Flammen aus einem Wahn: drei Schreker-Opern als Neueinspielungen: „Irrelohe“, „Der ferne Klang“ und „Der Schmied von Gent“


(nmz) -
Da die von John Dew in Bielefeld intendierten Bühnenwerke Franz Schrekers nicht für Tonträger koproduziert wurden und Kirsten Harms’ Reihe ihrer Kieler Schreker-Ausgrabungen keine Fortsetzung mehr fand, gibt es noch immer Lücken bei den Opern dieses Komponisten auf CD. Zwei komplementäre Einspielungen der Opern „Der ferne Klang“ und „Irrelohe“ beweisen die Interpretationsbreite dieser Bühnenpartituren, und die Erstveröffentlichung des Spätwerks „Der Schmied von Gent“ ergänzt den Höreindruck seines Gesamtwerks um einen weiteren Baustein.
Ein Artikel von Peter P. Pachl

Als durch einen musikologischen Kongress, Mitte der 70er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts in Graz die Renaissance der Bühnenwerke Franz Schrekers ausgelöst wurde, erfolgte dort auch eine partielle konzertante Aufführung der „Irrelohe“, der einige Jahre später in Wien eine komplette unter Peter Gülke folgte, die bei Sony auf CD erschienen ist (S2K 66850). Hiermit misst sich eine CD-Neuerscheinung von Schrekers sechster, 1924 in Köln uraufgeführter Oper, die im Zuge der Schreker-Wiederbeschäftigung – nach Bielefeld und der Wiener Volksoper – am Theater Bonn ihre dritte Produktion erlebte.

Die skandalumwitterte Handlung vom sexuellen Fluch, der auf Schloss Irrelohe liegt, war dem Komponisten Franz Schreker im Halbschlaf eingefallen, als der Schaffner im Zug zwischen Regensburg und Nürnberg die Ortschaft Irrenlohe ausrief. Das blutbefleckte Happy End stellt ein Novum im Schaffen der vordem tragisch endenden Opernhandlungen des Dichterkomponisten dar, und so widmete er diese Oper seiner Gattin Maria, die als Operninterpretin auf historischen Aufnahmen präsent geblieben ist. Einflüsse von Arbeiten Sigmund Freuds und Otto Weiningers paaren sich im selbst getexteten Libretto des Komponisten mit Schauerromantik von E. A. Poe und Edgar Wallace. Unüberhörbar sind die Schrecken des Ersten Weltkrieges in die stark expressionistisch gefärbte Partitur eingeflossen. Sie ist in ihrem Umfang knapper gefasst, aber in ihren klanglichen Mitteln, mit scharf klingendem Blech und neun Schlagwerkern, drastisch zugespitzt. In diesem psychologischen Musik-

theater wird ein Walzer – Lolas verschlüsselte Erzählung ihrer Vergewaltigung – musikalisch ad absurdum geführt. Der deutliche kompositorische Fortschritt mischt Klangzauber mit linearen Techniken, die den Komponisten an den Zenit seines Schaffens führten. Gleichwohl hatte die Oper weniger Erfolg als Schrekers vorangegangene Werke „Die Gezeichneten“ und „Der Schatzgräber“. 

Der Bonner Live-Mitschnitt der Inszenierung des Intendanten Klaus Weise ist auf der CD noch wirkungsvoller zu erleben als im Bonner Opernhaus, wo sich die Klangentwicklung oft zu lautstark gerierte. Jene „Flammen aus einem Wahn“, wie der Dichterkomponist sein Opus selbst gedeutet hat, vermag Stefan Blunier wahrlich auch aus dem Beethoven Orchester Bonn zu schlagen. Ein faszinierend schillernder, aber auch aggressiver Klangreichtum entfaltet sich mit größter dynamischer Bandbreite. Trotz des vom Dirigenten erreichten symphonischen Flusses, mit trefflich herausgearbeiteter Thematik und Motivik, sind die Solisten stets textverständlich. Bisweilen etwas zu frei gestaltet Roman Sadnik die mörderische Tenorpartie des Heinrich. Von Ingeborg Greiner als Eva wünschte sich der Hörer allerdings jenen Facettenreichtum, den das Orchester für die Försterstocher aufbietet. Mark Rosenthal als Christobald, Daniela Denschlag als Lola und Mark Morouse als Peter wirken auf der CD durchaus überzeugender als in der Bühnenrealisierung. Auch Valentin Jar, Piotr Micinski und Ramaz Chikviladze als zündelnde Musikanten zeigen klare Rollenprofile. Der von Sibylle Wagner einstudierte Chor und Extrachor macht seine Sache tadellos. Die außerordentliche Interpretation ist klanglich überzeugend eingefangen.

