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Alle Artikel kategorisiert unter »Helmut Hein«

Der Heide in der Südkurve

01.10.02 (Helmut Hein) -

Brit-Pop geht ins fünfte Jahrzehnt – und die alten Helden melden sich zurück. Die Beatles schaffen es noch posthum problemlos an die Spitze der Charts und David Bowie, der die 70er Jahre, die Pet Shop Boys, die die 80er Jahre, und Oasis, die die 90er Jahre verkörperten, sind mit neuen Produktionen auf dem Markt.

Nachschub

01.07.02 (Helmut Hein) -

Kultur bedeutet Aufschub: Sie verhindert, dass man sich dem Schmerz und der Lust sofort und vollkommen hingibt. Sie bewahrt einen vor dem, was der Philosoph Hans Blumenberg den Absolutismus der Wirklichkeit genannt hat. Sie mildert und sublimiert sogar die eigenen Ängste und Wünsche. Sie schützt und sie entfremdet. Kultur hat es mit Repräsentation zu tun. Sie ist das Terrain der „substitutes“.

Schwarzmarkt der Illusionen

01.07.02 (Helmut Hein) -

Die Komplimente sind bekannt und doppeldeutig. Exemplarisch bleibt das Urteil Ella Fitzgeralds, die einst von Marlene Dietrichs „großartiger Nichtstimme“ schwärmte. Die Frage, die auch im Pop-Kontext stets von neuem heftig diskutiert wird, drängt sich offenbar auf: Muss man singen können, um eine große Sängerin zu sein? Die Antwort ist immer wieder dieselbe: Nein, natürlich nicht. Gesang ist, jenseits der Akademien, also „mitten im Leben“, offenbar mehr und anderes als Stimmbildung und die Kunst, den rechten Ton zu treffen. Wagner-Tenöre, die versuchen, eine simple Rock-Ballade nachzusingen, stellen das schmerzhaft unter Beweis.

Eine permanente existenzielle Unruhe

01.06.02 (Helmut Hein) -

Roel Bentz van den Berg: Die ganze Geschichte. Magische Momente der Popkultur, edition suhrkamp

Eine Frau mit Erfahrung

01.06.02 (Helmut Hein) -

Davon träumt wahrscheinlich jeder Künstler – und im Lande Pop, wo nur die Jugend zu zählen scheint und die Zeit noch rascher vergeht als anderswo, vielleicht am meisten: dass es weitergeht, dass man Fixstern ist und nicht nur Sternschnuppe, dass auch die nächste Generation sich auf das eigene Werk bezieht. Marianne Faithfull ist, zumindest auf ihrem neuen Album, nicht die alternde Diva, einsam und verloren, sondern die Königin der Männer, die scheinbar nichts falsch machen kann: von Beck bis Damon Albarn, von Jarvis Cocker bis Dave Stewart.

Nachschub

01.06.02 (Helmut Hein) -

In den frühen 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts erfindet Jean Paul Sartre den Existenzialismus: als stummer Flaneur und Beobachter in den Cafés der großen Pariser Boulevards; als aus dem Leben vertriebener Junglehrer in der kleinbürgerlichen Öde und Enge der Provinzstädte; und in nächtelangen Gesprächen mit Simone de Beauvoir. Aus einer ins Detail verliebten Phänomenologie des Alltags entsteht eine Philosophie, die Daseins-Exegese zum Lifestyle-blueprint macht.

Nachschub

01.05.02 (Helmut Hein) -

Alte Männer, ältere Genres: Was tun, wenn die Ideale den „winds of change“ nicht standhalten und kollabieren – und wenn der physische Verfall dafür sorgt, dass selbst die klarsten Gefühle und hellsten Erregungen als dumpfe Sentiments, ja Ressentiments ihr Wiedergängerleben führen? Für Neil Young stellt sich, scheinbar, diese Frage nicht. Seine Hipness bestand, für Pop-Theoretiker wie für Hardcore-Fans, immer schon darin, dass er wie aus allen Zeiten und Zusammenhängen herausgefallen daherkam. Tapferkeit vor den Freunden hieß seine Devise: Er fand bereits in den 70ern AKWs gut und die No-Nukes-Bewegung nicht nur gedanklich bescheiden, und wie der andere Pate der Punks, Iggy Pop, konnte auch er Ronald Reagan einiges abgewinnen. Die Interpreten von Youngs lyrischen Verlautbarungen taten sich stets schwer: Wo die einen den Maestro popmythologischer Verdichtung am Werk sahen, entdeckten die anderen nur einen „terrible simplificateur“. Der Charme seines „rockin‘ in the free world“ bestand in der Nicht-Festlegbarkeit: klare Worte, die rasch ausfransten, wenn man sie zu genau in den Blick nahm. Was jedem anderen geschadet hätte, das Chamäleonhafte in den Haltungen, der virtuose Wechsel zwischen den Genres und Bands, das mehrte nur Neil Youngs Ruhm. Je virtuoser er an seinen Netzwerken strickte, desto mehr erschien er als großer Einzelgänger.

