In Zauners Handschrift

Beim Inntöne Festival trafen große Namen auf große Musiker


(nmz) -
Ornette Coleman kam nicht. Es störte auch nicht weiter, denn das Inntöne Fes­tival hat sich inzwischen zu einem Soziotop der improvisierenden Szene entwickelt, das die großen Namen nicht braucht, um Zeichen zu setzen.
Ein Artikel von Ralf Dombrowski.

Ausgabe: 
7/11 - 60. Jahrgang

„Eines hat sich für mich klar geändert“, meint Paul Zauner, Posaunist, Impresario und von Beginn an der künstlerische Leiter des Inntöne Fes­tivals. „Früher bin ich nach jedem Fes­tival in eine Art Depression verfallen, weil ich mich gefragt habe, was nach all den großen Namen, die schon da waren, noch kommen soll. Inzwischen aber weiß ich: Es geht immer weiter!“ Zauners dezenter Optimismus hat seinen Grund. Denn aus dem kleinen Grüppchen, das sich vor 26 Jahren erstmal in der Scheune des familiären Bauernhofs im österreichischen Diersbach in der Nähe von Passau versammelte, ist ein Szene-Treffpunkt mit Tausenden von Musikbegeisterten geworden, die sich drei Tage lang fernab der hektischen Urbanität zum einen der Kunst, zum anderen dem Miteinander im zwanglosen Ambiente widmen. Das Publikum ist bunt durchmischt, Bauern aus der Nachbarschaft wagen ebenso den Blick auf den Hof wie Insider von Wien bis Hamburg. Der ORF ist vor Ort, zeichnet auf, sendet im Verbund mit den assoziierten europäischen Radiostationen das ganze Jahr über Konzertmitschnitte, so dass bei aller Rustikalität das Inntöne Festival zu einem der am besten dokumentierten und medial verbreiteten Festival seiner Art in Europa gehört.

Und die Musiker kommen von Mozambique und Ägypten, von New York und New Orleans, oder von Wien und Madrid, um in der pittoresken Enklave im Sauwald ein wenig von der Ursprünglichkeit dessen mitzubekommen, was Jazz als Klangform abseits der Klischees ausmacht. Denn auch das gehört zu Paul Zauners Konzept. Bei den Inntönen stehen die arrivierten Koryphäen wie John Abercrombie und Aki Takase neben Persönlichkeiten wie Masur Scott oder Kirk Lightsey. Junge internationale Talente wie der Sänger und Pianist Davell Crawford treffen auf Lokalmatadore wie den Saxophonisten Klaus Dickbauer, sperrige Experimente aus dem Umkreis der Wiener Jazzwerkstatt stehen traditionellem Bop-Swing im Stil der großen Stimmen der Fünf­ziger wie etwa der Sängerin Melba Joyce gegenüber. Es geht nicht um die Konkurrenz der Geschmäcker, nicht um die Affirmation der eigenen Bedeutsamkeit, sondern um Musik auf Augenhöhe ­unter den Künstlern ebenso wie im Kontakt mit dem Publikum. ­Ornette Coleman muss daher nicht kommen wie am gleichen Wochenende in Moers, aber er wäre natürlich willkommen in Diersbach, so wie alle, die etwas zu sagen haben.

Das Spektrum beim 26. Inntöne Fes­tival war daher vielfarbig und die ­Höhepunkte waren oft nicht die spektakulärsten Konzerte, sieht man einmal von dem Opener am Freitag ab, als der ägyptisch-australische Oud-Spieler Joseph Tawadros zusammen mit seinem lakonisch virtuosen Bruder James an den Rahmentrommeln und den amerikanischen Kompagnons Drew Gress am Bass und John Abercrombie an der Gitarre souverän den imaginären Orient mit dem Kammerjazzsound verhaltener Avantgarde versöhnte. Die eigentlichen Besonderheiten waren in diesem Jahr die Kleinbesetzungen, die dichte, intensive Momente der Klangerfahrung boten.

Der Posaunist Werner Puntigam beispielsweise bot auf der Nebenbühne im Gespann mit dem Perkussionisten Matchumbe Zango eng ineinander verzahnte Klangcollagen, in denen Elektro­nisches ergänzend in Ethnisches mündete. Auf der großen Bühne trafen der spanische Barock-Gitarrist Xavier Diaz Latorre und der Perkussionist Pedro Estevan aufeinander, um ebenso beiläufig wie stimmig die Jahrhundert improvisatorisch zu überbrücken. Sensationell schließlich entwickelte sich das erste Treffen der Pianistin Aki Takase mit der in Berlin lebenden chinesischen Lauten-, Koto-Spielerin und Sängerin Xiu Feng Xia, die die spröden Farben der Avantgarde am Klavier mit schillernder Expressivität ungewohnter fernöstlicher Klangfarben und Temperamentsmuster verbanden. In solchen Momenten wurde klar, was Paul Zau­ner antreibt. Denn die Musik geht weiter, verwurzelt in dem, was war, aber mit Blick auf das, was kommt.

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