„Der ferne Klang“

Die Schreker-Pflege am Theater in Augsburg reicht zurück in die 20er-Jahre, als hier die Gattin des Komponisten die weibliche Hauptpartie im „Schatzgräber“ gestaltete. „Der ferne Klang“, ein Mitschnitt der Produktion des Jahres des Stadttheaters Augsburg im Jahre 2010, misst sich mit den Gesamteinspielungen unter Michael Halász (Marco Polo 8.223270-271) und Gerd Albrecht (Capriccio 60 024-2). Als Komponist Fritz ist der Tenor Thomas Harper auf der Erstseinspielung unerreicht. Mathias Schulz auf der Neueinspielung rettet sich mit punktierten Spitzentönen durch die ihn hörbar überfordernde Partie. Sehr mädchenhaft initiiert Sally du Randt die Partie der Grete als Bürgerstochter, leider forciert zur Luxusdirne Greta und Straßenhure Tini; doch bietet sie ansatzweise eine echte Alternative zur gedonnerten Rolleninterpretation von Gabi Schnaut auf Capriccio. Mit den mittleren Partien in Gerd Albrechts Interpretation können einige Protagonisten durchaus mithalten, wie Stephen Owen als Winkeladvokat Dr. Vigelius und Jan Friedrich Eggers als Schmierenschauspieler. Zauberhaft anzuhören sind die (zum Zeitpunkt der Aufnahme teilweise noch im Studium befindlichen) jungen Dirnen von Isabel Blechschmidt, Stephanie Hampl, Maria Theresia Jakob, Maria Bader und Jasmin Hörner. Ein echtes Plus dieser Einspielung ist das Bühnenorchester, das mit der „Zigeunermusik“, insbesondere mit dem Zymbal, einen besonderen Stellenwert setzt. Gelungen sind auch die geradezu ätherischen Fernchöre in der Einstudierung von Karl Andreas Mehling. Wie die meisten Aufführungen seit der Grazer Wiederaufführung im Jahre 1976 ist das vom Komponisten bereits für die Uraufführung 1912 in Frankfurt verkürzte Nachtstück komplett integriert. Nicht nur in diesem überaus breiten Zwischenspiel des dritten Aktes beweist Dirigent Dirk Kaftan, dass ihm der erste Rang in dieser Neuproduktion mit einer dramatisch zupackenden, die Klanggewalten auskostenden Interpretation, in welcher sich das Philharmonische Orchester Augsburg zur Höchstform aufschwingt, gebührt.

Aber auf die unbearbeitet volle Schrekersche Klang-Collage (vom vorbeifahrenden Zug, den zahlreichen textlichen Überlagerungen durch Gesprächsfetzen und gesprochener Kommentare), auf den Total-Rundumklang und auf die zahlreichen komponierten Störfaktoren, wie sie in der jüngsten Bonner Produktion zu erleben waren, muss der CD-Hörer der Augsburger Produktion allerdings verzichten. Und Gretes finale Rufe, „Fritz! – Was ist dir? Fritz! Fritz!“, wurden in Renate Ackermanns Inszenierung zu einem herablassend bedauernden „Ach, Fritz!“ verändert.

„Der Schmied von Gent“

Auch das Theater in Chemnitz kann auf eine Schreker-Pflege der frühen Zwanzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts zurückblicken. Nach der Berliner Staatsoper und den Bühnen in Bielefeld erfuhr Schrekers letztes vollendetes Werk „Der Schmied von Gent“ hier seine erst dritte Produktion seit dem erzwungenen Verklingen dieses Komponisten im NS-Staat. Kurz vor Machtantritt Hitlers hatte diese Oper noch ihre umstrittene Premiere in Berlin erlebt. 

Dabei hatte der Komponist gerade mit diesem Werk, das zum ersten Mal seit seiner Jugendoper „Flammen“ keiner eigenen dramatischen Vorlage folgt, die Absicht, „einmal ein ganz primitives, naives Theaterwerk zu schreiben, eine Oper für Jedermann“. Seine Vorlage war Charles De Costers „Smetse Smee“, das Märchen vom flämischen Schmied und Freiheitskämpfer, der sich dem Teufel verbündet, aber selbst der Hölle das Fürchten macht. Den in seinen Partituren anzutreffenden Mischstil forcierte Schreker in dieser heiteren Oper zu einem Stilpluralismus, mit volkstümlichen Tänzen und Gesangsszenen, Linearität, Orchesterzwischenspielen à la Hindemith, einer Reihe à la Schönberg, melismatischen Themenentwicklungen und drastischer Klangentfaltung, Fugen und klassischen Formen. 

