Guter Raumklang als seelische Labsal: der Akustiker Karlheinz Müller im Gespräch


(nmz) -
Die Musikformen sind ins Uferlose gewachsen, die Konzertsäle immer größer geworden. Der Musikfreund möchte auf allen Plätzen gut hören. Damit ist der Akustiker gefragt. Er zaubert mit Hilfe ausgeklügelter Techniken den perfekten Klang herbei. Wie das geschieht, darüber informiert im nachfolgenden Gespräch Karlheinz Müller.
Ein Artikel von Gerhard Rohde, Karlheinz Müller

Ausgabe: 
7/10 - 59. Jahrgang

neue musikzeitung: Schießen Sie noch gegen die Decke, Herr Müller?

Karlheinz Müller: Nein, nicht mehr! Akustiker, Architekten und Musiker sind friedliche Menschen und schießen nur im äußersten Notfall, wie dies früher bei akustischen Messungen der Fall war.

nmz: Wenn nicht mehr – was denn heute?

Müller: Heute stehen dafür modernere Messmethoden zur Verfügung. Die Raumanregung kann dabei durch einen gleitenden Sinus, einen sogenannten Sweep, erfolgen. Dies ist für das Orchester, für das Publi­kum und für die Akustiker deutlich angenehmer.

nmz: Ein neues Konzerthaus, eine neue Oper wird gebaut. Sie sollen die Akustik des Hauses gestalten. Wann schalten Sie sich in den Bauvorgang ein? Schon beim Entwurf des Architekten? Oder erst spä­ter?

Müller: Schon der architektonische Entwurf eines Konzertsaals oder eines Opernhauses sollte bereits die wesentlichen akustischen Eigenschaften des Raums in sich tragen. Am sinnvollsten und wirkungs­vollsten ist es daher, wenn die akustische Planung bereits mit dem Entwurf eines neuen Saales be­ginnt.

nmz: Wenn das Haus, der Konzertsaal, das Opernhaus dann im Rohbau fertig ist, was geschieht dann?

Müller: Wenn der Rohbau eines Konzertsaals, eines Opernhauses oder eines Theaters fertiggestellt ist, lie­gen wesentliche raumakustische Eigenschaften eines Saals fest. Mit dem Innenausbau des Saals lassen sich dann nur noch Verbesserungen oder Korrekturen an der Akustik erreichen. Das späte Einschalten eines Akustikfachmanns ist ungünstig und sollte nach Möglichkeit vermieden werden.

nmz: Wie gehen Sie bei Ihrer Arbeit vor? Mit welchen Gerätschaften, Mess- apparaten planen und detaillieren Sie einen Musiksaal?

Müller: Wir nutzen prinzipiell alle uns zur Verfügung stehenden Planungshilfsmittel, um einen Musik- oder Sprachraum zu seiner für den Nutzer idealen Akustik zu bringen: von einfachen Berechnungen bis zu Computermodellen und Messungen an Realmodellen. Es beginnt mit einfachen Überprüfungen der Raumabmessungen, des Raumvolumens und der verschiedenen Wand-, Decken- und Fußbodenflä­chen. Das Festlegen der möglichen Raumproportionen eines Saals erfordert ein arbeitsintensives Studium. Es sind nicht alle Freiheitsgrade offen, so dass immer wieder akustische Anpassungspro­zesse vorgenommen werden. Dabei spielen bereits andere Punkte mit in die akustische Planung hinein, wie Statik, Lüftungstechnik, Lichttechnik, Bühnentechnik, um nur einige Details zu nennen.

Zu diesem Zeitpunkt werden auch Computermodelle eingesetzt, mit denen man akustische Simulatio­nen durchführt. Gerade für die Entwicklung der nun erforderlichen Sekundärstruktur des Raumes sind solche Hilfsmittel von großem Nutzen. Bei all diesen Computermodellen werden die einzelnen Wand- und Deckenoberflächen, der Fußboden, die Bestuhlung, ja sogar das Publikum und das Orchester mit entsprechenden akustischen Eigenschaften versehen, um damit die raumakustischen Kenngrößen des Saals vorausberechnen zu können.

nmz: Was nützt dieser Aufwand in der Praxis?

