Hauptrubrik
Banner Full-Size

Experimente mit Klangfarben an der Denstedter Liszt-Orgel D

Publikationsdatum
Body

Denstedt - Ganz behutsam zieht Michael von Hintzenstern an einem der vielen Register der historischen Liszt-Orgel im thüringischen Denstedt. Konzentriert schiebt der Organist einen Regler an einem unscheinbaren kleinen Kasten nach oben, der aufgrund seiner weißen Plastikhülle leicht als nachträglicher Einbau erkennbar ist.

 

Allmählich steigert sich der Ton in Lautstärke und Klang von einem sanften Flüstern zu einem tiefen, wummernden Bass. Immer neue Facetten kommen dazu, als Hintzenstern die Register zieht und eben jenen Regler betätigt, der das wohl ungewöhnlichste Bauteil der historischen Orgel steuert.

Winddrossel nennt sich die Vorrichtung, die Hintzenstern erst im Mai auf der Suche nach neuen Klangerlebnissen in die historische Orgel einbauen ließ. Mit ihr kann die Zufuhr der Luft, die in der Orgel ankommt, stufenlos geregelt werden. Die Folge: Lautstärke und Klang ändern sich je nach Einstellung grundlegend, immer neue Experimente mit Klangfarben und den einsetzenden Obertönen werden möglich.

Die ersten modernen Versuche, den statischen Orgelklang durch das Spiel mit der Luft "zum Fließen" zu bringen, stamme aus den 1960er Jahren, erklärt der Organist. Damals seien unter anderem Staubsauger-Motoren zum Einsatz gekommen. Die Idee hingegen ist bedeutend älter: Bereits im 16. Jahrhundert hatte der italienische Komponist Girolamo Frescobaldi mit den Registerstellungen und den dabei entstehenden "Zwischentönen" experimentiert.

Diese Experimente fortzusetzen, ist das Ziel von Michael von Hintzenstern. Seit er das Schmuckstück in der mit uralten Kastanien umgebenen Dorfkirche entdeckt hat, sind 32 Jahre vergangen. "Seitdem bin ich mit dieser Orgel verheiratet", sagt Hintzenstern schmunzelnd, bevor er sich wieder dem Spiel widmet. Die Sanierung des Turms, des Kirchendachs und schließlich der Orgel selbst hat den Organisten mit Passion für Neue Musik für Jahre in Atem gehalten. Im Mai 2012 ist mit der Winddrossel - deren Einbau natürlich ohne Eingriffe in die historische Substanz des Instruments erfolgte - der vorerst letzte Baustein dazu gekommen.

Dabei ist eigentlich schon die Orgel eine Geschichte für sich: 1860 von zwei Orgelbauern aus der Nähe von Schmalkalden gefertigt, sprach sich die hohe Qualität des Instruments schnell herum. Zusammen mit seinem Kantor Alexander Wilhelm Gottschalg zog es schließlich auch Franz Liszt häufig nach Denstedt, um "Orgelconferenzen" und "Privatkonzerte" durchzuführen. "Ländliche Experimente" nannte Liszt diese Ausflüge ins Weimarer Umland.

Dass Liszt seine Freude an den technischen Neuerungen gehabt hätte, steht für Hintzenstern außer Frage: "Liszt war so offen für Neues, dass er sich der Faszination dieses 'gleitenden Klanglebens' sicherlich nicht verschlossen hätte." Ein spannendes Detail: Offenbar wurden an der Liszt-Orgel bereits vor Hintzensterns Zeiten Klangexperimente durchgeführt. Das verraten kleine Bleistiftmarkierungen, die ein unbekannter Vorgänger des Organisten angebracht hatte, um jenen Punkt zu markieren, an dem ein Pfeifenton in einen anderen Klang "umschlägt".

Die Faszination des Orgelspiels begleitet Hintzenstern bereits seit dem Beginn seiner Laufbahn. Gleich nach seinem Musikstudium hatte er 1979 den namhaften Organisten Gerd Zacher zu einem dreitägigen Avantgarde-Kurs für experimentelle Orgelmusik eingeladen - von staatlicher Seite damals misstrauisch beäugt. Heute veranstaltet er mehrmals im Jahr Konzerte in der kleinen Kirche - und das mit durchaus hochkarätiger Besetzung. So wird am 4. Juli die Tänzerin Ester Ambrosino aus der Schule von Pina Bausch zum Projekt "Orgel und Tanz" in Denstedt zu Gast sein und die Orgelklänge mit Tanzimprovisationen ausschmücken.

Auch am kommenden Wochenende können Musikliebhaber die Wirkung der Winddrossel erkunden: Im Rahmen des bundesweiten "Tags der Musik" wird Hintzenstern seine Orgel erklingen lassen. Neben klassischen Werken von Franz Liszt und Johann Sebastian Bach werden auch Werke von Frescobaldi und John Cage dabei sein - um das Potenzial der Orgel so weit wie möglich auszuschöpfen.
 

Michael von Hintzenstern und seine Projekte in sieben Daten

- Michael von Hintzenstern gründete 1980 das "Ensemble für Intuitive Musik Weimar" (EFIM).

- 1988 initiierte er die "Tage Neuer Musik" in Weimar, die in diesem Jahr zum 25. Mal stattfinden.

- Am 16. Juni ist die Orgel mit der neuen Winddrossel in Denstedt ab 17.00 Uhr im Rahmen des "Tags der Musik" zu hören, der Eintritt ist frei.

- Die Veranstaltung "Orgel und Tanz" mit Ester Ambrosino findet am 4. Juli ab 20.00 Uhr statt. Der Eintritt beträgt zehn Euro, ermäßigt acht Euro.

- Das Zusammenspiel von Barockoboe und Orgel ist bei dem Konzert "Mit Luther durch das Kirchenjahr" am 22. Juli ab 17.00 Uhr zu hören. Der Eintritt beträgt sechs Euro, ermäßigt vier Euro.

- Gemeinsam mit dem Harvard-Professor Hans Tuschku findet am 29. Juni ab 17.00 Uhr eine Klangreise des EFIM in der Erfurter Kirche "St. Peter und Paul" statt.

- Im Rahmen des Sound Art Happening 2012 am 30. Juni ist die Welturaufführung des Stücks "Über die Grenze" von Karlheinz Stockhausen (1928-2007) geplant.

Ort
Musikgenre