Hilfe! Afrika ist nicht zu helfen
Christoph Schlingensiefs „Via Intolleranza II“ uraufgeführt
Ein Artikel von Gerhard Rohde
Schöne Pläne, für die vorerst vor allem Geld gesucht wird. Zurzeit liegt „Remdoogo“ nicht in Burkina Faso, sondern in München hinter der Staatsoper auf dem Marstallplatz. Dort erblickt man ein metallisch glänzendes, vielfach gezacktes Riesengebirge mit einer weiten, leicht ansteigenden ochsenblutroten Schrägfläche für den Aufstieg ins Innere des Theater-Gebirges, das ein bekanntes Wiener Architektenbüro mit bewährter Originalität entwarf. Die Originalität hört allerdings hinter der Außenhaut schnell auf. Drinnen sitzen dreihundert Besucher in einer ganz normalen Studiobühne und schauen von steil aufsteigenden Gerüstplätzen auf die davor liegende Spielfläche: „Pavillon 21“, so der Name des neuen „Opernraumes“, ist zwar variabel benutzbar, aber das gibt es schließlich schon lange auch andernorts. Die Münchner Oper gibt sich neuerdings gern neu und erfindungsreich, was ziemlich provinziell wirkt, weil die Erfindungen nicht mehr neu sind.
Zum Beispiel Luigi Nono: Auf dessen szenische Aktion „Intolleranza“ greift Christoph Schlingensief mit seinem jetzt zur Münchner Festspieleröffnung uraufgeführten Projekt „Via Intolleranza II“ ausdrücklich zurück. Schlingensief projiziert Nonos politisches Engagement gegen Intoleranz, Rassismus, staatliche Willkür und Machtausübung auf unser Verhältnis zum gegenwärtigen Afrika. Dabei wird viel geredet, werden auch Klischeevorstellungen bedient. Schlingensief gibt gern zu, dass er von Afrika nichts versteht, wie wir alle, aber ihn packt darüber auch eine unheimliche Wut. Diese Wut lässt ihn zum Wissenden werden. Das Sympathische an Schlingensiefs Auseinandersetzung mit dem zugegeben äußerst differenzierten und schwer zu fassenden Thema „Afrika“ ist die fragende Ungewissheit, das vorsichtige Vorantasten. Schlingensief blickt nicht als europäischer Forscher auf den „Gegenstand Afrika“, sondern versucht sich weniger mit dem Verstand, vielmehr mit einem Gefühl oft der Ohnmacht und Verzweiflung in die „Seele“ Afrikas zu versetzen.
Für seine Spurensuche nach Innen fand Schlingensief in Ouagadougou ein Dutzend engagierte Mitstreiter: Sänger, Tänzer, Schauspieler, eine vitale Komikerin, einen Gitarristen, zwei Rapper, einen Trompeter. In zehn Szenen werden bestimmte Verhaltensweisen theatralisch vital, musikalisch (mit Absicht? Nur keine Oper) oft eher dürftig und mit vielen Film-Bildern (aus einem alten Stummfilm nach Dantes Göttlicher Komödie) lebhaft durchgespielt.
Schlingensief ist stets ein großer Theatraliker. Die Assoziationsmaschinerie läuft auf Hochtouren, Rätselbild folgt auf Rätselbild. Immer wieder kommt Schlingensief, der auch Regie führt, auf die für ihn zentrale Frage zurück, ob die Schwierigkeiten, die wir oft mit Afrika haben, nicht in den eigenen Schwierigkeiten mit uns selbst begründet sind. An einer Stelle klingt leise ein „Tristan“-Motiv auf: unsere heimliche Neigung zum Transzendieren, die uns zugleich vor der Welt abkapselt. Schlingensiefs „Operndorf“ möchte die-se Verkapselung wohl durchbrechen. Ein schönes, fernes Ziel?
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