Müller: Der Nutzen solcher langwierigen Berechnungen wird oft bezweifelt, da damit die Qualität eines Saals nicht vollständig geklärt werden kann. Sie sind jedoch ein außergewöhnlich wichtiges und nützliches Hilfsmittel, um zu sehen, ob man in der akustisch-architektonischen Planung noch auf dem richtigen Weg ist. Liegen solche Berechnungen außerhalb einer vernünftigen akustischen Bandbreite, so müs­sen neue Wege beschritten werden, um die entsprechende akustische Qualität zu erzielen.

Ein besonders wichtiges Hilfsmittel bei einem komplett neuen Saalentwurf sind dabei auch Realmo­delle im Maßstab 1:10 oder 1:20, an denen Ultraschalluntersuchungen stattfinden können. Die Ultra­schalluntersuchungen zeigen im besonderen Maße auf, ob der Saal Bereiche mit weniger zufrieden­stellender Akustik aufweist. Diese Modellmessungen sind relativ aufwändig und bedürfen eines sehr gut gebauten akustischen Modells in beinahe zimmergroßen Abmessungen. Der Vorteil solcher Mo­delle liegt zusätzlich darin, dass Bauherrschaft, Architekten und spätere Nutzer den geplanten Saal als großes dreidimensionales Modell beurteilen können.

nmz: Was gibt es für Materialien, was für Bauelemente, um die Akustik eines Raumes zu steuern?

Müller: Diese Frage ist sehr weitläufig. Grundsätzlich können mit allen Materialien sehr gute akustische Qua­litäten erzielt werden. Es ist ähnlich wie in der Apotheke: Viele Medikamente sind sehr nützlich, können aber bei Übermaß auch schädlich sein. Das Gleiche gilt für Baumaterialien im akustischen Einsatz. Häufig kommt es auf die richtige Mischung der Materialien an, die eine sehr gute Akustik ermöglichen. Ein typisches Beispiel ist die Frage nach Glasflächen in Musikräumen. Sind Glasflächen möglich? Selbstverständlich! Dabei verweise ich oft auf die historischen Konzertsäle, wie das Konzerthaus Wien oder den Musikvereinssaal in Wien. Beide Häuser haben große Glasflächen. Der Goldene Saal des Musikvereins hat seinen Namen auch durch Matinee-Veranstaltun­gen bekommen, wenn die mittägliche Sonne den Raum und insbesondere die Decke in seiner gold­farbenen Gestaltung erstrahlen lässt.
nmz: Berücksichtigen Sie, was für eine Art „Kunst“ in dem Raum stattfinden wird?

Müller: Die Frage nach dem Nutzungsprofil eines Veranstaltungsraumes ist vor Beginn jeder Pla­nung zu stellen. Ich bestehe seit vielen Jahren darauf, dass sich der Bauherr und der Nutzer eindeutig festlegen, welche Nutzungen sie in dem Saal planen. Sicher kann es während der Planungsphasen noch zu kleinen Änderungen kommen. Für die Raumakustik ist es jedoch wesentlich, dass das Nutzungsprofil mit den verschiedensten Arten der Kunst vorher eindeutig festgelegt wird.

Wir unterstützen auch häufig die Bauherrschaft bei der Festlegung des Nutzungsprofils und weisen darauf hin, welche Nutzungen in einem Raum aus akustischen Gründen prinzipiell nicht funktio­nieren. So wird ein großer Konzertsaal nie für ein intimes Sprechtheater möglich sein und umgekehrt wird ein intimer Kammermusiksaal nie für die Aufführung großer sinfoni­scher Werke sinnvoll akustisch zu gestalten sein. ­

nmz: Sprechen Sie nicht nur mit den Architekten, sondern auch mit den Künstlern? Musikern, Diri­genten – diese hätten womöglich bestimmte Vorstellungen von der Akustik des Hauses.

