Entdeckungsreisen in die Weiten der Tastenkunst
Das Klavierfestival Ruhr stellte neuen Besucher-Rekord auf
Ein Artikel von Stefan Pieper.
Der Initiativkreis Ruhrgebiet erwuchs aus diesen Faktoren – im Verbund haben hier die Wirtschaftsunternehmen erkannt, was über die nackte Wirtschaft hinaus noch gefördert sein will, um dem Kulturwesen Mensch einen attraktiven Lebensraum zu bieten. Kultur im Ruhrgebiet zu erleben heißt nicht selten, sich auf Entdeckungsreise zu begeben, vor allem wenn es um ungewöhnliche Aufführungsstätten geht. Beispielhaft dafür wurde die Auftaktveranstaltung des Klavierfestivals in die große Nacht der Industriekultur eingebunden, wo – nach dem Vorbild der beliebten Museumsnächte – eine Nacht lang alle Industriedenkmäler ihre Pforten öffnen und Neugierde wecken. In Bochums monumentaler Jahrhunderthalle zeigten an diesem Abend die Pianisten aus den Meisterklassen der Musikhochschulen ihr überragendes Können und machten Appetit auf mehr, viel mehr: 75 Veranstaltungen in den zurückliegenden drei Monaten mit 112 Pianisten aus 22 Nationen, die zusammengenommen etwa 300 Kompositionen auf 30 Podien in 16 Städten spielten – das klingt nach Materialschlacht, wurde aber der Nachfrage gerecht, die mit 55.000 Besuchern ein Rekordniveau erreichte. Allein über 3.000 Jazzfreunde pilgerten in die Essener Grugahalle, als dort der wohl gefragteste Jazz-Vokalist Bobby McFerrin im verspielten Duo mit Chick Corea auftrumpfte. Lang Lang, 23 Jahre jung und zurzeit einer der Shooting Stars am Tastenhimmel, raubte auf einem Monate im Voraus ausverkauften Konzert den Atem bei einer rasenden Paraphrase von Liszts Don Giovanni-Bearbeitungen. Das entsprach der programmatischen Leitidee des Festivals, wo es vor allem um das weite Feld von Transkriptionen und Bearbeitungen bereits bestehender Kompositionen gehen sollte. Etliche große Interpreten füllten ausverkaufte Konzerthäuser und hinterließen stehende Ovationen, etwa Alfred Brendel, Rudolf Buchbinder oder Maurizio Pollini, der in großartiger Reife Beethoven mit Schönberg gegenüberstellte. Ivo Pogorelic erfüllte bei Chopin, Skrjabin und Rachmaninoff alle Erwartungen bezüglich verstörender Interpretationsansätze, die die Meinungen polarisieren. Berückende Momente bescherte eine Wiederbegegnung mit der legendären, selten auftretenden Argentinierin Martha Agerich. Als Solistin hat sie alles erreicht, deshalb gibt sie ihre einzigartige, von größtem Einfühlungsvermögen bestimmte Kunst gegenwärtig vor allem an junge Talente weiter, mit denen sie im Kammerensemble auftritt – im Konzerthaus Dortmund kam es mit dem Geiger Géza Hosszu-Legocky und der Pianistin Lilya Zilberstein zu einer ergreifenden Sternstunde der Kammermusik.
Die Begegnung mit den größten Künstlern unserer Zeit ist eines, die Vermittlung von musikalischen Hintergründen ein anderes Anliegen beim Klavierfestival Ruhr. Moderierte Konzerte offenbarten immer wieder, was sich hinter der Musik verbirgt.
Der Pianist und Vollblut-Musikdidakt Siegfried Mauser demonstrierte im Bottroper August Everding Kulturzentrum mit einem höchst lehrreichen Gesamtkonzept, welche Wege in die musikalische Moderne führten. Vor allem am Beispiel der Musik von Paul Hindemith und Karl Amadeus Hartmann machte er referierend den Weg frei zum verständigen Hören und Nachvollziehen einer Materie, die – komplex, sperrig und voll schroffer Dissonanzen geradezu berstend – zu allem anderen als zum gemütlichen Zurücklehnen einlud.
Musik, die aus der klassischen Moderne in die Gegenwart führt, schaffte sich in diesem Ruhrgebiets-Klaviersommer auf vielfältigen Wegen Gehör. Als einer der wichtigsten Wegbereiter der Neuen Musik wurde Pierre Boulez in der Gebläsehalle des Duisburger Landschaftsparks mit dem diesjährigen Preis des Klavierfestivals geehrt. Damit ist zum ersten Mal kein Pianist, sondern ein Komponist Träger dieser Auszeichnung. Pierre Laurent Aimard und Tamara Stefanovich führten dazu das gesamte, oft sehr sperrig anmutende Werk für Klavier solo des 80-jährigen Franzosen auf, der sich betont locker vorm Publikum präsentierte.
Um Aktualität im Musikleben bemühte sich das Klavierfestival durch seine Kompositionsaufträge und deutlich mehr Uraufführungen als in der Vergangenheit. Einer davon ging an den jungen österreichischen Komponisten Johannes Maria Staud. Sein Klavierstück „Peras“ ist eine Bearbeitung für Klavier, nämlich eine von einem eigenen Orchesterwerk.
So abstrakt und durchgeistigt der vom Komponisten selbst zuvor referierte kunstphilosophische Überbau dieser hochkonzentrierten acht Minuten Musik anmutete, so sehr nahm die ungestüme Sinnlichkeit und Direktheit gefangen, mit der dieses musikalische Kunstwerk unter den Händen von Anika Vavic zum ersten Mal erklang – eine junge Tonsprache, die zum hochenergetischen Musizieren einlädt!
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