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Cover des Buches Musik hat ihren Wert
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Besonders komplizierte Lage

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Festband zu 100 Jahre GEMA im ConBrio Verlag
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Albrecht Dümling: Musik hat ihren Wert. 100 Jahre musikalische Verwertungsgesellschaft in Deutschland, hg. von Reinhold Kreile, hrsg. Verlagsgesellschaft, Regensburg 2003, 391 S., Abb., € 49,00, ISBN 3-932581-58-X

Da liegen sie, Grab an Grab: Kafka, Thomas Mann, Brecht, Kraus. Hinter ihren schmucklosen Steinen steht ein Kiosk, darin ein Mann mit Mütze. Doch am Friedhofskiosk werden nicht Cola oder Würstchen feilgeboten, sondern Urheberrechte. Das zumindest verrät ein oben angebrachtes Schild. Klar, es handelt sich um eine Karikatur. „Von Witwen und anderen Nachlassverwaltern“, gezeichnet von Nico, erschienen 1972 im Zürcher „Tages-Anzeiger“ anlässlich der Querelen um die Editionspraxis der Familie Mann.

Die Geschichte der Urheberrechte ist lang und verworren. Wie immer, wenn die Lage besonders kompliziert ist, muss ein Jubiläum her, damit die Archive vom Staube befreit und ordentliche Chroniken zusammengetragen werden. Im Fall der „100 Jahre musikalische Verwertungsgesellschaft in Deutschland“ ist mehr herausgesprungen als eine neu geordnete Faktensammlung, mehr als Datenketten aus der Mottenpulverkiste. Autor Albrecht Dümling ist in einen Keller aus Zahlen, Namen, Sitzungsprotokollen und Verordnungen herabgestiegen, hat die Historie Akte auf Akte neu beleuchtet und auf diese Weise viel Licht in ein Mosaik gebracht, von dessen Existenz der Laie in aller Regel nicht viel weiß. Was hat schon der kaufwillige Kunde im CD-Laden mit LC-Nummern am Hut? Hauptsache Titel und Interpret stimmen. Beim Rundfunk dagegen sind beispielsweise geschummelte Track-Zeiten oder verdrehte Labelcode-Nummern ein ruchbares Delikt. In Dümlings Festschrift also geht es um die Geschichte jener Gesellschaft, die für den Urheberschutz, die Achtung von Aufführungs- und Senderechten et cetera zuständig ist. Die Anfänge führen ins Frankreich des 18. Jahrhunderts und zum Zwist zweier Uhrenspezialisten, die sich über das Patent eines neuen Präzisionsrädchens öffentlich in die Haare bekamen. Wer war der wirkliche Erfinder und wer durfte den verdienten Lohn dafür einstreichen? Erst durch Gutachten konnte die Wahrheit glaubwürdig und damit öffentlich gemacht werden. Rasch erfüllte die Frage nach der Rechtmäßigkeit von gedanklichem Eigentum – mithin auch von musikalischen Einfällen – halb Europa. Prompt hatten sich zwei Parteien gebildet: Hier die Gruppe der Verleger, deren Gebaren schon der Dichter Clemens Brentano mit originellen Schimpfworten bloßlegte, dort die „Erfinder“, die ihre Produkte zunehmend besser geschützt wissen wollten. In Deutschland fanden die bis heute nachhaltigsten Auseinandersetzungen in den Jahren um 1900 statt. Federführend waren die Herren Humperdinck und Strauss, die auf die Gründung einer Anstalt für musikalische Aufführungsrechte drängten.

Dümling widmet dieser Debatte den nötigen Raum, er hat die komplexe Entstehungsgeschichte bis zum Ende des 20. Jahrhunderts präzise dokumentiert und das langwierige Zerren um Ansprüche und Paragraphenformulierungen in eine anschauliche Sprache gebracht. Dass die Lektüre über all diese Kaugummi-Verhandlungen nicht zum Langweiler wird, liegt auch an der optischen Aufmachung des Bandes. Die erfreulich knapp gehaltenen Fußnoten wurden nicht etwa in den Anhang verbannt, sondern benutzerfreundlich am Seitenrand gedruckt. Oberhalb des Textes befinden sich zahlreiche sorgsam ausgewählte und teils originelle Illustrationen, etwa von alten Plattenspielschränken, selbstspielenden Klavieren, schmucken Grammophonen, dazu Titelblätter von Satzungen, Künstlerporträts, Probenfotos et cetera. Natürlich gibt es Passagen, die man zu überspringen geneigt ist, etwa wenn seitenlang Mitgliederzahlen und deren Prozententsprechungen ausgebreitet werden. Da wären tabellarische Gegenüberstellungen sicher vorteilhafter gewesen.

Der Reiz dieses Jubiläumsbandes liegt in seiner Perspektiven-Vielfalt. Auf der einen Seite die gründliche Aufarbeitung der Historie, auf der anderen die essayistische, thesenfreudige Betrachtung von Gegenwart und Zukunft.

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