Sibelius und das Theater – eine CD-Reihe auf Naxos


(nmz) -
Jean Sibelius hat nur eine Kurzoper („Die Jungfrau im Turm“) hinterlassen. Die Schar seiner Anhänger könnte ihn, abgesehen von den Symphonien, symphonischen Dichtungen, „Kullervo“ und dem Violinkonzert, gar für einen Miniaturisten halten. Dass diese Sicht einseitig ist, lehrt ein genauerer Blick auf jene dreizehn Musiken, welche ursprünglich zur Umrahmung von Theaterstücken bestimmt waren.
25.03.2016 - Von Mátyás Kiss

Nur wenige davon erreichten in Form nachträglich kompilierter Suiten die Konzertsäle. Aus Anlass von Sibelius' 150. Geburtstag hat Leif Segerstam mit den Philharmonikern aus dem finnischen Turku nun insgesamt sechs CDs mit szenischen Musiken vorgelegt, die er um einige kleinere, ebenfalls gerne übersehene Genrestücke anreicherte.

Die angeblich vollständige Theatermusik zu „Kuolema“ („Tod“, 1903) bietet allerdings nicht die beiden für den Konzertgebrauch nachkomponierten Stücke und beschränkt sich im übrigen auf die knappe Urversion der vielgeliebten „Szene mit Kranichen“. Lediglich zwei Nummern aus der Musik für Shakespeares „Twelfth Night“ („Was ihr wollt“, 1909) verweisen außerdem unweigerlich auf die umfängliche Partitur zu „The Tempest“ („Der Sturm“): Die liegt bislang zwar in keiner Interpretation Segerstams vor, könnte aber gegebenenfalls zu Shakespeares 400. Todestag im April nachgeschoben werden.

Die wohlweislich nicht durchnummerierte Serie enthält also durchaus nicht alle Schauspielmusiken Sibelius', gibt jedoch auf hohem musikalischen und aufnahmetechnischen Niveau eine Ahnung davon, welch große Rolle diese spezielle Form von Gebrauchsmusik im schöpferischen Leben des großen Finnen spielte: Derart zweckgebundene Musik sollte Stimmungen unterstreichen oder überhaupt erst erzeugen, musste dabei jedoch, anders als ein Werk „absoluter“ Musik, beim ersten Hören unmittelbar verständlich sein, um nicht von der Szene abzulenken.

Weil aber vor, neben oder hinter der Bühne eines durchschnittlichen Theaters eher kein Hundert-Mann-Orchester Platz findet, kommen wir in den nicht zu unterschätzenden Genuss von Sibelius' ausgefeilter Schreibweise für Kammerorchester – dies ein Genre, das er auch für den Konzertsaal kultivierte (etwa in den „Zwei ernsten Melodien“ op. 77).

Dabei entpuppt sich Sibelius, wie der nachmalige „Valse triste“ aus „Kuolema“ (1903, dort zunächst schlicht mit „tempo di valse lente“ bezeichnet) bereits im Titel verrät, als der wahrscheinlich begnadetste Verfasser von eleganten Streichermusiken überwiegend düsteren Charakters. Diese Begabung kündigt sich bereits in der eröffnenden Elegie aus „König Christian II.“ (1898) an, und wenn dann noch eine Harfe hinzutritt, ist die verträumt-vergebliche, unheilschwangere Atmosphäre komplett („Fool's Song of the Spider“). Das ist wirklich originärer, erstklassiger Sibelius. Wenn er jedoch (wie in der Mehrzahl seiner Klavierwerke) unüberhörbar als Auftragskomponist agiert, glaubt man an einigen Stellen ein unbekanntes Grieg-Stück, an anderen eine Fortsetzung des Siegfried-Idylls zu hören. Aber selbst dann kann ihm niemand ernsthaft böse sein; diese durchweg hübschen Piècen aus zweiter Hand erfüllten damals sicher ebensogut ihren Zweck. Heute noch, ihres ursprünglichen Kontextes ganz beraubt, sind sie angenehm anzuhören: „Easy Listening“ im besten Sinn. 

