WDR 3 kündigt Moderatorin Christine Lemke-Matwey die Zusammenarbeit auf


(nmz) -
Seit zwölf Jahren moderiert Christine Lemke-Matwey gemeinsam mit anderen Kollegen das WDR 3 Klassik Forum. Damit ist seit diesem Montag Schluss. Morgens war Lemke-Matwey noch drei Stunden live auf Sendung, nachmittags kündigten der Programmchef von WDR 3, Professor Karl Karst, und der Leiter der Aktuellen Kultur im Hörfunk, Volker Schaeffer, ihrer Moderatorin die Zusammenarbeit auf. Als Grund wurde deren Illoyalität genannt, die sich in einem Artikel Lemke-Matweys in der Wochenzeitung DIE ZEIT äußern würde.
08.05.2014 - Von Andreas Kolb

In ihrer Eigenschaft  als ZEIT-Redakteurin hatte Lemke-Matwey am 29.4.2014 den Kommentar „Ohne Mozart? Reformen, Fusionen, Frequenzen: Die öffentlich-rechtlichen Radiomacher verspielen die Zukunft der klassischen Musik“ veröffentlicht, in dem sie  Überlegungen zur Klassikferne der derzeitigen Generation von Radiomachern anstellte. „Denn die Philister kennen nicht, was sie verderben“, diesen Satz hat der Komponist und Musikkritiker Robert Schumann seinen fiktiven Davidsbündlern Florestan und Eusebius Mitte des 19. Jahrhunderts in den Mund gelegt. Die ZEIT-Redakteurin und WDR-Moderatorin drückt das in heutigen Worten aus: „Die Intendanten der ARD  entstammen allesamt der ersten Generation der Nach-68er und haben von den einstigen Weltverbesserern vor allem das militante Desinteresse an der Hochkultur geerbt. Mit Bob Dylan lässt sich noch Staat machen (…) - mit Mozart geht das nicht mehr.“

Dass den Top-Managern der Rundfunkanstalten der Gegenstand Klassische Musik nicht wirklich nahe steht, ist keine vage Vermutung, sondern erschließt sich jedem, der die gegenwärtigen Entwicklungen beim Funk wie die drohende Abschaltung von BR Klassik von der Ultrakurzwelle (UKW), die bereits vollzogene Fusion der SWR-Sinfonieorchester und nicht zuletzt die viel diskutierte WDR-Programmreform von 2012 aufmerksam verfolgt hat. Doch auch wenn das alles kein Geheimnis ist, die Vorgänge im WDR zeigen, dass die journalistische, freie Meinungsäußerung nicht nur nicht gewünscht wird, sondern – so freie Mitarbeiter sich zu Wort melden – drastische Folgen hat.

Wer die Debatte über die vielen Abbau- und Umbauerscheinungen im Musikbereich bei diversen ARD Rundfunkanstalten in den letzten Wochen und Monaten aufmerksam verfolgt hat, konnte den deprimierenden Eindruck gewinnen, protestieren hilft nichts – der Zug scheint abgefahren. Immer stärker schielen die Öffentlich-rechtlichen auf die Quote, Medienanalysen werden zur Richtschnur für die Programmausrichtung. Je weniger der öffentlich-rechtliche Rundfunk sich aber vom Massenangebot der privaten Sender unterscheidet, desto dünner wird die Rechtfertigung für Gebühren. Man sägt unbekümmert an dem Ast, auf dem man sitzt.

 

Mehr zum Thema unter:

http://www.nmz.de/online/vorabdruck-aus-nmz-6-2012-gefechtsfeld-kulturradio-rundfunkrat-beschliesst-umstrittene-wdr3-r

http://www.nmz.de/dossiers/swr-orchesterfusion

http://www.nmz.de/artikel/die-vertreibung-ins-digitale-paradies

 

Nachtrag 12. Mai 2014

Auf Nachfrage beim WDR erhielt die nmz-Redaktion am Abend des 9. Mai folgendes Statement des Pressesprechers Birand Bingül zu den Vorgängen um Christine Lemke-Matwey sowie zu ihrem Artikel in der ZEIT:

Gerade in 2014 sind wir besonders aktiv in der klassischen Musik. Ob zum Beispiel das große medienpädagogische Dvorak-Experiment für Jugendliche oder die großflächige Übertragung des „Eurovision Young Musicians“-Wettbewerbs für junge Klassiktalente.

