„Zerreisset eure Herzen …“

Mendelssohns Elias im Rahmen der Leipziger Gesamtausgabe erschienen


(nmz) -
Immer wieder hechten CD-Labels und Buchverlage mit teilweise eilig auf den Markt geworfenen Neuerscheinungen von Geburts- zu Gedenkjahr. Mit Nach­haltigkeit hat das leider oft nichts mehr zu tun. Ein wenig sind die Notenverlage von dieser ökonomisch bestimmten Entwicklung abgekoppelt, denn das wirklich große Repertoire wird auch außerhalb runder Jahreszahlen gerne gesungen und ge­spielt. Gleichwohl erscheint auch hier rechtzeitig die eine oder andere Neuaus­gabe.
Ein Artikel von Michael Kube.

So geschehen in dem nun zu Ende gehenden Mendelssohn-Jahr. Doch in diesem Fall war es wirklich mehr als eine Pflichtübung. So ging ein Wunsch des Komponi­sten selbst in Erfüllung, indem endlich ein wissenschaftliches Werkverzeichnis vorgelegt wurde; auch der aufmerksame Hörer konnte sich von zahlreichen Novi­täten überraschen lassen. Doch weit mehr ist geschehen: Vielfach konnte man den Eindruck gewinnen, dass ein kleiner Ruck durch das Musikleben gegangen ist, sich Mendelssohns kompositorischem Schaffen in der ganzen Breite zu widmen.

Grundlage für die weitere Auseinandersetzung bietet die von Breitkopf & Härtel verlegerisch betreute Leipziger Mendelssohn-Ausgabe, ein akademisches Langzeit­projekt mit Sitz in Leipzig. Wie bei jeder wissenschaftlich-kritischen Gesamtaus­gabe umfasst der Editionsplan nicht nur die unzweifelhaften Highlights, sondern auch alle vermeintlich abseitigen Kompositionen und Gelegenheitswerke (die doch erst das Bild vervollständigen). So kam schon im Vorfeld des Jubeljahres neben dem Streichoktett, der Musik zum Sommernachtstraum und einem Band mit Konzert-Ouvertüren auch der Einakter Soldatenliebschaft heraus, ein Werk des gerade einmal zwölfjährigen Komponisten.

Trotz der in allen Bänden gleichbleibenden editorischen wie drucktechnischen Qualität muss der just erschienene, nicht weniger als 504 Seiten zählende Band mit dem Elias als ein Höhepunkt der letzten Monate gelten, der in der musikalischen Praxis langfristig Bestand haben wird. Allein schon die zur Verfügung stehenden Quellen (darunter auch das wieder zugängliche Partiturautograph) verleihen der Ausgabe ein besonderes Gewicht – ein Gewicht allerdings, das sich auch beim Konzept des Bandes bemerkbar macht: Entgegen der bislang geübten Praxis muss­ten alle Frühfassungen, die relevanten Klavierauszüge sowie der Kritische Bericht auf insgesamt vier (!) weitere Bände verteilt werden (Bd. VI/11A bis VI/11D), die noch in Arbeit sind. Entsprechend konzentriert sich Christian Martin Schmidt in seinem Vorwort zum vorliegenden Hauptband (immerhin 22 Seiten) nur auf die hier vorliegende endgültige Fassung des Werkes – vor Mendelssohns opus maxi­mum und seiner „Revisionswut“ muss eben auch einmal eine langjährig erprobte Praxis kapitulieren. Erst alle fünf Bände werden dann das Bild zum Ganzen fügen.

Freilich: Für den mit vorzüglichem grünen Leinen und Goldprägung ausgestatteten Hauptband der Gesamtausgabe muss man investieren. Die einfache Dirigierparti­tur ist schon wohlfeiler zu haben, und mit dem zweisprachigen Klavierauszug wird jeder Musikliebhaber bestens bedient sein. Eine Studienpartitur wäre wün­schenswert.

Felix Mendelssohn Bartholdy:
Elias op. 70, hrsg. von Christian Martin Schmidt, Breitkopf & Härtel SON 425 (Leipziger Mendelssohn-Ausgabe Bd. VI/11), 298 Euro
Elias op. 70, hrsg. von Christian Martin Schmidt, Breitkopf & Härtel PB 05311 (Dirigierpartitur), 120 Euro
Elias op. 70, hrsg. von Christian Martin Schmidt, Breitkopf & Härtel EB 08649 (Klavierauszug), 17 Euro

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