So ist die Welt! Nur muss sie auch so sein? – Philippe Boesmans „Au Monde“ am Theater Aachen erstaufgeführt


(nmz) -
Das Ambitionierte dieses Premierenabends war spürbar. Perfektion allenthalben. Szene, Bühne, Kostüm. Und es lief ja auch wie geschmiert. Auf- und Abtritte durch Schiebetüren, Umbauten auf offener Szene in immer neuen Sitz- und Hackordnungen zu einer Musik, die niemals störte, aufmuckte, vielmehr immer artig aus dem Graben verrätselte Bläser-Fragezeichen, gemurmelte Halbsätze gespielten Erschreckens versendete. Etwa so: „O, Welt!“
07.12.2015 - Von Georg Beck

Womit Komponist Philippe Boesmans in der Packungsbeilage dankenswerterweise eine autorisierte Übersetzung von Joël Pommerats Libretto nach Joël Pommerats gleichnamigen Theaterstück „Au Monde“ in Umlauf gebracht hatte. Was die Regie dankbar aufgriff, das Ausrufezeichen nämlich. Das war dann schon der Ehrgeiz von Ewa Teilmans, alles in den Dienst zu stellen dieses gleißenden Dunkellichts einer erloschenen Lebenswelt. Pate stand das einschlägige Angebot aus großem Psycho-Kino und Malerei gewordener Sachlichkeit. Mit perfektionistischer Konsequenz versorgte uns Teilmans mit einer Anmutung irgendwo zwischen Edward Hoppers ausgeglühtem Realismus, gehobenem, wahlweise klinischem Lifestyle und der Wiederkehr des Verdrängten als purer Horror.

Spätestens aber als die Vorhersehbarkeit solcher Assemblage offensichtlich ward und auch immer neue, bis zur Kürzungsschmerzgrenze geführte Short Cuts zu keinen neuen Einsichten führen wollten, bestätigte sich auch bei dieser Deutschen Erstaufführung von Philippe Boesmans „Au Monde“ der Eindruck der Uraufführung. Vor anderthalb Jahren hatte der nmz-Kritikerkollege die Anstrengungen am Brüsseler Théâtre de la Monnaie als kompatibel mit einem am „Vorabendfernsehen gebildeten älteren belgischen Publikum“ gekennzeichnet. Man gruselt sich ein bisschen, weiß aber nicht genau, warum. Und will und soll es auch nicht wissen. Dass die Vorlage immerhin eine mit Waffenhandel reich gewordene famille vorstellig macht, spielte auch in Aachen keine Geige. Als ob nichts gewesen wäre. Paris. Brüssel. Molenbeek. Bloß nicht mit hässlichen Bildern den Theaterabend versauen!

So blieb es bei einer an den dramatisch-musikalischen Oberflächen scharf konturierten, nach dem Grund seiner Abgründigkeit völlig unklaren Lage. Belgische Industriellenfamilie mit Big Papa, ohne Mama, mit fünf Kids, einem Schiegersohn plus merkwürdigen Gästen, die nicht voneinander loskommen, die über zwei Stunden wie mit Pattex zusammengeklebt sind. Eine Welt voller unbegriffener Ängste und lähmender Handlungslosigkeit. Klar, dass da Kellerleichen sein müssen! Letztere schickte Teilmans denn auch in einem wiedergängerischen Gespensterzug recht beeindruckend auf die Bühne. Darunter auch, man hielt für eine Sekunde den Atem an, Kinder im Outfit von Missbrauchsopfern pädophiler Männerphantasie.

Bliebe, damit kein falscher Eindruck entsteht, ein Hinweis darauf, was das Herz erfreute, der Auftritt der Sänger und Sängerinnen nämlich, mehrheitlich Mitglieder des Hausensembles Theater Aachen. Bärenstark. Eindeutig der Pluspunkt dieses Abends. Im Zentrum die drei Töchter, nicht von ungefähr vom Stückeschreiber und Librettisten Pommerat nach Tschechows „Drei Schwestern“ koloriert. Camille Schnoor als agiler Kegelkopf, präsent, strahlend, mit dem Temperament einer Carmen, großzügig im Verschenken von Sympathie und Antipathie und immer mit dem kräftigen Glanz ihrer Sopranstimme. Ihr zur Seite Tochter Nummer zwei. In Sanja Radisic mit groteskem Kugelbauch der Schwangeren hatte diese Aufführung ihr darstellerisches Glanzlicht. Den Snobismus eitler Superreicher, die Launen von lackierten Oberzicken, die den Ehemann, weil „uninteressant“ links liegen lassen, um stattdessen mit Bruder Ori ein inzestuöses Spielchen anzufangen - man war dabei. Da brauchte die Radisic nur den Kopf zurück-, den Kugelbauch noch ein Stückchen weiter nach vorn zu werfen - und schon war klar in Richtung Möchtegern-Ehemann: Troll dich! Komplett ward dieses famose Trio kraft des gelungenens Auftritt der jungen Suzanne Jerosme als Nesthäkchen-Adoptivkind, das der im Laufe der Vorstellung zur Debilität neigende Waffen-Patriarch (Randall Jakobsh überzeugend chefmäßig) plötzlich als Ehefrau des umschwärmten, aber irgendwie gefährlichen Sohnes Ori ausmacht. „Mais non, Papa!“ schallte es da im Chor zurück, eine der heitersten Szenen dieses der Heiterkeit grundsätzlich entbehrenden Stückes.

Eines, das mit zunehmender Dauer im Orchester (Justus Thoreau vor dem Sinfonieorchester Aachen) wie im Ensemble lauter wurde. Betroffen eine nun gewiss hervorragende Sängerin Camille Schnoor ebenso wie der gute Tenor Johan Weigel, der freilich zusehens Schwierigkeiten in den Höhen bekam und ebenfalls mit Lautstärke versuchte, zu kompensieren. Ein bedenklicher Umstand, der letztlich aber kaum den Darstellern anzulasten ist, sondern auf das Konto eines überlangen Librettos ging und der Passivität eines Komponisten geschuldet schien, der seinen Job als klassischer Vertoner sah. Unterm Strich blieb denn auch diese Frage: Wieso eigentlich kann es sein, dass im modernen Musiktheater (das wir uns alle wünschen) die schönen Stimmen (die wir uns auch alle wünschen) so auf Teufel komm raus unter Stress gesetzt werden?

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