Vergegenwärtigen wir uns nur einmal eine repräsentative Theatervorstellung von vor hundert oder zweihundert Jahren. Sprech- und Musiktheater waren keineswegs so sauber voneinander geschieden, wie wir das (außer von besonders musikaffinen Regisseuren wie Robert Wilson) seit längerem gewohnt sind: Mozarts deutsche Singspiele „Entführung“ und „Zauberflöte“ enthalten geradezu irritierend viel Dialog, und umgekehrt hat Beethoven für Kotzebues „Ruinen von Athen“ und Goethes „Egmont“ erstaunlich viel teils symphonisch, teils opernhaft konzipierte Musik hinterlassen. Und so ging es weiter, bis weit ins vorige Jahrhundert. Wir müssen uns das Theater als unmittelbaren Vorläufer des Films vorstellen, der in seinen Anfängen (zu denen Sibelius' kompositorische Tätigkeit zeitlich parallel läuft) ja auch nicht stumm, sondern stets von Live-Musik begleitet war.

Nur so können wir aus solchen heute wie merkwürdige Zwitter anmutenden Melodramen klug werden wie den hier eingespielten, dankenswert kurzen „A Lonely Ski Trail“ und „The Countess' Portrait“, die in der Tat das gleichnamige, selbst noch in Dialogszenen mit vollem Orchester unterlegte Filmgenre vorweg nehmen. Leider ist aufgrund des skandinavischen Originaltons gar nicht zu verstehen, worum es dem Erzähler geht, und überhaupt hätte ich die Begleitmusik lieber pur genossen, wie es die Gesamtedition auf BIS ermöglicht.

Mit drei wirklich interessanten, meines Wissens bislang auch nur bei BIS erhältlichen Raritäten kann Segerstam aufwarten: den zwei ausgedehnten Szenen aus „Ödlan“ („Die Eidechse“ op. 8, 1909), die ohne hör- und sichtbare Theaterhandlung leider keinen rechten Sinn ergeben; den offenbar sehr präzise aufs Bühnengeschehen abgestimmten 16 Stationen des Hoffmannsthalschen „Jedermann“ op. 83 (1916), mit drei Solisten, Chor und 50 Minuten Spieldauer eine Semi-Oper im Sinne Purcells – bemerkenswert die fünf aufeinander folgenden, von Schmerz erfüllten langsamen Sätze, welche eine 33-minütige Kammersymphonie für sich bilden; sowie der vollständigen, 71-minütigen Ballettpantomime „Scaramouche“ op. 71 (!) von 1913: Höchste Zeit, dass Sibelius' längstes durchkomponiertes Instrumentalwerk nicht nur wieder gespielt, sondern auch getanzt wird! Bei alledem ist nicht zu überhören, dass sich Sibelius vor und während des Ersten Weltkriegs obsessiv mit Gevatter Tod beschäftigt hat, den er durch lebenslangen exzessiven Alkoholkonsum geradezu provozierte; angesichts dessen wirkt es im Nachhinein ironisch, dass er am Ende ein biblisches Alter erreichte.

Fazit: Zwar wird hier kein schlüssiges Editionsprinzip erkennbar – falls es eines gab, dann ging es weniger um Vollständigkeit als die persönlichen Vorlieben des Dirigenten. Zum Ausgleich bietet die Reihe eine längst überfällige Gelegenheit, viel attraktive Musik zum attraktiven Preis kennen zu lernen, und dies in Interpretationen, die keine Wünsche offen lassen.

Die Naxos-Serie (genannt sind nur die jeweiligen Hauptwerke):

  • Pelléas et Mélisande etc. 8.553301
  • Kuolema, König Christian II. etc. 8.573299
  • Belshazzar's Feast etc. 8.573300
  • Jedermann etc. 8.573340
  • Schwanenweiß, Die Eidechse etc. 8.573341
  • Scaramouche. 8.573511

alle mit dem Turku Philharmonic Orchestra, Dir.: Leif Segerstam
  

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