach und präsentiert Braunfels’ „Die Vögel“, 1913 begonnen, erst 1920 mit großem Erfolg uraufgeführt. Gleich vorweg: die Osnabrücker Produktion ist ein wirklich großer Wurf geworden – musikalisch wie szenisch! Dafür verantwortlich zeichnet das Team rund um Regisseurin Yona Kim. Sie verlegt die uralte Komödie des Aristophanes in die Entstehungszeit des Werkes.

Da sind die beiden Menschen mit den wohlklingenden Namen Hoffegut und Ratefreund, die der Welt entsagen wollen, weil sie weder etwas für die wahre Kunst übrig hat noch den sehnlichen Wunsch nach Liebe Realität werden lässt. Die beiden glauben, da sei das Reich der gefiederten Freunde eine echte Alternative. Mit dieser Annahme liegen sie gründlich schief – aber nicht wegen der Vögel! Nein, Ratefreund entpuppt sich als machtgeil und missioniert die Vogelschar mit seiner Idee, sie müsse sich unter seiner Leitung eine Stadt bauen, um Herrschaft zu erlangen. Alle sind begeistert – dabei heraus kommt eine wenig freundlich wirkende, kubistisch anmutende Architektur. In ihr lebt fortan die nun auch straff hierarchisch organisierte Vogelwelt, geprägt von Uniformen, Säbeln und Pickelhauben! Wiedehopf, bislang der „Chef“, degradiert sich zu Ratefreunds Adlatus. Hoffegut dagegen verliebt sich in die Nachtigall, die, in einem Käfig gefangen, ihrerseits schon lange von einem erfüllten Dasein träumt.

Yona Kim politisiert die Handlung sehr schlüssig. Die eindringliche Warnung des gemarterten Prometheus im 2. Akt, die (ja nur behauptete) Übermacht der Vögel provoziere die Götter, namentlich Zeus, wird schlichtweg ignoriert. Derartige Hybris („Uns gehört die Welt!“) rächt sich unverzüglich: die Stadt der Vögel wird von Zeus radikal vernichtet. Und auf der hinteren Bühnenwand laufen dazu Videosequenzen von brennenden Doppeldeckern, die vom Himmel herabstürzen – Bilder aus dem Ersten Weltkrieg, den Braunfels hautnah miterlebt hat! Die schöne neue Welt der Vögel: sie liegt in Trümmern.

Das ist keine Botschaft mit dem Holzhammer, sondern äußerst subtil angelegt, auch die sehr unterschiedliche Reaktion von Hoffegut und Ratefreund auf diese Entwicklung. Ersterer steht vor einem emotionalen Scherbenhaufen, zehrt aber von der Erfahrung, zumindest mal eine einzige Stunde Liebe erfahren zu haben – der Nachtigall sei Dank. Letzterer empfindet seine Mission als „ganz netten Spaß“, ganz egal, welche Opfer sie gekostet hat. Jetzt will er wieder „nach Hause“, wo es so gemütlich ist. Und zuhause wird schon tüchtig Volksfest gefeiert: mit hübschen Mädchen, die bedenklich blonde geflochtene Zöpfe tragen.

Dass Yona Kim durch optische Elemente immer auch das erst noch kommende Nazi-Deutschland mitdenkt, ist konsequent. Schließlich folgte nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs eine gescheiterte Weimarer Republik – und dann das unsägliche „Tausendjährige Reich“, in dem kein Platz war für Walter Braunfels.

Musikalisch leistet das Ensemble des Osnabrücker Theaters ganz herausragende Arbeit. Da ist Generalmusikdirektor Andreas Hotz, der Braunfels’ ungemein farbig und vielschichtig angelegte Partitur in jedem Moment ganz wunderbar zum Leuchten bringt – mit viel Gespür für klangliches Kolorit à la Strauss und auch Wagner. Da sind die Sängerdarsteller wie Marie-Christine Haase als koloraturgewaltige Nachtigall, Alexander Spemann als sehnsuchtsvoller Hoffegut mit brillantem Tenor, ein umwerfend gebieterischer Johannes Schwärsky in der Rolle des Prometheus, Heikki Kilpeläinen als rustikaler und auch etwas tumber Möchtegern-Führer Ratefreund und nicht zuletzt der kernige Bariton von Daniel Moon als Wiedehopf. Ausgezeichnet die von Markus Lafleur einstudierten Chöre sowie die kleineren Nebenrollen, die perfekt besetzt sind. Schade, dass diese Inszenierung nur noch für kurze Zeit zu sehen ist.

  • Weitere Termine: 24.6.; 26.6.; 4.7.; 6.7.; 11.7. 2014

 

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