Die Eingeschlossenen im Airport Sartre

Das ist aber ein fideles Flughafengefängnis: Jonathan Doves Oper „Flight“ in Leipzig


(nmz) -

Der Flughafen als Chiffre: ein Ort, wo man ankommen oder abfliegen kann. Ein Ort, an dem Verweilen zum Widerspruch gerät, an dem Nachdenken und Besinnung ausgeschaltet erscheinen. Ständige Mobilität ist angesagt. Immer weiter und weiter, nur irgendwo hin auf dieser Welt. Ein Ort also auch der Bewusstlosigkeit unserer Zeit. Nur die Katastrophe vermag den rasenden Kreislauf zu stoppen, ein Absturz oder ein ungewöhnliches Naturereignis, ein Orkan, ein Schneesturm. Dann wird der Mensch auf sich selbst zurück geworfen. Die äußere Katastrophe wird projiziert auf individuelle innere Situationen, auf psychische Befindlichkeiten und Verdrängungen. Dann verschwindet die Flughafen. Chiffre gleichsam im existenziellen Nichts. Man scheint dann bei Becketts und Ionescos Theaterstücken angekommen.

Ein Artikel von Gerhard Rohde.

Ausgabe: 
5/04 - 53. Jahrgang

Das Faszinosum Fliegen und Flughafen hatte die Oper schon Ende der 30er-Jahre des vorigen Jahrhunderts für sich entdeckt: Luigi Dallapiccola schrieb nach Saint-Exupérys Roman „Vol de nuit“ seine Oper „Nachtflug“. Der dargestellte Konflikt zwischen den unwägbaren Gefahren der technisierten Welt für den Menschen und der fatalen Ideologie des „starken Lebens“, des auf sich selbst gestellten Individuums, spiegelt kritisch intellektuelle Tendenzen des Futurismus im faschistischen Italien wider.

Den Konflikt zwischen Mensch und Maschine reflektierte auch Boris Blachers szenisch-musikalische Reportage „Zwischenfälle bei einer Notlandung“ (1966), wo die Flugkatastrophe zum Auslöser surreal anmutender Vorgänge wird, die sich zugleich mit kompositorischen Experimenten (Elektronik) verbinden. Zum aktuell-politischen Untersuchungsausschuss avancierte Alessandro Melchiorres Flugzeugoper „…unreportet, inbound, palermo…“ (1997). Es ging darin um den dubiosen Absturz einer Passagiermaschine, die am 27. Juni 1980 wirklich mit 81 Menschen vor Palermo ins Meer stürzte, wobei sich hartnäckig bis heute Gerüchte halten, Nato-Kampfflugzeuge hätten die zivile Maschine abgeschossen, weil man in dieser Libyens Staatschef Gaddafi vermutete. Melchiorres Oper geriet bei ihrer Uraufführung in einem Hangar des stillgelegten Flughafens Atzenhof-Fürth zu einem geradezu gespenstischen Zeremoniell – doppelbödig auch, weil diesen Flughafen selbst eine düstere politische Vergangenheit umgibt.

Zwei weitere Flughafenopern nutzen den Ort für eine bewährte dramaturgische Situation: Eine Handvoll Menschen unterschiedlichster Herkunft ist wegen einer äußeren Katastrophe gezwungen, eine Zeitlang stillzusitzen und miteinander zu kommunizieren: die Eingeschlossenen auf Flugplätzen sozusagen, um einen Sartre-Titel zu variieren. Bei Philippe Manourys „60. Breitengrad“ geschieht das sehr ernsthaft: Dialoge mit Enthüllungsdramaturgie – bei der Pariser Premiere im Jahr 1997 hatte der Regisseur Pierre Strosser deshalb das vorgegebene bunte Airport-Ambiente weggeblendet und die Gespräche der im Schneesturm gestrandeten Passagiere, wie bei Melchiorre, in einen kahlen Hangarraum verlegt.

