Und flinke Hände tanzen über das Vinyl...

Moers 2002: Aufsehen erregende Präzision trifft auf „generöses“ Publikum


(nmz) -

Bandleader Mathias Rüegg mag die Inszenierung seiner Führungsrolle überhaupt nicht. Meist steht er lässig am Bühnenrand, und wenn er gestisch ins Geschehen eingreift, dann ist auch dies ein entspannter Gegenpol zur Aufsehen erregenden Präzision „seines“ Vienna Art Orchestras, das beim 31. Moers-Festival sein 25. Bühnenjubiläum feierte.

Ein Artikel von Stefan Pieper

Ausgabe: 
6/02 - 51. Jahrgang

Bandleader Mathias Rüegg mag die Inszenierung seiner Führungsrolle überhaupt nicht. Meist steht er lässig am Bühnenrand, und wenn er gestisch ins Geschehen eingreift, dann ist auch dies ein entspannter Gegenpol zur Aufsehen erregenden Präzision „seines“ Vienna Art Orchestras, das beim 31. Moers-Festival sein 25. Bühnenjubiläum feierte. Spielfreudig und vor gewitzter Musikalität sprühend, schleuderten die Wiener jede Klischee-Vorstellung von rigidem Big-Band-Jazz in hohem Bogen über den Bühnenrand im Moerser Zirkuszelt. Der enge Zeitplan war beim Vienna Art Orchestra ausnahmsweise großzügig und erlaubte gleich zwei ausgiebige Konzerte – anderen wurde allzu früh der Saft abgedreht: Als sich Louis Sclavis mit seinem „Napoli’s Walls“-Projekt gerade in die höchsten Höhen einer mitreißenden Improvisationsmusik gespielt hatte, signalisierte der Tonmixer das bevorstehende Ende des Sets – und da Sclavis von Fremdbestimmtheit weder persönlich noch musikalisch etwas hält, waren wütende Gesten des Franzosen die Folge. Zu Recht, denn wo sich andere regelmäßig wiederkehrende Beiträge beim Moerser Festival allmählich musikalisch abzunutzen beginnen (auch die bunte Tanz-Performance des Tokioer Shibusashirazu-Orchestra gehört leider dazu…), da lädt Sclavis immer wieder aufs Neue ein zur Teilnahme an den aktuellsten Stationen auf dem Weg seines unermüdlichen Schaffens. Auch andere Künstler und Bands, zum Beispiel der mutige Song-Interpret, Experimental-Vokalist und Stimmakrobat Phil Minton in einer Band vereinigt mit dem ausdrucksgewaltigen Gitarrist Luc Ex, die überraschende Newcomer-Folk-Pop-Gruppe Dadafon aus Norwegen oder das viel bejubelte Konzert des Moscow Art Trios verhalfen auch dem diesjährigen Moerser Festival zur Besinnung auf seine eigentliche Intention. Längst ohne den Zusatz „New Jazz…“

uskommend, negiert das Moers-Festival den Warencharakter der großen Stars, die Kalkulierbares bieten, um damit für sich selbst, die Veranstalter und den zahlenden Musik-Konsumenten das Risiko zu minimieren. Schon lange, bevor das diesjährige Programm überhaupt bekannt war, lief schon der Vorverkauf – denn das Publikum ist ausgesprochen „generös“, wie Louis Sclavis im Interview diese außergewöhnliche Offenheit der Musikhörer im Moerser Zelt charakterisiert. Wenn auch vereinzelten Konzerten mittlerweile der Hauch von risikoscheuer Beliebigkeit anhaften mag – so bleibt diese doch ein Randaspekt, wenn es um die Grundsubstanz des Moers-Festival im 31. Jahr seines Bestehens geht. Vor allem die Vormittagsprojekte sind eine wichtige Ressource für das Generieren und Weiterentwickeln musikalischer Ausdrucksformen – etwa, wenn der Kölner Frank Schulte mit internationalen Kollegen aus der elektronischen Avantgarde eine komplexe Klangfabrik zusammenstellt, in der sich Programmiertes und sinnlich Erfahrbares miteinander vereinten.

Das undurchschaubar anmutende Zusammenwirken der Menschen und Maschinen kreierte in Moers variable Formen und fließende Strukturen einer offenen „music concrete“, in der vereinzelt das Zitat einer Melodie oder der Fetzen eines bekannten Songs schemenhaft hervorkamen, um sofort wieder in diesem Klangstrom aus Sinusfrequenzen, Rauschen, Industrielärm und Vinylknistern zu zerfließen.

Eines der diesjährigen Moerser Schwerpunktthemen war die Schweizer Musikszene, die sich in Moers überzeugend als Brennpunkt freigeistiger Kreativität darstellen konnte. „Roots and Wires“ heißt eine Formation, die eine konsequente Vernetzung von experimenteller Elektronik mit ungestümer Freejazz-Idiomatik betrieb. Da konnte ruhig einmal ein elektrisches Cello in den Dialog mit dem Scratching auf den Plattenspielern der aufgebotenen DJs treten, die expressiv und virtuos ihre Hände über das Vinyl tanzen ließen. Mit dem Schlagzeuger Lucas Niggli präsentierte die Schweiz einen weiteren Ausnahme-Musiker. Mal gab er einer exzellenten Trio-Besetzung die nötige ungestüme Energie, auf der nicht zuletzt ein bestens aufgelegter Posaunist Nils Wogram sein ganzes, hoch ausgereiftes Potenzial entfalten konnte – dann wieder wurde Niggli zum treibenden Motor für den wohl rockigsten Beitrag des Festivals: „Steamboat Switzerland“ machte mit vertracktem Metal-Trommelfeuer, psychedelisch frisierten Hammond-Orgeln und sägenden Gitarren so viel Dampf, dass es so manchem Puristen zu viel wurde.

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