Zwischen Realität und Fiktion

Uraufführung von Erkki-Sven Tüürs „Wallenberg“ in Dortmund


(nmz) -

Spätestens seit Glasnost und Perestroika hat der ungezwungene Umgang mit der Moderne auch unter den baltischen Komponisten Hochkonjunktur. Meditative Klangsinnlichkeit (Arvo Pärt) und die neo-romantische Neudeutung von Volksmusik (Peteris
Vasks) bilden dabei eine oft von Reibungspunkten befreite Tonsprache, die kaum mit Atonalem liebäugelt.

Ein Artikel von Guido Fischer.

Ausgabe: 
7/01 - 50. Jahrgang

Spätestens seit Glasnost und Perestroika hat der ungezwungene Umgang mit der Moderne auch unter den baltischen Komponisten Hochkonjunktur. Meditative Klangsinnlichkeit (Arvo Pärt) und die neo-romantische Neudeutung von Volksmusik (PeterisVasks) bilden dabei eine oft von Reibungspunkten befreite Tonsprache, die kaum mit Atonalem liebäugelt.
Von einer nicht zu erwartenden musiktheatralischen Radikalität zeigte sich dagegen Erkki-Sven Tüürs erste, am Dortmunder Opernhaus uraufgeführte Oper „Wallenberg“, die der scheidende Intendant John Dew in Auftrag gegeben hatte. Das Philharmonische Orchester unter Dirigent Alexander Rumpf musste Schwerstarbeit leisten. Denn in dem düster-expressiven Tonfall, der im ersten Akt in einer apotheotischen Aggressivität kulminiert, sind Erholungspausen rar, verschwinden die fein eingewobenen Walzer- und Ländler-Zitate, die idyllischen Dur-Harmonien so schnell, wie sie gekommen sind.

So hochkomplex, bisweilen überdimensional sich Tüürs Partitur in den über zwei Stunden bewegt, so erstaunlich theaterpraktikabel ist sie jedoch für die Opern-Biografie, die Librettist Lutz Hübner zum Wechselspiel aus geschichtlicher Realität und Fiktion machte. Lutz Hübner erinnert an den schwedischen Geschäftsmann und Diplomaten Raoul Wallenberg, der auf Empfehlung des schwedischen Verbandes des World Jewish Congress und unterstützt vom amerikanischen War Refugee Board im Juli 1944 vom schwedischen Außenministerium nach Budapest geschickt worden war. Dort leitete er eine Hilfsaktion für über 100.000 Juden, die nach der Deportation von 437.000 ungarischen Juden nach Auschwitz in der ungarischen Hauptstadt zurückgeblieben waren.

Doch Hübner zeichnet nicht nur die historische Gestalt Wallenberg nach. Er imaginiert zudem einen zweiten Wallenberg, der Balsam für die Mythenschreibung ist: als strahlender Held, der zum Gewissen entlastenden Feigenblatt wird – für die Schweden, die Geschäfte mit den Nazis machten, für die Amerikaner, die Flüchtlinge zurück in den Tod schickten. Auf der kafkaesk angereicherten Szene (Bühne: Peter Schulz) mit ihren riesigen, verschiebbaren Wänden und tausenden weißschimmernden Aktenordnern choreografiert Regisseur Philipp Kochheim schrille Geschichtsschreibung moderner Prägung, in der Wallenberg mediengerecht ausgeschlachtet wird.

Gerade in dieser Entertainment-Spirale bewies Tüürs Musik Rückgrat, da sie die Szenen nicht kommentierend bedient, sondern Gegenkräfte in stark emotionalen Momentaufnahmen entwickelt. Vor allem dank der flatternden Melodiefetzen, die den tenoralen Glanz von Hannes Brock als Wallenberg 2 perforieren und von dem fantastischen Bariton Hannu Niemelä als eigentlicher Wallenberg zu einem ständig lodernden Psychogramm konturiert werden.

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