Wo bleibt das preiswert Zeitgenössische?

Gedanken zu einem Sonderpreis, der nicht vergeben wurde


(nmz) -
Es sei von vornherein klargestellt: Nicht auf „Billiges“ zielt die Überschrift ab, sondern sie fragt nach Auszeichnungswürdigem. Seit einigen Jahren verzichtet man beim Wettbewerb „Jugend musiziert“ auf die verpflichtende Einbindung eines Werkes des 20. und 21. Jahrhunderts in das Wertungsprogramm. Dazu hatte es gute Gründe gegeben, wenngleich die Maßnahme nicht allgemein begrüßt worden ist. Wie die Praxis zeigt, waren bisher die befürchteten „Einbußen“ nicht erheblich: Die klassische Moderne mit einer Fülle an namhaften Komponisten und substanzreicher Musik wird nach wie vor in akzeptablem Umfang und vielfach qualitativ großartig geboten. Dennoch bleibt die Besorgnis, dass die Beschäftigung mit zeitgenössischer Musik in der Breite zu wenig angeregt, vor allem das Interesse für das Neueste im Neuen nicht ausreichend geweckt und gepflegt wird.
Ein Artikel von Claus Christianus.

Ausgabe: 
9/10 - 59. Jahrgang

Um entsprechende Anreize zu schaffen, werden Sonderpreise ausgelobt für herausragende Interpretationen eines zeitgenössischen Werkes, auf Bundesebene längst existierend, beim bayerischen Landeswettbewerb seit zwei Jahren mit beeindruckenden Leistungen belohnt, im regionalen Bereich München leider im Ergebnis enttäuschend: Der Sonderpreis, dem langjährigen Mitstreiter Klaus Obermayer gewidmet, wurde in diesem Jahr hier nicht vergeben, da aus verschiedenen Gründen von keiner Jury eine brauchbare Empfehlung dafür eingegangen war.

Die Frage „Wo bleibt das preis(ens)wert Zeitgenössische?“ ist darum ein Aufruf an diejenigen, die der Jugend die aktuelle Musik vermitteln müssten. Der Appell sollte eigentlich bereits bei den Ausbildungsstätten für Musikerberufe ansetzen. Vor 50 Jahren hat in Köln der musikwissenschaftliche Ordinarius Fellerer den Studenten sehr eindringlich warnend die Absurdität vor Augen geführt, auf einer Musikhochschule des 20. Jahrhunderts zu studieren und dabei die Musik der eigenen Zeit verneinen zu wollen. Mancherorts hat man auch heute noch den Eindruck, dass diese Mahnung zu wenig angekommen ist, die Aufgeschlossenheit für die zeitgenössische Musik und ihre Pflege im Studium teilweise vernachlässigt wird.

Doch verantwortungsbewusste Pädagogen bleiben ja nach dem Examen sicher nicht mit ihrer persönlichen Entwicklung stehen, so wie auch die Horizonte der Musikwelt stets erweiternd in Bewegung sind. Deshalb wendet sich meine Werbung für das Zeitgenössische bei „Jugend musiziert“ vorrangig direkt an die Lehrkräfte.

Zugegeben, die moderne Musik erschließt sich nicht so schnell und spontan wie das Kompositionen aus anderen Epochen gelingen kann. Es bedarf also frühzeitiger Beschäftigung und vorsichtiger Hinführung der Schüler. Andererseits bietet eine ästhetische „Unvoreingenommenheit“ der Kinder, ihre Neugier auf Unbekanntes, ihre Entdeckungs- und Experimentierfreude Chancen, die rechtzeitig genutzt werden sollten. Hinter dem Angebot eines Sonderpreises für die Interpretation eines zeitgenössischen Werkes steht die Erwartung, dass die bewährten und vertrauten Pfade vergangener Stilepochen (einschließlich der klassischen Moderne) verlassen werden, dass man zum Beispiel ungewohnte Spieltechniken am Instrument (oder mit der Stimme) erprobt, neue Klangmöglichkeiten erfährt, sich in Bereiche des Kreativen und Improvisatorischen wagt. Geeignete Literatur in verschiedenen Schwierigkeitsgraden wird in zunehmendem Maße angeboten. In diesem Zusammenhang sei erinnert an drei Werkausgaben, die vom Landesverband Bayerischer Tonkünstler initiiert worden sind: Im „Münchner Klavierbuch“, „Augsburger Violinbuch“ und „Schweinfurter Gitarrenbuch“ sind für die entsprechenden Instrumente, sowohl in Solo- als auch Ensemblebesetzung, Werke lebender Komponisten gesammelt. Eine Fortführung dieser Reihe ist geplant. Nicht zuletzt auch könnte der persönliche Kontakt mit einer Komponistin oder einem Komponisten und im gemeinsamen Wirken die Erarbeitung eines eigens zu dem Zweck entstandenen Werkes eine interessante Erfahrung für die heranwachsende Jugend darstellen.

Der nächste Wettbewerb „Jugend musiziert“ im Jahr 2011 bietet zudem wieder die Wertung „Moderne Musik“ an, bei der Ensembles in gewohnter Kammermusikformation oder in ganz komplexer Besetzung (wobei elektronische Möglichkeiten einbezogen werden können) zur Auseinandersetzung mit ausschließlich zeitgenössischer Musik aufgerufen sind. Die allgemeine Ausschreibung ist zu finden unter www.jugend-musiziert.org, spezielle Hinweise zum Regionalwettbewerb München stehen unter www.tonkuenstler-muenchen.de. Auch wenn nur ein einziger Beitrag den Sonderpreis „In memoriam Klaus Obermayer“ für die Interpretation eines zeitgenössischen Werkes gewinnen wird, sollten sich möglichst viele junge Musikerinnen und Musiker die Welt der modernen Musik erobern. Dazu brauchen sie pädagogische Begleiter, die sie auf den Weg bringen und kompetent führen.
  

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