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Foto: © Jochen Quast
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Wer lernt schon aus der Geschichte? – Verdis „Attila“ im Theater Lübeck

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Vor nur knapp drei Jahren berichtete Jörn Florian Fuchs in der nmz von einem „zünftigen“ Theaterskandal im Theater an der Wien. Dort hatte ein Teil des Publikums lautstark und empört auf Peter Konwitschnys Interpretation von Verdis „Attila“ reagiert. Jetzt brachte eine Koproduktion mit dem Theater Lübeck die Inszenierung noch einmal auf die Bühne, nun aber mit spektakulären Erfolg.

Lübeck

Das hatte man in Lübeck lange nicht erlebt: Fast nach jeder Nummer wurde heftig applaudiert und – in richtigem Italienisch – bravo, brava oder bravi gerufen. Wenn das zunächst auch den Sängern galt, die die gewaltigen Partien in diesem wenig bekannten Werk zu stemmen hatten, so spürte man von Anbeginn eine Lust im Publikum, dieser grotesk komischen Inszenierung zu folgen. Und das bezeugte auch der Auftritt Konwitschnys beim Schlussapplaus.

Im hübschen, jugendstiligen Theaterhaus an der Beckergrube hatte man in der letzten Zeit mit einigen Opern einen grandiosen Erfolg gehabt. Bravourös gesungen und inszeniert waren sie, wie „Cosi fan tutte“, die „Lady Macbeth von Mzensk“ oder Bellinis „Romeo und Julia“, alles nicht gerade leichte Kost. Und die servierte auch Konwitschny nicht. Schon sein Vorhang, eine derbe, weiße Leinwand mit viel Kindergekrakel darauf, oben ein Stuka im Anflug, unten ein zackiger Blitz und in der Mitte der Operntitel „attila“, machte klar, dass der Abend keine historische Interpretation bieten würde. Wer das suchte, hätte gleich gehen müssen. Wer blieb, durfte dann die intelligente, bis in Kleinigkeiten durchgeformte Inszenierung bestaunen. Die erste Szene setzt das Vorhangbild stimmig fort. Eine hohe Rundwand mit bröckelndem Stuckrand und Löchern von Einschüssen begrenzt den Raum, in dem sich als Soldateska verkleidete Kinder tummeln (Ausstattung: Johannes Leiacker). Sie spielen, mit Küchen- und Reinigungsutensilien bewaffnet, Krieg. Wilde Hunnen wollen sie sein, die dann ihrem Führer zujubeln, der auf einem kleinen Leiterwagen, gezogen von zwei gebückten menschlichen Zugtieren, hereinrollt. Das passt grandios zu der plakativen, positiv gestimmten Musik Verdis mit ihrem beschwingt martialischen Ton.

Krasse Charaktere

Dann ist da der Attila! Mit Erstaunen hört man den enorm tiefen, dabei etwas hohlen Stimmklang, den Ernesto Morillo bewundernswert bis zu seinem bitteren Ende als Titelfigur durchhält. Unter die Haut geht später seine Albtraumerzählung im Gespräch mit Uldino, seinem Adjutanten (Hyungseok Lee), wunderbar schattiert durch solistische Leistungen im Orchester. Und wenn dann diese „Geißel der Menschheit“ vor Rom seinem Traumbild Leone, dem Bischof von Rom (Seokhoon Moon), begegnet, wenn die Damen in Heilsarmeekostümen die wilden Hunnen um(er)ziehen, erlebt man großes Theater. Die Kerle müssen sich erwachsen gebärden.

Komisch wird es gleich beim Auftritt der weiblichen Heldin, der Odabella. Helena Dix singt und spielt sie furios. Ihr Elan wird drastisch in Szene gesetzt, wenn sie sich die Hunnenkrieger mit Stimmkraft vom Leibe hält. Und ihre Koloraturen bewundert nicht nur Attila, der die gefangene Italienerin zu seiner Geliebten machen möchte, die Unwillige später gar mit vorgehaltener Pistole zur Ehe zwingen will. Seine Krieger haben ihren Vater getötet und sie gedenkt seiner in gefühlvollen Wendungen, motiviert ihren Rachedurst. Beides sind sehr unterschiedliche Charaktere, brutal und eitel der eine, angepasst und zaudernd und doch nach Vergeltung dürstend die andere.

Mit dem römischen General Ezio kommt ein weiterer zwielichtiger Charakter hinzu. Gesanglich schafft Gerard Quinns Bariton es mühelos, Attila Widerpart zu sein. Hinter Biederkeit versteckt er seine Verschlagenheit. Die offenbart ein szenischer Einfall sinnbildlich, wenn er das schmutzige Fahnentuch in den italienischen Farben von der Schulter nimmt und sich um die Hand wickelt. Sein Arm wird zur Schlange, seine Hand zu ihrem Kopf. Nur auf eigenen Machterhalt bedacht erstrebt er einen listigen Kontrakt mit dem Hunnenfürsten: „Du sollst das Universum haben, doch Italien überlasse mir.“

Als Antiheld ist da noch Foresto, der Verlobte Odabellas. Alexander James Edwards gibt dem Tumben seine Stimme, ein Tenor, der in seiner weichen, eher lyrischen Unbestimmtheit vorzüglich zu dieser Rolle passt. Er ist kein Sieger, versteht das Spiel, das seine Angebetete treibt nicht. Aber eifersüchtig ist er, betreibt nur deshalb das Spiel gegen Attila. Wie Konwitschny das Duett mit Odabella spielen lässt, ist ein Kabinettstück für sich.

Großes Theater

Das verästelte Geschehen wird in einzelnen holzschnittartigen Bildern veranschaulicht. Dazu passen vortrefflich die comicartigen Szenen mit aufgehender Sonne oder Mondsichel, auch die schwebenden Vögel oder die Sprechblasen. Alles untermalt Verdis expressive, auf Wirkung bedachte Musik und wird vom Philharmonischen Orchester Lübecks unterstrichen, das unter GMD Ryusuke Numajiris Leitung erstaunlich gut den Gesangslinien im natürlichen Fluss der Melodik folgt. Bewundernswert ist zudem der erweiterte Theaterchor und der Kinder- und Jugendchor Vocalino (Einstudierung: Jan-Michael Krüger), beide stark geforderte Mitspieler. Ständig in Bewegung leisten sie gesanglich Rundes. 

Beides, das dramatische Geschehen und die Musik, zeigt kein psychologisch begründetes Handeln der Protagonisten. Konwitschnys Interpretation illustriert vielmehr den Umgang mit Macht und Rache, mit Habenwollen und Eifersucht, mit Eitelkeit und Gier als ein jämmerliches Verhalten, erschreckend und immer gleich, von Kindestagen an bis ins Greisenalter. Sinnbildlich lässt er alle im Laufe des Spiels altern, präsentiert die Helden zum Schluss in einer makabren Szene als lächerliche, unbelehrbare Greise, blind, im Rollstuhl oder am Rollator. Der düstere Spaß wird widerborstig, denn keiner hat aus der Geschichte gelernt. 

  • Weitere Aufführungstermine in dieser Spielzeit:  26.05., 18.06. und 03.07.2016

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