Nachschub

01.04.02 (Helmut Hein) -

Zwar altern die Heroen, aber Pop als Genre ist jung. Deshalb ist Pop Revolte, Widerstand gegen die Definitionen, die man immer schon vorfindet, Aversion gegen die Artefakte der Älteren. Jungsein heißt, dass die Erfahrungen und Einsichten der anderen nicht die eigenen sein können. Das Labor des Neuen ist das Kinderzimmer; dort geht es vital und chaotisch zu.
Dass sich Deutschlands derzeit beste HipHop-Posse „Kinderzimmer Productions“ nennt, ist folglich nur konsequent – und zeugt von einem Witz und einer Selbstreflexion, die dem fundamentalistischeren Nachwuchs, der Fehler und Defizite für eine Sache der Erwachsenen hält, meist fehlen. Bei KP ist das Bewusstsein wach, dass Koordinaten und Kategorien relativ sind, gewissermaßen Ansichtssache. „Wir sind da wo oben ist“ (so auch der Titel ihres Virgin-Albums) zitiert die üblichen eitlen Rap-Gesten nur und führt sie durch tautologische Reime ad absurdum: „es ist nicht gerade, wenn es gebogen ist/es ist nicht wo es war wenn es verschoben ist“. Den dogmatischen „Street“-Anspruch „Keep it real“ begegnen sie mit einer fast schon dekonstruktivistischen Kühle und Coolness, die „Realität“ genauso in Frage stellt wie „Wahrheit“. Das Feste verflüssigen, könnte die geheime KP-Devise lauten: das ist das Wesen ihres „Flows“, der deshalb so wunderbar und suggestiv ist, weil er die Katarakte und Brüche nicht scheut. Dort, wo ansonsten meist böse Selbstgewissheit herrscht, schaffen bei ihnen Definitionen Distanz: „reiner neid ist das schlechte das ich über euch sage“. Und während der HipHop oft Hierarchien, mehr oder weniger unbewusst, bestätigt, verpasst einem „Textor“ Henrik von Holtum einen Schnellkurs in Soziologie: „abhängigkeit heißt um erlaubnis bitten müssen.“

Zeig mir deine Wunde, Liebling!

01.04.02 (Helmut Hein) -

Regime-Wechsel: Wo eben noch die weitgehend anonymen oder jedenfalls ständig ihre Identität wechselnden Sound-Architekten fast unbestritten das Terrain beherrschten, brechen jetzt die Songwriter-Individuen mit ihren angeblich unverwechselbaren Geschichten in die Techno-Universen ein. Eine Revolution im Lande Pop? Ja, aber eine verwirrende. Denn alles bleibt anders.

Nachschub

01.03.02 (Helmut Hein) -

Nur wer sich erinnert, kann erlöst werden: diese alte jüdische Weisheit bestimmt auch die ästhetischen Strategien der Moderne, von Joyces Weltalltags-Phantasmagorie im „Ulysses“ über Prousts „Recherche“ bis zu Walter Benjamins „Pariser Passagen“. Das ist das eine. Das andere war, seit Nietzsche und Baudelaire, die ewige Wiederkehr; mal als manisch-euphorische Feier des Daseins, mal als depressives Debakel einer haltlosen Existenz, die einer fatalen Fährte folgt. Der späte Freud enthüllte das Geheimnis dieses Gedächtniszwangs: jede Erfahrung, die sich nicht im Bewusstwerden löst, hinterlässt eine bleibende Spur in der Psyche. Was verdrängt wurde, mutiert zur Obsession. Was verleugnet wird, beginnt zu gespenstern. Benjamin löste, während er durch die Passagen flanierte, das Rätsel der Moderne. Das Allerneueste ist das Uralte, das sich in immer anderen Masken präsentiert: als wäre es noch nie da gewesen. Das Modell dieses mythischen „dernier cri“ war für ihn die Mode. In ihr zählt nur, was aktuell ist. Aber der Clou der Saison stammt aus dem Fundus. Up to date ist, was vergessen wurde. So verhält es sich auch in der Pop-Musik. Mehr noch als jede andere Kunst ist sie im Bann des Neuen. Aber das Unerhörte ist nur das, was schon einmal da war – und aus dem Bewusstsein verschwand

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