„Wie im Himmel sein“

Die spanische Wundergeigerin Elina Rubio im Portrait


(nmz) -
Was zuerst überrascht, ist der überaus reife Ton der Violine. Das liegt weniger am Instrument, einer Jean-Baptiste Vuillaume von 1865, als an der Interpretin Elina Rubio. Nie gehört, diesen Namen? Das wird sich ändern, so viel ist gewiss.
Ein Artikel von Michael Ernst

Sauberer Strich, viel Strahlkraft darin, Mut zu einem Hauch von Pianissimo. Was so elegisch wie überzeugend daherkommt, ist ein Stück aus Pancho Vladiguerovs „Bulgarischer Suite“ op. 21, frisch serviert auf der Debüt-CD von Elina Rubio. Die erst 17-jährige Geigerin und ihr Begleiter Graham Jackson am Klavier haben dem Titel zufolge „Virtuose Werke für Violine“ versprochen. Meist klingt sowas nach Teufelsgeiger und kommt heute nur mehr selten ohne artistischen Firlefanz daher. Doch hier musiziert ganz offenbar kein schnell gepuschtes Zauberkind, kein rasch wieder verglühender Star, sondern eine früh gereifte Künstlerin, von der man noch hören wird.

Weder in der Stückauswahl noch im Vortrag geht es Elina Rubio um Äußerlichkeiten, sie brilliert ganz im Gegenteil mit dem inneren Potenzial ihrer feinen Auswahl an Virtuositäten und liefert sich damit selbst vollkommen aus. Denn bei einem solchen Herangehen sind Tücken nicht zu übertünchen, hier wird alles offengelegt. Und die junge Geigerin gibt sich keinerlei Blöße.

Egal, ob sie sich Niccolò Paganini im Arrangement von Fritz Kreisler annähert und Saiten- wie Lagenwechsel mit Bravour absolviert, Pizzicati allerdings als hörbar halsbrecherisch anklingen lässt, oder ob sie sich solistisch der „Letzten Rose“ und der dramatischen „Erlkönig“-Adaption von Heinrich Wilhelm Ernst widmet – alles anscheinend kein Problem für diese Wundergeigerin.

Im Gegensatz zu manch anderen viel zu rasch hochgelobten Talenten trägt sie dieses Prädikat ganz gewiss zu Recht und wagt sich kompetent an das Schaffen eben von Paganini, Ernst oder Pablo de Sarasate, denen ja bereits zu Lebzeiten ähnliche Etiketten angeheftet worden sind. Enorm anspruchsvolle Kompositionen dieser legendären „Teufelsgeiger“ werden von der 1996 im spanischen Elche geborenen Elina Rubio Pentcheva, die zunächst von ihrer Mutter Tania Pentcheva Boneva und später von Roberto Valdés ausgebildet worden ist, mit einer erstaunlichen Reife vorgetragen. Da geht es, wie sie auch in Nikolai Rimski-Korsakows Fantasie „Der Goldene Hahn“ beweist, nie vordergründig um die technische Raffinesse, sondern stets um eine kluge und sensible Gestaltung der durchweg herausfordernden Werke.

Das Rüstzeug für eine solch wissende Interpretation hat sich Elina Rubio beizeiten erworben. Schon als Zweijährige näherte sie sich der Violine, mit nur neun Jahren gewann sie erste Violinwettbewerbe in Spanien und Bulgarien, vor drei Jahren auch den Szymon-Goldberg-Award Meißen. Damals kam die Ausnahmemusikerin nach einem Meisterkurs bei Shlomo Mintz als jüngste Studentin Sachsens an die Musikhochschule Carl Maria von Weber Dresden, wo sie bis heute vom russischen Geigenprofessor Igor Malinovsky unterrichtet wird. Inzwischen erhielt sie Stipendien für ein zweijähriges Aufbaustudium sowie für diese exquisite Debüt-CD.

Darauf sind mit Fritz Kreisler und Eugène Ysaÿe weitere komponierende Koryphäen des Violinspiels vertreten, auf deren Spuren Elina Rubio absolut souverän agiert. Gerade auch in diesen Solowerken brilliert sie mit höchster Sicherheit und kann es sich leisten, dank traumwandlerisch beherrschter Spieltechnik eine emotionale Hingabe an den Tag zu legen, dass es eine einzige Freude ist ihr zuzuhören. Am Ende dieser raffiniert gestalteten Programmauswahl dürfte es kein Wunder sein, wenn rasch die „Repeat“-Taste gedrückt wird. Zumal Rubio und Jackson im wahrhaft krönenden Abschluss dieser CD Sarasates Konzertfantasie zu Bizets „Carmen“ als einen packenden Feuertanz gestalten.

Noch konsequenter wäre nur ein Konzertbesuch, um die Künstlerin mit der ihr von der Schweizer Maggini-Stiftung zur Verfügung gestellten Vuillaume live zu erleben. Schon im Kindesalter überraschte sie bei ihrem ersten Auftritt mit Orchester im Violinkonzert von Aram Chatschaturjan. Inzwischen überzeugte sie auch mit Peter Tschai-kowskis D-Dur-Konzert, das – in diesem Zusammenhang darf daran noch einmal erinnert werden – einst als unspielbar galt. Am 20. März 2014 wird sie es mit dem MDR-Sinfonieorchester in Leipzig erneut aufführen.

Ein solcher Werdegang in Richtung Karriere erfordert natürlich Tribut. Elina Rubios Vater stellte dafür sein ganzes Leben auf den Kopf und begleitete die Tochter aus der spanischen Heimat nach Dresden, wo er sie in sämtlichen Schulfächern unterrichtete. Die Examina wurden ihr dann an Spaniens Botschaft in Berlin attestiert. Den größten Lohn für all diese Anstrengungen beschreibt die schlanke Schönheit an der Schwelle zur jungen Frau so: „Ich fühle mich ganz in meinem Traum, wenn ich Musik mache. Mit Klang kann ich Gefühle kontrollieren, Expressivität ausdrücken. Das ist für mich wie im Himmel sein.“

CD-Tipp
„Virtuoso Violin Works“
GEN 13539

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