Müller: Ich spreche sehr oft mit Orchestermusikern, mit Dirigenten, mit Sängern, mit Schauspielern über die Akustik in verschiedenen Häusern und über das Wohlbefinden der Künstler in den verschiedenen Sälen. Dabei kann man offen ausspre­chen, dass es durchaus in einem Veranstaltungssaal verschiedene „Akustiken“ (im Englischen des­halb „acoustics“) gibt. Die Künstler sind in erster Linie an einer Akustik interessiert, die das gegensei­tige Hören fördert, das Eingebundensein in den Orchesterklang und eine mögliche Kontrolle des Spieles oder des gesamten Vortrags. Außerdem wünschen sich die Künstler eine gewisse, aber nicht zu starke Rückwirkung des Saales auf das Podium beziehungsweise auf die Bühne zurück. Die Besucher dagegen bekommen von dem Gefühl eines guten „Monitorings“ der Künstler nichts mit. Sie sind vielmehr akustisch sehr zufrieden, wenn sie neben dem Direktschall eine Vielzahl von guten und frühen Schallreflexionen erhalten und dann durch einen entsprechend langen Nachhall in den Klang des Saales eintauchen können.

nmz: Beispiele: Welches der berühmten Konzerthäuser hat Ihrer Meinung nach die beste Akustik?

a) der Goldene Saal des Wiener Musikvereins,
b) das Wiener Konzerthaus,
c) die Berliner Philharmonie,
d) das Concertgebouw Amsterdam,
e) das Gewandhaus in Leipzig.

Müller: Diese Frage ist unstatthaft. Es ist, als ob sie ein Kind fragen würden, wen es lieber hat: den Vater oder die Mutter. Ich persönlich finde es eine Freude, in jedem der genannten Säle und auch in vielen ande­ren Sälen Musik hören zu dürfen. Und ich glaube, dem Publikum und den Künstlern geht es genauso. In all diesen Räumen ist es wirklich eine Freude, vielleicht sogar eine seelische Labsal, Musik hören zu können.

nmz: Es gibt auch einige neuere Konzerthäuser, die heranzuziehen wären: das oft gelobte Festspiel­haus Baden-Baden, die Essener Philharmonie, die neue Mercatorhalle in Duisburg, das Kon­zerthaus Berlin, die Konzerthäuser in Lübeck und Freiburg – die Sie alle mitgestaltet haben.

Müller: Auch dies sind wiederum Häuser, in denen ebenfalls das Musikhören äußerst spannend und vergnüg­lich ist. Bedauerlicherweise erreichen sie nur selten ein Ansehen wie der Wiener Musikverein oder die Berliner Philharmonie, weil diese Räume zusätzlich mit einem nur dort ansässigen Or­chester verbunden werden. Dadurch gibt es eine ideale Symbiose zwischen dem Saal und dem Or­chester. Trotzdem sind die oben genannten neuen Häuser wunderbare Musikräume sowohl für die Künstler als auch für die Besucher.

nmz: Gibt es überhaupt den idealen Konzertsaal für alles? Der Goldene Saal in Wien hat eine her­vorragende Akustik – aber wenn dort eine große Mahler-Sinfonie aufgeführt wird, hat man den Eindruck, der Saal fasst die Klangentfaltung nicht mehr. Das Concertgebouw Amsterdam er­scheint da viel geeigneter.

Müller: Diese Frage kommt einem Akustiker sehr entgegen, da er sie guten Gewissens mit „Nein“ beantwor­ten kann. Der akustische Charakter von vielen Sälen kann einer bestimmten Musikliteratur besonders entgegenkommen, ohne dass er andere Interpretationen schlecht begleitet. Dies gilt insbesondere bei der Frage der Dynamik. Die kompakten historischen Konzertsäle sind bei groß besetzten Werken an der Grenze ihrer Lautstärke und können in der Tat die Klangfarben eines dreifachen Forte bei Mahler nur mit Mühe wiedergeben. Hier kann ein etwas breiterer Konzertsaal, wie das Concertgebouw Amsterdam, einen Vorteil ausspielen.

nmz: Sie arbeiten gern und oft mit den Salzburger Festspielen zusammen. Sie haben für die Kon­zerte im Großen Festspielhaus eine neue Orchestermuschel, eine Art Schallwand entworfen, die die alte von Karajan ersetzt hat, die jetzt mehr als zuvor die Klangentfaltungen der Orches­ter, aber auch die jeweiligen solistischen Auftritte (Pianoforte vor allem) sehr gezielt und linear in den Zuhörerraum abstrahlt. Wie haben Sie solche akustischen Verbesserungen erforscht und erarbeitet?

