Piratenangriff auf Bonn: Unter dem Deckmantel eines Bürgerbegehrens betreibt die „Piratenpartei“ die Schließung der Oper


(nmz) -
Während der Bonner Oberbürgermeister und der Kölner Kulturdezernent darüber sinnieren, ob sich eine Stadt von 328.000 und eine von über 1 Million Einwohnern nicht (ungeachtet aller kulturhistorischen Unterschiede) einfach eine Oper teilen und damit ordentlich Geld sparen können, betreibt die Bonner „Piratenpartei“ die völlige Schließung der Oper in Bonn – und zwar unter dem Deckmantel eines Bürgerbegehrens, das, da es nicht von der Partei selbst initiiert werden darf, offiziell von drei Mitgliedern derselben betrieben wird. [aus: Oper & Tanz 6-2012]
12.11.2012 - Von Tobias Könemann

Das Szenario könnte folgendes sein: Wenn das Begehren von knapp 10.000 Bonner Bürgern per Unterschrift unterstützt wird, kommt es zu einer Abstimmung im Rat. Lehnt dieser das Ansinnen ab, kommt es zwingend zu einem Bürgerentscheid. Das Begehren ist dann zwingend umzusetzen, wenn 50 Prozent der Abstimmenden, mindestens jedoch ca. 23.000 Wahlberechtigte zustimmen. Bei entsprechender Propaganda hängt die Hürde für den Kahlschlag nicht allzu hoch, zumal unter dem Motto „PSB – Pro Sportstadt Bonn“ die örtlichen Sportverbände, die beim Freiwerden von bislang für die Oper allokierten Mitteln eine kräftige weitere Subventionserhöhung für sich erhoffen, das Begehren zumindest unter der Hand kräftig unterstützen.

Es ist schon bemerkenswert, mit welcher Kaltschnäuzigkeit eine Partei, die in ihrem Parteiprogramm der Kultur gerade einmal zwei Zeilen widmet, zugunsten einer diffusen „Breitenkultur“ nicht nur generell professionellen Künstlern ihr Einkommen aus dem Urheberrecht, sondern nun auch mindestens 150 künstlerisch Beschäftigten der Oper Bonn die materielle Existenzgrundlage – quasi als „Kollateralschaden“ – entziehen will. Das nicht-künstlerische Personal wird hingegen als schutzwürdig anerkannt; es soll an anderer Stelle bei der Stadt weiterbeschäftigt werden.

Völlig ignoriert wird bei der Argumentation, dass die Bühnen der Stadt Bonn seit Hauptstadt-Zeiten bereits eine zweistellige Millionensumme eingespart und rund 250 Stellen gestrichen haben. Damit haben sie sich – mit bemerkenswert wenigen Einschnitten in das künstlerische Angebot – zu einem effizienten schlanken, der Größe der Stadt angemessenen Theater entwickelt. Falsch ist auch die Behauptung, jede verkaufte Opernkarte werde mit ca. 300 € subventioniert. Zutreffend ist etwa die Hälfte, und damit wird es ermöglicht, dass ein Theaterbesuch für breite Bevölkerungsschichten erschwinglich ist. Er ist übrigens billiger als der Besuch eines – mittelbar ebenfalls hoch subventionierten – Fußball-Bundesligaspiels, dem niemand nachsagt, es sei eine elitäre Veranstaltung für Wohlhabende. Und dass sich das Einkommen der meisten Bühnenkünstler im einstelligen Prozentbereich dessen von Bundesliga-Spielern bewegt, sei nur am Rande erwähnt.

Dass die Stadt Bonn 2 Prozents ihres Etats für das Musiktheater ausgibt, halten die „Piraten“ für die „übertriebene Förderung einer Oper, die zudem qualitativ umstritten“ sei. Woher sie insoweit ihre Urteilsfähigkeit und ihre Maßstäbe – sie vergleichen dieses Stadttheater mit Bayreuth und Salzburg –  nehmen, bleibt unklar. Fest steht: Mit diesem „Argument“ ließen sich fast alle deutschen Theater schließen. Aber vielleicht ist ja genau das der Gedanke, der hinter der ganzen Aktion steht.