Von einer derartigen existenziellen Optik ist Jonathan Doves Oper mit dem kurzen Titel „Flight“ allerdings völlig frei. Nach der Premiere 1998 durch die Glyndebourne Touring Opera war „Flight“ beim Glyndebourne Festival, bei der Reiseoper Enschede und in Antwerpen zu erleben, überall beifallumrauscht. Der äußerliche Erfolg scheint ihr auch hierzulande sicher zu sein, die deutsche Erstaufführung an der Oper Leipzig jedenfalls gab dafür erste Signale. Jonathan Dove, Jahrgang 1959, ist – wie andere englische Komponisten auch – der von vornherein nicht verwerflichen Ansicht, eine moderne Oper dürfe auch unterhaltsam sein. Die kunterbunte Gesellschaft, die da wegen eines drohenden Orkans auf irgendeinem Flughafen festsitzt, könnte ebenso gut in Rossinis „Viaggio a Reims“ auftreten. Nur müsste sie dort virtuoser singen können.

Doves „Flight“-Musik gibt sich eher bescheiden. Sie meidet jeden komplizierten avantgardistischen Tonfall, geriert sich gefällig, schaut zur Minimal Music amerikanischer Provenienz, mischt ein bisschen Jazz-Sound drunter, verschmäht den Gestus des Musicals nicht, bedient sich punktuell auch in der europäischen Musikgeschichte und mixt alles geschickt und mit einiger Klangphantasie so zusammen, dass man es fast für einen Personalstil halten könnte.

Dazu steuern die Sänger gefällige Vokalität bei, oft etwas musicalfade Melodien. Anspruchsvoller klingt es nur bei einer engelhaft hoch singenden Controllerin (Julia Borchert) und bei einem „Flüchtling“, der auf dem Flughafen festsitzt, weil er keine Papiere mehr besitzt. Ein Countertenor kann diesen Leidenston am besten zum Ausdruck bringen. David Cordier gelingt inmitten der turbulenten Reisegesellschaft aus platten Alltagsmenschen eine anrührende Figur, die sich in diesem Ambiente allerdings einigermaßen seltsam ausnimmt. Für eine „Komische Flugzeugoper“ mangelt es Doves „Flight“ an Brillanz und Virtuosität. Rossini ist fern. Da konnten in Leipzig auch die solide Inszenierung, Ralf Nürnbergers Regie in Thomas Grubers Bühnenbild mit Airport-Accessoires und das ambitioniert aufspielende Gewandhausorchester unter John Axelrod nicht helfen.

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese von Menschen zu lösende Aufgabe ist zur Vermeidung von Spam-Inhalten leider notwendig.
Bild-CAPTCHA
Geben Sie die Zeichen ein, die im Bild gezeigt werden.

Tags in diesem Artikel

Ähnliche Artikel

Im Klang-Raum-Theater verebbt des Dichters Sprache - Matthias Pintschers neue Oper „L’Espace dernier“ an der Opéra-Bastille uraufgeführt: eine Rimbaud-Imagination
01.04.2004 Ausgabe 4/04 - 53. Jahrgang - Berichte - Gerhard Rohde
In Schönheit sterben - Ilya nehmen dem Tod die Freude
01.03.2004 Ausgabe 3/04 - 53. Jahrgang - Berichte - Sven Ferchow
Doppelte Beredsamkeit - Luciano Berios „Stanze“ posthum in Paris uraufgeführt
01.03.2004 Ausgabe 3/04 - 53. Jahrgang - Berichte - Gerhard Rohde
Gemeißelte Klangskulpturen und surreale Filmbilder - Wolfgang Rihms vollendeter „Chiffre“-Zyklus erstmals komplett in Köln aufgeführt · Von Gerhard Rohde
01.04.2004 Ausgabe 4/04 - 53. Jahrgang - Berichte - Gerhard Rohde
Im Minenfeld der Termini und der Kulturpolitik - Musik in Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts – Zu einem Symposium in Wuppertal
01.04.2004 Ausgabe 4/04 - 53. Jahrgang - Berichte - Peter Brixius
Neue Musik auf dem west-östlichen Diwan - Das „Forum neuer Musik 2004“ im Kölner Deutschlandfunk bringt unbekannte Komponisten
01.04.2004 Ausgabe 4/04 - 53. Jahrgang - Berichte - Georg Beck
Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen - „John Cage Uncaged“ – ein dreitägiges Projekt der BBC im Barbican Centre London
01.05.2004 Ausgabe 5/04 - 53. Jahrgang - Berichte - Hans-Theodor Wohlfahrt