Müller: Die neue Orchestermuschel für das Große Haus wurde zusammen mit dem Bühnenbildner Peduzzi entwickelt. Die Anforderung war in erster Linie eine akustische Verbesserung der Gesamtsituation und eine Verbesserung einer „akustischen Klammer“ für das sehr breite Portal des Gro- ßen Festspielhau­ses. Ich habe mich damals für eine konkave Grundstruktur der Konzertmuschel entschieden, obwohl diese normalerweise in der Akustik gemieden wird, weil sie zu unerwünschten Schall-Fokussierungen führen kann. Ich habe eine Vielzahl von akustischen Brennpunktuntersuchungen vorgenom­men und die geometrischen Formen immer wieder verbessert. Auch die gesamte Podesterie für die Orchesteraufstellung wurde erneuert und in diese Untersuchungen miteinbezogen. Wir haben Modelle im Maßstab 1:10 der gesamten Situation gebaut und untersucht. Die einzelnen Elemente der Kon­zertmuschel wurden dann nach den Vorgaben des Akustikers exakt ausgeführt und erfolgreich in Be­trieb genommen.

Der Direktschall

nmz: Für das neue „Haus für Mozart“, das an die Stelle des früheren Kleinen Festspielhauses getre­ten ist, haben Sie die sehr gute akustische Gestaltung übernommen. Was für Erfahrungen haben Sie dabei gewonnen? Zu Anfang hatte man als häufiger Besucher den Eindruck, dass an den unterschiedlichen Plätzen durchaus unterschiedliche Höreindrücke zu verzeichnen waren. Woran liegt so etwas?

Müller: Das Haus für Mozart wurde akustisch sehr gut angenommen und der Klangeindruck wurde von vielen Musikfreunden als sehr gut beurteilt. Ihre Frage nach unterschiedlichen Höreindrücken wurde bereits von Wolfgang Amadeus Mozart beantwortet, indem er feststellte, dass in Opernhäusern auf verschiedenen Plätzen unterschiedliche akustische Eindrücke entstehen können. Dies kann wie folgt veranschau-licht werden: Im Parkettbereich ist das gesamte Orchester für die Besucher abgeschirmt, und es besteht kein Direktschallkontakt zwischen dem Orchester und den Hörern. Dagegen haben die Sänger einen ho­hen Direktschallanteil. In den Rängen und Galerien ändert sich dies, da auch für die Besucher ein Einblick in den Orchestergraben vorhanden ist und damit eine Direktschallbeziehung zum Orchester­graben entsteht. Das heißt, hier kann ein relativ ausgewogener Eindruck beim Zuhörer entstehen. Auf den oberen Rängen im Haus für Mozart sind Sie akustisch dem Bühnengeschehen deutlich näher als optisch, das heißt, es ist wie in alten Opernhäusern auch im Haus für Mozart gelungen, den akusti­schen Abstand zu minimieren, auch wenn optisch bereits eine Distanz zum Bühnenge­schehen vorhanden ist. Dies ist ein Geschenk der Physik und Akustik an die preisgünstigeren Plätze.

nmz: Bei welchem Konzertsaal, bei welchem Theater glauben Sie, dass Sie für die Akustik das beste realisiert haben?

Müller:  Ich bin sehr glücklich, dass ich alle Projekte, die mir anvertraut wurden, zu einem sehr guten Ergebnis führen konnte. Das begann vor vielen Jahren bei den Studios für den Neubau des damaligen Süd­deutschen Rundfunks in Stuttgart und geht bis zum modernen Wolkenturm und Auditorium in Grafe­negg in Österreich.

nmz: Wie wird man überhaupt „Akustiker“?