Quelle(n)?

Es wäre sehr hilfreich, wenn Sie in ihrem Kommentar Quellen nennen würden. So musste ich mir diese zur Verifikation Ihrer Aussagen erst manuell suchen. Die "Weiterführenden Informationen" sind auf keinen Fall hilfreich, da die Ausgabe von "Oper&Tanz", auf die Sie sich beziehen laut Website noch nicht erschienen ist und auch auf vdoper.de mittels der seiteninternen Suche keine Information auffindbar ist. Ein direkter Link zu anderen Infos zu dem Volksbegehren[1], sowie zu dem Parteiprogramm des entsprechenden Verbandes wäre praktisch gewesen, denn letzteres habe ich bisher auch noch nicht gefunden. Das Programm des Landesverbandes umfasst im Abschnitt "Kultur" übrigens zwei *Seiten*. Vielleicht war dies auch nur ein Vertipper Ihrerseits. Ihre Behauptung, die Piraten würden angeben, jede verkaufte Karte würde mit 300€ subventioniert werden, ist übrigens auch nicht richtig. Es wird in der Information erklärt, der Zuschuss pro Karte betrage ~300€. In einem verlinkten Dokument wird dies genau aufgelistet: Die Kartensubvention beträgt ~170€ pro Karte, *aber* rechnet man die Gesamtbezuschussung von 22Mio. € auf die Zuschauerzahl von 66000 um, so kommt man auf einen Betrag von 333€ pro Karte. Übrigens ignorieren Sie den Hauptkritikpunkt des Begehrens völlig: Nämlich dass die Stadt Bonn in diesem Bereich ein Budget von 66Mio. Euro hat, dieses zu einem Drittel für die Oper verbraucht wird und viele andere Projekte eine Kürzung erfahren haben. Aber nunja, der Vorteil an einem Bürgerbegehren ist nunmal, dass die Bürger entscheiden können, was sie wollen und dies nicht von einer Partei abhängig machen müssen. Daher können alle, die diese Bezuschussung für sinnvoll halten, beim evtl. resultierenden Volksentscheid einfach dagegen stimmen.


Verlinkung

Danke für den Hinweis, zwei Verlinkungen wurden ergänzt. Beste Grüße, Ihre nmz-Online-Redaktion.


So ist Demokratie nun mal.

So ist Demokratie nun mal. Darf der Bürger sich nicht einmischen? Ich meine es ist doch der Bürger der eine Kunstform finanzieren soll die doch eine recht überschaubare Gruppe von Menschen überhaupt ansprechend finden. Und dann soll der Bürger sich dazu nicht einmischen dürfen? Also bitte. Und was ist das Problem daran dass Piraten die Initienten sind? Das sind ebenso ganz normale Bürger von dort. Wenn die Oper so unbedingt gebraucht wird braucht man doch auch keine Angst haben. Wenn nicht kann man doch niemand zwingen jetzt unbedingt etwas finanzieren zu müssen woran er nicht interessiert ist. Oper ist übrigens ein extrem kleiner Teil von Bildung. Wer Oper will kann trotzdem noch Oper haben, selbst wenn diese Oper nicht überleben sollte. Grüße! Sebastian Jurk


Oper ist erlaubt

Herr Jurk, es besteht kein Zweifel daran, dass man in einem demokratisch verfassten System sämtliche Register ziehen darf, die einem zur Verfügung stehen. Das steht nicht zur Debatte. Es ist dabei nur die Frage, ob es immer sinnvoll ist, dies auch in jedem x-beliebigen Fall zu tun. Partizipation setzt ein gerüttelt Maß an Informiertheit voraus. In der Schweiz klappt das erstaunlich gut. In Deutschland gibt es wenig Erfahrung.

