Traurige Tropen: Das Amazonas-Projekt bei der Münchener Biennale


(nmz) -
Wo beginnen? Bei der Frage nach der gesellschaftlichen Relevanz von Kunst im Allgemeinen und neuem Musiktheater im Besonderen? Bei der Frage nach den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten interkulturellen Dialogs? Oder bei den chemischen Formeln, die – solange der Mensch nicht seine ausbeuterischen Finger im Spiel hat – den Regenwald im ökologischen Gleichgewicht halten? Ähnliche Ratlosigkeit scheint die Macher des Amazonas-Projekts bei der Münchener Biennale befallen zu haben.
09.05.2010 - Von Juan Martin Koch

Anstatt dass sie diese Ratlosigkeit nun aber zum Thema ihrer Arbeiten gemacht hätten, traten die Komponisten der drei Projektteile die Flucht nach vorne an. Der Münchener Klaus Schedl hatte mit seinem Rückgriff auf Texte des gescheiterten El-Dorado-Entdeckers Walter Raleigh noch den dankbarsten Part. Dessen zum Teil fiktive Reiseberichte aus dem Land güldener Verheißung ließ Schedl sich von Roland Quitt zu einem Steinbruch aus Wörtern aufschichten, den er sodann mittels verzerrter E-Gitarren-Sounds und körperlich präsenter Tieffrequentklänge in Stücke meißelte. Das Ensemble piano possibile unter Heinz Friedl stellte dafür das widerstandsfähige Instrumentarium zur Verfügung.

Mafalda de Lemos, Moritz Eggert und Christian Kesten verkörperten mittels riesiger Videoprojektionen diese von Schedl als koloniale Vergewaltigung inszenierte Textcollage namens „TILT“ und rückten sie gleichzeitig in theatrale Distanz: Dort nämlich, wo sich die Projektionen mit den live hinter den transparenten Leinwänden sichtbaren Aktionen der singenden, sprechenden oder schreienden Performer überlappten, entpuppten sie sich – eine Spur zeitversetzt – als Täuschungen. Mehr Installation als Musiktheater, vermittelte dieser erste Teil zumindest phasenweise eine Ahnung von musikdramatischer Relevanz.

Nach einer denkbar dürftigen, pseudopolyphon angereicherten Textrezitation – Thema war hier die Wahrnehmung der weißen Eindringlinge durch die Ureinwohner – hatte Regisseur Michael Scheidl im zweiten Teil offenbar eine Art Erlebnispädagogik im Sinn. Herabgelassene Textilflächen, dunkel schillernd beleuchtet, wollten Urwaldoptik suggerieren, der Brasilianer Tato Taborda lieferte dazu eine Geräuschkulisse aus synthetischen Naturlauten und den Beschädigungen, die Zivilisationsklänge dort anrichten.

Das Publikum - aufgefordert, sich in der Münchner Reithalle frei zu bewegen - begegnete einem „Domine Deus“ stammelnden Missionar oder einem Schamanen, der verzweifelt jene Holzkisten zu beschwören versuchte, die die Weißen hinterlassen hatten. Das wenige, was sich an Atmosphäre entwickelte, wurde von uns umherstapfenden Hörtouristen zunichte gemacht. Vielleicht eine Erkenntnis?

Am Schluss dann wenigstens klare Ansagen: „Ohne die Regenwälder gibt es weniger Regen.“ Nach dem Blick in die Vergangenheit und Gegenwart unheilvollen „Kulturaustauschs“ sollte vom Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie der Blick in die Zukunft erfolgen. Zu sehen ist zunächst indes eine auf höchstem technischen Niveau erschreckend kunstgewerbliche Infoshow zum Thema Klimawandel. Unregelmäßig zu einem Treppenfeld aufgetürmte Quader dienen als schmucke Projektionsfläche für Lichtspiele und Regenwald-Fototapeten. Eingeblendet und mit wahrscheinlich hochkomplex zusammengebastelten Surroundsounds untermalt liefern Texttafeln dazu eine Nachhilfestunde in Sachen Biochemie.

Die anschließende „Klimakonferenz“ in ihrem unbeholfenen Lavieren zwischen misslungener Persiflage und Betroffenheitspathos näher zu beschreiben, verbietet der Respekt vor den beteiligten Künstlern, die ihre Redezeit an einem riesigen, klangprogrammierten Touchscreen-Tisch abzuarbeiten haben. Ein kleiner Chor singt dazu auf eine Weise Ludger Brümmers: „Der Marktnihilismus ist der wahre Terrorismus.“ Noch Fragen?

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