Müller: Es gibt unterschiedliche Wege, wie man zur Akustik kommen kann. Man kann es über die Physik, über die Elektrotechnik, über das Studium der Architektur, der Tonmeisterei oder über Ingenieurwis­senschaften erreichen. Die akustischen Kenntnisse sind dann entweder ein gezieltes Aufbaustudium oder können in der Praxis bei anerkannten großen Ingenieurbüros angeeignet werden, zum Beispiel bei Müller-BBM. Bei mir persönlich kommt noch eine familiäre Bindung hinzu, da ein Teil der Familie sich der Akustik verschrieben hat.

nmz: Es könnte doch sein, dass die Akustik eines Hauses partout nicht in den Griff zu bekommen ist. Haben auch Sie da schon entsprechende negative „Erweckungserlebnisse“ gehabt?

Müller: Wie bereits vorher erwähnt … Nein! Ich bin allerdings manchmal gegenüber Bauherr und Mitplanern sehr offen und führe frühzeitig aus, wenn ich aus Erfahrung überzeugt bin, dass man auf dem fal­schen Weg ist. Das kann, wenn auch sehr selten, dazu führen, dass man mir den Stuhl vor die Tür setzt, was ich dann jedoch gerne akzeptiere.

nmz: Wird die Akustik eines Theaters oder Saales oft nicht auch ein wenig überschätzt? Natürlich ist eine gute Akustik wunderbar. Aber wenn in einem Theater oder Konzertsaal die Akustik nicht maximal erscheint – der zuhörende Mensch als eine Art Gewohnheitstier versteht es, an den Defiziten gleichsam vorbeizuhören: Er stellt seine Ohren ganz einfach ein wenig ein, hört sozusagen „vorbei“, setzt sich die divergierenden Klangwirkungen und Klangeindrücke im Kopf zusam­men. Würden Sie das auch so sehen?

Müller: Hier kann ich nur zustimmen. Leonard Bernstein brachte es auf die kurze Formel: The best acoustics is the best performance! Wichtig ist dabei, dass mir der Raum oder der Saal das Gefühl gibt, dass er für diese Musik- oder Theaterveranstaltung ein „guter“ Raum ist. Dies öffnet die Augen und die Ohren; Herz und Verstand sind hellwach. Dieses Empfinden kann entweder in historischen Opernhäusern und Konzertsälen eintreten, aber auch in modernen Räumen oder in den großen Industriekathedralen, zum Beispiel bei den Hallen der Ruhrtriennale.

nmz: Die Akzeptanz mancher moderner Konzertsaaltypen ist nicht mehr so gegeben wie früher. Wie erklären Sie das?

Müller: Es gibt einige Konzerthäuser, die akustisch immer wieder in Diskussion stehen. Ich möchte dies an drei Beispielen veranschaulichen: an der Philharmonie am Gasteig in München, an der Walt Disney Concert Hall in Los Angeles und an der sogenannten Kleinen Philharmonie (Kammerphilharmonie) in Berlin. Die Philharmonie am Gasteig in München hat – allen Unkenrufen zum Trotz – viele akustisch gute Plätze. Die Hauptprobleme sind neben dem ungewöhnlichen Orchesterpodium vor allem die akustischen Eindrücke in den gro­ßen mittleren Parkettbereichen. Hier befinden sich unglücklicherweise gerade die teuren Platzbereiche und darüber hinaus auch genau jene Plätze, die den Musikkritikern und den Ehrengästen zugewiesen werden. Die Hörer sind hier dem Podium zwar optisch nahe, akus­tisch scheinen das Orchester oder einzelne Solisten aber deutlich weiter entfernt zu sein. Diese Erfahrung wird und wurde von verschiedenen Musikkritikern immer wieder so beschrie­ben und deckt sich auch mit meinem Höreindruck. Ein Problem, das sich der Gasteig mit vielen großen und gleichzeitig breiten Konzertsälen teilt. Auch über die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles schreibt der angesehene amerikani­sche Akustiker David Griesinger: „Even in the middle of the stalls the orchestra seems far away. At the same time late reverberation is almost inaudible. It is unusual that a hall with a two second reverberation time should sound so dry…“ Der Vorteil der Disney Concert Hall liegt jedoch darin, dass einerseits die akustisch schwierigen Platzbereiche flächenmäßig etwas geringer sind, andererseits die Marketing- und Presseabteilung eine wesentlich positivere Arbeit leistet als in vielen europäischen Konzerthäusern.

