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Die Kammerphilharmonie Amadé. Foto: Alexander Basta
Die Kammerphilharmonie Amadé. Foto: Alexander Basta
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Warum das Beste gerade gut genug ist – Leon Fleisher dirigiert die Kammerphilharmonie Amadé

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Der erste öffentliche Auftritt mit Acht. Ergibt für den heute 86jährigen Leon Fleisher 78 Bühnenjahre. Der große alte Mann ist mittlerweile selbst ein Meer – an Erfahrung, an Humor und Liebenswürdigkeit sowieso. Wie an Bereitschaft, weiterzugeben. Wie jetzt, als er unterstützt von seiner früheren Schülerin, der wunderbaren Pianistin Margarita Höhenrieder, Beethovens B-Dur-Konzert und die Mozart-Sinfonien 1 und 29 musizierte. Auf besonderen Wunsch der Beiden gemeinsam mit der Kammerphilharmonie Amadé.

Ergebnis: Zwei elektrisierende Konzerte in Soest und auf Zollverein in Essen. Dazu ein Ausnahmekünstler, der das Große, das Wichtige und Drängende in einfache Worte fasst. Am Rand des Geschehens mit öffentlichen Proben im gut besetzten Musiksaal des Soester Aldegrever Gymnasiums (vor überraschend weit geöffneten Ohren) ein Gespräch über Potential und Zukunft eines Orchesters, über die Tragödie „young people flooded by commercial enterprises“, über Wege aus der Krise und über nichts weniger als über „the secret of the universe“ respektive entsprechende Antworten zum Kasus.

Eine kurze Woche Musizieren mit der Kammerphilharmonie Amadé liegt hinter Ihnen. Wie fällt die Bilanz aus – ein Erfolg das Ganze?

In jedem Fall, zumindest was mich betrifft! Was das Orchester angeht, müssen Sie dort nachfragen …

… an dieser Stelle geht die Frage zunächst an den Gastdirigenten …

Also gut, ich fand das alles wirklich überaus erfreulich! Sie sind sehr talentiert, diese Musiker. Einige sind noch sehr jung, aber doch schon erstaunlich sicher. Sagen wir so: Wie es Gesetze des Universums gibt, so gibt es Gesetze in der Musik, die man in vielen Fällen erst nach langen Jahren mühsamer Erfahrung lernt. Ich bin von daher ganz glücklich, wenn ich in diesem Punkt irgend von Nutzen sein kann. Hängt natürlich zusammen mit meiner Langlebigkeit (lacht) …

Das Dirigieren praktizieren Sie ja auch schon eine ganze Weile. Insofern wäre doch interessant zu erfahren, wie der Vergleich ausfällt: eine Kammerphilharmonie Amadé im Konzert all der anderen Ensembles –  

Nun, das stimmt, ich habe tatsächlich mit einer ganzen Reihe von Kammerorchestern gearbeitet. Insgesamt muss man sagen, dass es sehr schwer ist, ein großes Orchester zu werden, wenn zu viel Fluktuation herrscht. Aber aufgrund ihrer, wie ich mir habe sagen lassen, ökonomischen Situation können sie nicht immer mit den gleichen Leuten auftreten. Andererseits, in Anbetracht der misslichen Situation, in der sie sich da leider befinden, sind Sie nach meinem Dafürhalten ganz wunderbar. Den letzten Schritt indes zu einem ganz großen Orchester, den kann man nur mit einem konstanten Personal tun, keine Frage.

Sind Sie eigentlich informiert, dass ausgerechnet ein Orchester, dessen Potential so offensichtlich ist, von Seiten der zuständigen Stellen im Ministerium keine ausreichende Unterstützung erfährt?

Ich bin ganz und gar überrascht darüber! Das muss eine rein politische Entscheidung sein, die mit der Musik überhaupt nichts zu tun haben kann. Ich meine, man sollte diese Haltung überdenken. Man hat doch allen Grund, sehr stolz auf eine solche Formation zu sein!

Herr Fleisher – Sie studieren und dirigieren hier zwei Konzerte mit der Musik von Mozart und Beethoven. Zwei Komponisten, die in der Postkutsche unterwegs waren, die keine Handys hatten, die ihre Briefe mit Feder und Tinte geschrieben haben …

… mit der Feder von Tieren, von Vögeln!

… zwei Komponisten aus alter Zeit: Was, glauben Sie, haben sie uns zu sagen?

O ja, was nun insbesondere diese beiden Komponisten angeht, so bin ich der Meinung, dass Sie Antworten parat haben auf das Geheimnis des Universums – wenn wir ihnen nur zuhören. Was ich denke ist, dass sie allen von uns eine Art Fingerzeig darauf geben können, was es mit dem Universum auf sich hat.

Und die Zukunft der Klassischen Musik – wie denken Sie darüber?

Ja, das ist ein Problem. Es gibt Leute, die sie für ihr Leben als wichtig, als unverzichtbar ansehen. Viele andere aber, und ich fürchte, es werden mehr und mehr, halten das überhaupt nicht für notwendig, überflutet wie sie sind von all dem kommerziellen Tun und Treiben. Die, die ein inneres Bedürfnis nach dem haben, was die Klassische Musik ihnen schenken kann, die wird es aber wohl immer geben. Mag sein, dass sie weniger werden, aber geben wird es sie immer, da bin ich mir ganz sicher.

Und wie vermittelt man das denjenigen, die heute Schulbänke drücken?

Indem man ihnen gute Musik gibt, die beste, die man hat! Sie werden dann darauf antworten. Und noch etwas: Was insbesondere Leute wie Mozart und Beethoven angeht, möchte ich doch auch an eine gewisse Verpflichtung erinnern. Immerhin: Es ist ihre Kultur, es ist ihr Erbe! Und da sehe ich sie allerdings in der Pflicht und in der Verantwortung, genau dies zu erkennen und zu pflegen.

„Your culture! Your heritage!“ – Ihre fast schon beschwörenden Worte an die Schüler des Soester Gymnasiums bei den Proben in der letzten Woche …

Ja, stimmt.

Klingt gut, ist aber schwer nachzuvollziehen für manche …

Weil sie, wie ich sage, geflutet sind von dem ganzen verdammten Kommerz, manipuliert von Leuten, die nur ihre Macht über sie ausüben wollen, überschüttet von all diesen Zerstreuungsangeboten. Was sie brauchen, sind gute Lehrer. Überhaupt ist es das, was junge Leute verdienen: Große Lehrer, klare Worte …

…wie Sie sie gefunden haben …

Würde mich freuen, wenn es nicht ganz unverständlich und nicht ganz umsonst gewesen ist, was ich da (lacht) dank meiner longjevity von mir gegeben habe.

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