Aber auch die für Schrekers frühe Partituren typische Sinnlichkeit der Musik findet hier ihren Platz, mit der – gegenüber der Vorlage hinzuerfundenen – Höllenfürstin Astarte als Femme fatale. Sinnliche Fernchöre, wie in „Der ferne Klang“ und im „Schatzgräber“ stehen himmlischen Freuden gegenüber, die dabei musikalisch doch den durchaus sehr irdischen Freuden der „Gezeichneten“ entspringen. Kammermusikalische Klangmalerei und prägnante Erinnerungsthemen erfolgen in wirkungsvoll rascher Abfolge, sodass der Komponist damit spielte, sein Opus eine „Revueoper“ zu nennen, sich dann aber doch für die Klassifizierung als „Große Zauberoper“ entschied.

Schrekers Libretto sprüht vor Wortwitz. Wenn Luzifer am Ende des zweiten Aktes die reiche Schmiede zerstört hat, so kommentiert Smee: „Frau, jetzt ist alles beim Teufel!“. Zu Schrekers glücklichsten Einfällen gehört die Begegnung des Smee mit der Heiligen Familie, die ihm – als Dank für seine Wohltätigkeit – drei Wünsche genehmigt; zu einer Collage unvereinbar scheinender Bilder entsteht hier Komik auch durch musikalische Mittel: Klezmerartige Melismatik und pastose Formen werden konfrontiert mit einer Alltagssprache, in welcher der Schmied der Maria gute Ratschläge zur Kindeserziehung gibt.

Glücklicher als bei der in mehrfacher Hinsicht zwiespältigen szenischen Realisierung am Theater Chemnitz rundet sich der Eindruck der CD. Die musikalische Ausführung der Partitur ist auf hohem Niveau, allerdings leider gekürzt. (Dass diese Striche weder dramaturgisch noch musikalisch zwingend sind, bewiesen die vorangegangenen Inszenierungen in Berlin und Bielefeld, wo die in Chemnitz gestrichenen Passagen durchaus erklangen, während jeweils andere Kürzungen vorgenommen worden waren.) Im großenteils rollendeckenden Ensemble brilliert Oliver Zwarg in der Titelpartie mit Sachs-Heldenbariton und mit klarer Diktion. Undine Dreißig verkörpert dessen sympathische, mit beiden Beinen auf der Erde stehende Frau belcantistisch, Judith Kuhn die betörende Astarte mit Engelszungen und Edward Randall profiliert sich als Smees tenoraler Gegenspieler Slimbroek. 

Dirigent Frank Beermann ziseliert mit der Robert-Schumann-Philharmonie die kammermusikalischen Kontraste der Instrumentengruppen, wuchtet die metallische Schlagkraft des Smee-Themas und entwickelt gespenstisch die Passacaglia der Untoten, die Smees Haus mit Schätzen alter Zeiten anfüllen. 

Obgleich man in seiner Lesart auf die für Schreker so wichtigen Rubati verzichten muss, wird die Klangentfaltung der symphonischen Zwischenspiele unter Leitung des Chemnitzer GMDs Frank Beermann ebenso zum Erlebnis, wie der Opern- und Kinderchor in den in himmlischen Freuden gipfelnden Chorszenen. 

 Diskografie

  • Franz Schreker: „Irrelohe“, Roman Sadnik , Ingeborg Greiner, Daniela Denschlag u.a., Chor des Theater Bonn, Beethoven Orchester Bonn, Stefan Blunier, Dabringhaus und Grimm (3 CDs) MDG 937 1687-6
  • Franz Schreker: „Der ferne Klang“, Sally du Randt, Mathias Schulz, Markus Hauser u.a., Opernchor des Theaters Augsburg, Philharmonisches Orchester Augsburg, Dirk Kaftan, Ars Produktion DSD (2 CDs) ARS 38 080
  • Franz Schreker: „Der Schmied von Gent“, Oliver Zwarg, Undine Dreißig, André Riemer u.a., Chor und Kinderchor der Oper Chemnitz, Robert-Schumann-Philharmonie, Frank Beerman, cpo (2 CDs) cpo 777 647-2

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