Ein anderes Problem ist an der Kammerphilharmonie in Berlin zu studieren, die neben der großen Philharmonie ge­baut wurde, um kleinen Ensembles und Solisten den entsprechenden Rahmen für Kammermusik zu ge­ben. Bei der Kammerphilharmonie wurde das Musikerpodium deutlich weiter in die Mitte des Saales gescho­ben als im klassischen Konzertsaal üblich. Dadurch wird aus der akustisch beherrschbaren Weinbergform des Saales die zur Zeit so beliebte Zirkusarena. Die Musiker als Zirkusnummer! Das betroffene Publikum lässt sich dabei nur teilweise mitziehen, da es bei kleineren Orchesterbesetzungen oder gar bei Solisten-Konzerten nicht dauernd im Rücken der Solisten oder seitlich davon sitzen will. Auch die Richtcharakteristik von Instrumenten und Singstimmen lässt den Klangeindruck auf diesen Plätzen deutlich schwächer werden. Dies sind die gravierenden Nachteile der neuen Bauweise. Das Thema „Musikerpodium in Saalmitte“ wird in den nächsten Jahren bei mo­dernen Konzertsälen mehr in den Vordergrund rücken. Vermutlich werden die Dirigenten demnächst bei der Pause das Konzert abpfeifen, um nach der Pause das Orchester um 180° zu drehen, wie dies in Fußballstadien üblich ist.

Der gerettete Klang

nmz: Bei den Bayreuther Festspielen haben Sie 1994 und 1998 an der Gesamtrenovierung mitge­wirkt. Die Akustik im Bayreuther Festspielhaus mit dem „mystischen Abgrund“, aus dem der Orchesterklang strömt, wird doch immer wieder gerühmt. Was gab es da zu verbessern?
Müller: All die Um- und Einbaumaßnahmen sollten nichts verbessern, aber der Klangcharakter und die Klangtreue des Saales mussten erhalten bleiben. Wolfgang Wagner war mutig genug, eine Totalreno­vierung des Gebäudes vorzunehmen, ohne dass es der breiten Öffentlichkeit bewusst war, um ja nicht eine Diskussion anzustoßen, wie zum Beispiel: Früher war die Akustik doch besser! So konnten wir mit Ruhe eine Klimaanlage einbauen, die für das Publikum unhörbar ist; die Decken- und Wandelemente renovieren und zum Teil das gesamte Proszenium und Portal erneuern, da dies morsch und in hohem Maße brandgefährdet war. Alle Kons-truktionen, alle Materialien wurden immer wieder akustisch geprüft: Der Klang des Bayreuther Festspielhauses muss erhalten bleiben. Auch dies ist geglückt.

nmz: Ein berühmter Opernsänger beklagte einmal, dass die Dimensionen der Opernhäuser immer größer werden, andererseits immer mehr die „Großen Stimmen“ fehlten, um diese Großräume sozusagen akustisch auszufüllen. In vielen dieser gro-ßen Operntheater, man denkt da bei­spielsweise an die Pariser Bastille, klingen die Stimmen aber erstaunlich tragend und laut. Von Mikrofonen ist dabei nichts zu entdecken. Jede Verstärkung wird auch von den Opernver­antwortlichen stets energisch bestritten. Was geht da eigentlich vor?