Unsere vier Klangkörper treten überall im Land auf. Aus Überzeugung veranstalten wir die "Wittener Tage für neue Kammermusik" und die "Tage Alter Musik" in Herne jährlich mit und übertragen umfangreich. Das Kölner Funkhaus ist einer der meist bespielten Kulturhäuser. Wir arbeiten mit 80 Konzerthäusern, Festivals, Theatern, Museen und Kulturorganisationen in NRW zusammen.

Der WDR setzt sich nachweislich in hohem Maße für die Hochkultur ein. Die Kultur gehört zur DNA des WDR.

Vor diesem Hintergrund sind wir sehr verblüfft über die Vorwürfe. Für die grobe Behauptung der Autorin, der öffentlich-rechtliche Rundfunk verspiele die Zukunft der Klassik, wird den Leserinnen und Lesern nicht ein einziger Beleg vorgelegt. Oben genannte Beispiele finden nicht statt. Stattdessen zeichnet die Autorin ein Zerrbild, übrigens ohne den entsprechenden Stellen im eigenen Sender die Chance für eine Reaktion zu lassen. Das entspricht nicht unseren Standards, was journalistische Qualität und faire Zusammenarbeit angeht.

 

Dossier: 
SWR-Orchesterfusion

Rundfunk ist doch nur Spiegel der Gesellschaft

Der ARD-Hörfunk folgt - als vom Volk (zwangs)getragen - nur der Entwicklung im Volke. Und die sieht leider ebenso verheerend aus. Die Nachkriegszeit mit dem Wunsch nach "nie wieder Krieg" und der Sehnsucht nach Kultur ist vorbei. Ich erlebe im täglichen Umgang mit meinen ganz normalen (sprich mehrheitszugehörigen) Mitmenschen inzwischen eine Radikalität, die mich schlimmes ahnen läßt. Dazu muß ich mir nicht einmal die üblichen "Argumentationen" zum Thema Kultur reinziehen, in denen es letztlich stets darum geht, daß das Volk nicht mehr länger bereit sei, das "elitäre Spielzeug der Reichen" (=Theater, klassische Musik) zu finanzieren und damit endlich Schluß sein müsse.

Dazu genügt schon die Auseinandersetzung mit naturgesetzmäßigen Zusammenhängen, also Dingen, die man nicht aushebeln kann. Stichpunkt Energieversorgung. Die Mehrheit der Bevölkerung scheint keine zukunftsfähige Lösung dieser Frage zu wünschen, sondern fordert das Beharren auf dem bekannten Diebstahl am Planeten mit all seinen Folgen bzw. wünscht ausdrücklich die vermehrte Nutzung von Atomkraft, nimmt also das Risiko der eigenen Vernichtung in Kauf. Und ich bin mir inzwischen sicher: es fänden sich regionale Mehrheiten, die bereits heute keine Hemmung mehr hätten, Menschen, die ihnen nicht in den Kram passen, zu beseitigen.

Wir befinden uns nunmal nicht mehr in der Nachkriegszeit, sondern in einer neuen Vorkriegszeit. Ob sie zur Kriegszeit werden wird? Für mich deutet vieles daraufhin. Der alte Konsens, nie wieder Krieg zu wollen, ist auch längst gefallen. Journalisten haben ihn meist noch und bringen ihn damit auch in die Medien - sie werden heute von der Bevölkerung wegen ihrer "rot-grünen Tagesbefehle" beschimpft. Man wolle keine "Gutmenschen" mehr. Welcher Wunsch hinter solchen Aussagen steckt, will ich lieber gar nicht weiter erforschen. Es wird spannend in den kommenden Jahren. Vielleicht haben am Ende wieder einmal diejenigen Glück, die Deutschland verlassen haben, weil es zunehmend unerträglich wurde. Auch das wäre nichts neues in der Geschichte.


