Zwischen Eigensinn und Beliebigkeit

Experimentelles abseits großer Strömungen: die fünfte „Pyramidale“ in Berlin-Hellersdorf


(nmz) -

Ferner als Montevideo lägen dem Berliner die eigenen Stadtteile Hellersdorf und Marzahn, meint Bundespräsident Köhler in einer Laudatio auf den Schriftsteller Wolfgang Büscher, und auch für den Schweizer Komponisten Max E. Keller geht es schneller von Zürich nach Berlin als anschließend mit der U 5 in die berüchtigte No-Go-Area am östlichen Stadtrand. Hier, in der mit etwa 200.000 Einwohnern größten Plattenbausiedlung Europas, versucht das Berliner Komponistenteam Ralf Hoyer/Susanne Stelzenbach ein wenig Kultur anzusiedeln. Schon zum fünften Mal konnte im bezirkseigenen Ausstellungszentrum „Pyramide“ das Minifestival „Pyramidale“ veranstaltet werden. Ausgangspunkt für ein dem Interdisziplinären verpflichtetes Konzept war das eigene Ensemble „pianoplus“, das den Klavierklang zunächst durch Elektronik erweiterte und im Zusammenspiel mit anderen Künsten ins Räumlich-Szenische überging. Mit dem Projekt „agieren und reagieren“ bei einer „langen Nacht“ der Museen 2002 war die Festivalidee geboren. Seitdem repräsentiert der „vielseitige“ Pyramidenbau die unterschiedlichsten Facetten neuer Kunst und Musik in immer neuen Themen und Kombinationen.

Ein Artikel von Isabel Herzfeld.

Ausgabe: 
3/07 - 56. Jahrgang

Nach „Zeit“, „Mathematik der Gefühle“ oder „Kosmos“ ging es diesmal um das „Individuum“ – ein Sujet, das gerade in der Plattenbauumgebung bestens aufgehoben sei, wie Moderator Keller fand – zumal die Programmfolge immer noch einen Gutteil Ex-DDR-Szene versammelte, die damit ihre ganz eigenen Erfahrungen hatte. Doch sollte es um eine zentrale Kategorie der Kunst schlechthin gehen, die das Unverwechselbare, „Eigensinnige“ bis hin zur Originalitätssucht anspricht und zugleich in Widerspruch gerät zur Sehnsucht des Künstlers, verstanden zu werden, dazuzugehören. „Monodrama“ für einen Percussionisten von Kurt Dietmar Richter und „Ritornelli“ für Flöte solo von István Szigeti bemühten denn auch gleich den einsamen, ganz auf sich gestellten Interpreten, nicht ohne der Beliebigkeit eines „anything goes“ – Kehrseite der unbedingten Abgrenzung – zu entgehen. Reichhaltigere Entfaltungsmöglichkeiten fand der charismatische Schlagzeuger Gerd Schenker in den Uraufführungen „Randspiel“ von Helmut Zapf und „schlag-werk“ von Thomas Gerwin, die mit Live-Elektronik für farbige Klangschattierungen sorgten. Während Friedrich Goldmann mit „3 strofen“ für Klarinette und Violine in etwas blasser Gesanglichkeit befangen blieb, versuchte sich der 1979 geborene Arno Lücker in kompromissloser Sperrigkeit: „ich (…) nicht“ für Flöte, Klarinette und Streichtrio will Verweigerung bis hin zum Paradox behaupten, doch die provokant gemeinten Rülpser der Musiker zu den ausgesucht schrillen und schneidenden Klängen wirkten dann doch eher unfreiwillig komisch. Das ebenfalls uraufgeführte Werk „Musik und schöns Blümelein“ für (fast) gleiche Besetzung des Trojahn-Schülers Arne Sanders dagegen bezieht aus einem Motiv des Schweizer Komponisten Christoph Delz (1950–1992) erstaunliche Tragfähigkeit und Geschlossenheit. Von gediegener Originalität auch Susanne Stelzenbachs „Jagen. Stille“ mit seinen Kontrasten hektischer Rhythmen und ruhiger Klangflächen, voller Ausdruckskraft das Streichtrio (2005) von Georg Katzer, dessen fragile Energie in starrem Bogenknarren implodiert. Kontrastreich auch, was vor der anregenden optischen Folie von Fotografien Andreas Rosts und Joachim Seinfelds zur verzerrten Wahrnehmung von Identität in theatralische Bereiche überging: Während Hoyer/Stelzenbachs „Chimäre“ mit gesungenen und gesprochenen Texten von Federico Garcia Lorca („ensemble leitundlause“) zu Bombengeräuschen des spanischen Bürgerkriegs noch einen komplexen und spannungsvollen Beitrag zum Thema Fiktion und Wirklichkeit, inneres und äußeres Erleben leistete, ging ein ganz ähnliches Unterfangen bei Max E. Keller gründlich schief. „Food“ ist eine Tischinstallation, in der ein Schlagzeuger Teller, Pfannen und Gläser zum Klingen bringt, zelebriert mit immer neu aufgedeckten „Cloches“ (Metalldeckeln) quasi ein 6-Gänge-Menü, während Tango-Rhythmen an den Hunger in der Dritten Welt erinnern sollen. Doch die an sich schöne Idee versickerte in den Belanglosigkeiten allzu unprofilierter Klänge und Aktionen.
Unter den 17 Kompositionen, unter denen auch der vergnügliche „Misserfolg“ von Tom Johnson für Kontrabass solo in der virtuosen Performance durch Matthias Bauer erklang, befanden sich immerhin zehn Uraufführungen unterschiedlichster Machart und Qualität. Der Komponistenkreis ist überschaubar und speist sich aus einer eingeschworenen Berliner Szene, doch scheint er sich allmählich zu öffnen. Was sich auf der „Pyramidale“ mit geringfügiger öffentlicher Unterstützung ereignet, ist Experimentelles abseits großer Strömungen und enthält gerade deshalb manchmal erstaunliche Fundstücke – zu denen auch der Flop gehört. Die Öffnung zum „ganz normalen Publikum“ ist gerade in der Kulturwüste mit unangestrengter, sich nicht anbiedernder Lockerheit möglich. Dazu gehörte auch, das Festival getreu dem griechischen „pyros“ = „Feuer“ beim Wortsinn zu nehmen: mit einem kleinen Feuerwerk im frühlingswarmen Innenhof, zu dem sich das „Boreas-Ensemble“ in verrückten, ironischen und einschmeichelnden Blechbläserklängen der „eingefrorenen Zitate“ ergehen durfte.

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