Im Grunde setzt es auch voraus, dass man sich über die manchmal komplexe Problematik in nüchterner Analyse (soweit das geht) informiert. Das kann ich momentan nicht sehen. Die Argumente und Schlagworte sind alles andere als unemotional - und es geht ja nicht um Leben oder Tod oder die Unmöglichkeit der Zukunft wie es das Schlagwort in Bonn behauptet.

Wenn man die verkrüppelte Beteiligung von Bürgern und Bürgerinnen erreichen will, sollte man dies in ruhigen Stunden und Momenten tun, nicht gerade dann, wenn die Situation aufgeladen ist. Leider tun die lassen die Bonner Piraten keine Gelegenheit aus, die Situation zu verschärfen. Dass das etwa “liquid” wäre, kann man nicht behaupten. Es hat auch nichts mit Kommunikationskultur zu tun und mit herrschaftsfreier Kommunikation erst recht nicht.

In der Psychologie der Massen laufen Dinge eben auch mal anders als man es sich am Stammtisch oder im politischen Seminar ausdenkt. Mir wäre es lieber gewesen, man hätte sich mal ein paar Gedanken darüber gemacht, wie man den Sack vielleicht etwas größer bekommt, statt sozusagen in den trüben Teich einen Stein zu werfen. Da sind die Kollegen von den Musikpiraten besser drauf, denn sie suchen Alternativen und nicht den sinn- und würdelosen Streit.

Martin Hufner


Piratenangriff auf Bonn - hat

Piratenangriff auf Bonn - hat es da nicht vor gut 100 Jahren in Deutschland schon 'mal eine Gruppe von "ganz normalen Buergern" gegeben, die auf der Grundlage der damaligen 'demokratischen' Anfaenge sich aufgeschwungen haben, die Gesellschaft, besonders die weniger informierten und auch weniger am Nachdenken interessierten Schichten, mit ihren ach so 'volksnahen' Denkweisen auf ihre Wege einzuschwoeren? Und letztlich auf 'demokratischem Weg' die Macht uebernommen… Auch Demokratie braucht Fuehrung - damals wurde daraus ein "Fuehrer" - nunja, manche lernen es eben nie - oder doch? Wenn das Voksbegehren tatsaechlich durchgefuehrt wird, wird man's ja sehen. Es ist eine geschichtliche Tatsache, dass viele Kuenstler mit ihrer Kunst recht weitsichtig waren und sind. Es tut doch irgendwo weh, zu erleben, wie sich die vorausschauenden Gruende fuer meine damalige Entscheidung, aus Deutschland auszuwandern, immer mehr in der heutigen Lebens-Realitaet als so schmerzlich zutreffend zeigen. Umso mehr fuer mich, denn ich komme aus dem Theater, nun Produzent/Regisseur, der mit einer Reihe zeitgenoessischer Schriftsteller in Australien zusammenarbeitet (war zuletzt Geschaeftsfuehrer eines hervorragenden deutschen Theaterbetriebes in einer mittelgrossen Stadt mit Oper/Schauspiel/Ballett und weiss daher, von was hier gesprochen wird). Im Dramaturgie-Buero des Theaters in Esslingen, wo ich vor 30 Jahren auch einmal taetig war, hing damals ein Schild, dessen Inhalt ich nie vergessen habe, und das kein Deutscher je vergessen sollte: "Hitler wird er wohl nicht mehr heissen, aber was heisst das schon?"


Weg mit Oper Bonn

Es wäre besser, wenn man für die 150-300 Euro pro Opernkarte die Musikausbildung unserer Kinder in den Bonner Musikschulen alimentiert, als dieses niveaulose Provinzopernpossenregietheater mit seinen widerlichen Seilschaften des Mittelmaßes weiter zu unterstützen.


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