Artikel von Andreas Kolb

Sehr geehrter Herr Kolb,

Wie sieht denn ihrer Meinung nach eine "bereits vollzogene Fusion" der SWR Orchester aus? Gegenwärtig spielen beide Orchester noch — zu Hause, auf Tournee, auf Festivals. Dies tun sie auch noch, egal was passiert, für mindestens noch gut zweieinhalb Jahre. Nach einer "vollzogenen Fusion" spielt nur noch ein Orchester. Der Erhalt der beiden Orchester ist jetzt immer noch eine viel einfachere und weniger aufwändige Angelegenheit als die Durchführung der Fusion.

Mit freundlichen Grüßen
Matthias Guthmann


Sehr geehrter

Sehr geehrter Herr Guthmann,

vollzogen wurde die Fusion in den leitenden Etagen des SWR in Stuttgart und Baden-Baden. Leider. Dazu wie diese verhängnisvolle Entscheidung noch einmal umzukehren ist, macht Gerhard Rohde in der aktuellen nmz neue Vorschläge.

Ich gebe Ihnen aber recht: So lange beide Orchester noch spielen, bleibt Zeit zum Handeln. Das "Super-Orchester" im Süden existiert noch lange nicht …

Mit freundlichen Grüßen,

Andreas Kolb

 

 

 

 

 


Der WDR, Frau Lemke-Matwey

Ich finde diesen Fall interessant. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich genug darüber weiß, um mir eine Meinung bilden zu können. Der Original-Kommentar von Frau Lemke-Matwey ist schon stark angreifend - rechtfertigt das denn, direkt einer langjährige Mitarbeiterin zu kündigen? Wäre da nicht zuerst ein Gespräch angebracht? Natürlich wirkt das erstmal so, als könnte der WDR keine Kritik aus eigenen Reihen verkraften. Oder vielleicht nur dann nicht, wenn sie voll ins Schwarze trifft. Ganz abgesehen davon, dass Frau Lemke-Matwey wiederum sicher keinen blassen Schimmer von Bob Dylan hat ("Revoluzzer"!) und ich Dylan auch nicht eben oft im WDR höre… Schade, das hätte ja auch Anlass für eine offene Diskussion werden können. Die ist aber nun definitiv abgewürgt und offensichtlich nicht erwünscht.


Frau Lemke-Matwey hat die

Frau Lemke-Matwey hat die Feinde des öffentlich-rechtlichen Rundfunks angegriffen. Dumm nur, daß die heute in den Intendanzen sitzen und die Abwicklung des öffentlich-rechtlichen Systems betreiben, die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich wissend, sich den Konsequenzen ihres Tuns aber möglicherweise nicht einmal bewußt seiend. Es geht ja nichtmal um Klassik. Es geht ja generell um alles, was nicht dafür taugt, als Konkurrenz zum Privatfunk zu dienen. Redaktionelles Wort, das noch irgendeine Relevanz haben könnte, findet man heute schon bei manchen Anstalten kaum oder gar nicht mehr. In diesem System gibt es keine Diskussionsmöglichkeiten mehr. Das wird jetzt durchgezogen und ausgesessen, wenn es sein muß auch mit den Mitteln, mit denen die DDR einst gearbeitet hat: Mikrofonverbot. Zu den Folgen der Entwicklung der Medien allgemein gab es Anfang Januar ein interessantes Zitat von Matthias Horx in Markt und Medien auf dem Deutschlandfunk. Kernaussage: "Die Gebildeten gehen aus den Medien raus".


Alles in Allem halte ich

Alles in Allem halte ich fest, dass ich Frau Lemke-Matwey selbst nach fast einem Jahr im WDR vermisse. Ihre Beiträge, Ihre Rezensionen, ihr fachliches umfassendes Wissen- es kann nun nicht mehr gehört werden. Fühlte sich Tom Buhrow als Dylan Fan derart auf den Schlips getreten ? Lächerlich. Im Kern hatte Frau Lemke-Matwey recht. Schlimm, dass sich der WDR solch eine Gangart leistet und auf eine fähige Mitarbeit derart leichtfertig verzichtet.


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