Müller: Die großen, gut geplanten Opernhäuser sind nicht das Problem, weil dort die Raumakustik auf die entsprechende Saalgröße abgestimmt wird und die Stimmen durch die Raumakustik groß und tragend klingen. Wesentlich schwieriger sind die mittelgroßen, oft historischen Räume, die akustisch stark „überdämpft“ sind. Hier wird manchmal zum Mittel der Verstärkung gegriffen, da der Raum den Stim­men und dem Orchester jeglichen Glanz stiehlt. In der Zwischenzeit gibt es aber elektroakustische Systeme, die nicht mehr mit Verstärkung arbeiten, sondern nur jene akustischen Eigenschaften ersetzen, die der Raum nicht erzeugen kann. Diese Systeme stellen keine Verstärkung dar. Eine kleine Stimme bleibt klein, eine große Stimme bleibt groß. Es können keine Manipulationen vorgenommen werden. Ein berühmtes Beispiel ist die Staats-oper Unter den Linden in Berlin, wo ja offen von der künstlerischen Leitung seit fünfzehn Jahren über den Einsatz einer solchen Anlage gesprochen wird. Auch andere Häuser ver­wenden solche Anlagen immer mehr, da die gebauten Räume den Klangeindruck verfälschen und diese Anlagen versuchen, die Verfälschung geradezubiegen.

nmz: Was geschieht bei der Installation solcher elektroakustischer Systeme?

Müller: Im Raum werden an genau bestimmten Positionen an Wänden und Decke kleine Lautsprecher instal­liert, die hier eigentlich eher Leisesprecher heißen müssten.

Denn über diese Lautsprecher werden nur die Klanganteile eingespielt, die vorher in den schallschluckenden Flächen des Saales verlorengegangen sind oder die sich nicht entwickeln konnten, weil der Saal dem Schall nicht genügend Raum bietet. Gespeist werden die Lautsprecher von kleinen Mikrofonen, die wie bei einer CD-Aufnahme ein Abbild des Bühnengeschehens einfangen. Eine ausgefeilte Elektronik verwandelt diesen aufgenom­menen Direktschall dann in die erforderlichen, millionenfach im Saal verteilten Feinstreflexionen, wel­che die Klangdetails eines Saales bestimmen. Mit einer traditionellen Klangverstärkung hat das nichts zu tun.

Ein zarter Mozart-Sopran bleibt ein zarter Mozart-Sopran. Ein schöner oder falscher Ton bleibt schön oder falsch.

nmz: Viele Künstler bezeichnen sich heute gern als Klangkünstler, die so genannte Klanginstallationen herstellen, also Kunst. Begreifen Sie sich auch als Klangkünstler?

Müller: Nein, ich schaffe keine Kunst, sondern vollbringe eher Kunststücke, damit ein akustisch guter Raum Klangkunst vermitteln kann. Da mir dies bisher immer gelungen ist, bin ich sehr zufrieden und freue mich über die Musik, die in diesen Räumen erklingt.

Interview: Gerhard Rohde

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
CAPTCHA
Diese von Menschen zu lösende Aufgabe ist zur Vermeidung von Spam-Inhalten leider notwendig.
4 + 13 =
Lösen Sie dieses einfache mathematische Problem und geben das Ergebnis ein. z.B. Geben Sie für 1+3 eine 4 ein.

Ähnliche Artikel

  • Die Freiheit der Perspektiven - Klaus Bernbacher erinnert an Hans Otte
    01.02.2008 Ausgabe 2/08 - 57. Jahrgang - Magazin - Klaus Bernbacher
  • Die zwei Seiten eines Komponisten - Theo Brandmüller wird am 2. Februar 2008 sechzig Jahre alt
    01.02.2008 Ausgabe 2/08 - 57. Jahrgang - Magazin - Gerhard Rohde
  • Kreativer Klanggeist - Der Komponist Tom Sora – Ein Porträt
    01.03.2008 Ausgabe 3/08 - 57. Jahrgang - Magazin - Yvonne Petitpierre
  • Das Grenzenlose, das Unermessliche des Kleinen - Der Komponist György Kurtág wird am 19. Februar 80 Jahre alt
    01.02.2006 Ausgabe 2/06 - 55. Jahrgang - Magazin - Reinhard Schulz
  • Aber sterben muss man in Wien - Hans-Eckardt Wenzel – Poet, Bänkelsänger und bekennender Workaholic
    01.05.2008 Ausgabe 5/08 - 57. Jahrgang - Magazin - Ursula Gaisa