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Alle Artikel kategorisiert unter »Rainer Nonnenmann«

Uraufführungen 2012/02

08.02.12 (Rainer Nonnenmann) -
Alles ist endlich – auch das Universum, das einst in Entropie erstarren wird. Ebenso diagnostizieren Kulturpessimisten überall Schwund und Verfall. Wie die Welt sterben auch Kunst und Kultur einen Wärmetod. Ihre finalen Zerfallsprodukte sind leeres Flimmern und Klingeln. Alles Herausragende, Anspruchsvolle, Besondere, Einmalige wird über kurz oder lang verdrängt durch Konfektionsware, Kitsch und Schund als größtem gemeinsamen Nenner. In den 70ern griff die Haltung schnellen Konsums „ex und hopp“ von Fast-Food-Ketten auf andere Lebensbereiche über. In den 80ern setzten Privatfernsehen, Wegwerf- und Quotendenken die Losung „Erlaubt ist, was gefällt!“ als allgemeinen Konsens durch. Schließlich nivellierten seit den 1990er-Jahren die pseudo-demokratischen Klick-Strukturen des globalisierten Eine-Welt-Marktplatzes im Internet die letzten Unterschiede zwischen Kultur und Entertainment, Kunst und Pop.

Uraufführungen 2011/12

06.12.11 (Rainer Nonnenmann) -
Zum Gedenken an den drei Jahre zuvor verstorbenen argentinisch-deutschen Komponisten wurde am 18. September erstmals der von der Kunststiftung Nordrhein-Westfalen neu eingerichtete „Mauricio Kagel Musikpreis“ zur Förderung experimentellen Musiktheaters verliehen. Gleichzeitig zum ministerialen Düsseldorfer Festakt für den griechisch-französischen Komponisten Georges Aperghis startete in Saarbrücken das „Festival für hinterhältige Musik“ mit einer „Hommage à Mauricio Kagel“, die von dessen Todestag drei Monate lang bis zu dessen achtzigstem Geburtstag am 24. Dezember dauern sollte. Deren Höhepunkt bildet nun am 21. Dezember eine „Lange Kagel-Nacht“ des Ensembles „Grenzpunkt“ der Hochschule für Musik Saar.

Uraufführungen 2011/11

31.10.11 (Rainer Nonnenmann) -
Der Begriff „Parallelgesellschaften“ fällt gemeinhin in Verbindung mit Klagen über Ausgrenzung und mangelnde Integration von Migranten. Zumeist im Plural gebraucht, setzt er voraus, dass es als verbindlicher Maßstab die eine, einheitliche und unteilbare Gesellschaft gäbe. Doch hierzulande und andernorts lehrt die soziale Wirklichkeit, dass es sich bei Ideen einer homogenen Gesellschaft nur um Fiktionen derer handeln kann, denen Scheuklappen den Blick nach links und rechts verblenden.

Uraufführungen 2011/10

06.10.11 (Rainer Nonnenmann) -
Wer kennt sie nicht, die wohlfeilen Vorverurteilungen Neuer Musik, die in der Regel auf allzu punktuellen oder flüchtigen Einlassungen auf dieses den meisten Menschen unbekannte Terrain beruhen, die zuweilen aber auch als vorwurfsvolle Selbstkritik aus dem Inner Circle derjenigen laut werden, die sich professionell mit Neuer Musik befassen: Neue Musik sei selbstgenügsames ästhetizistisches L’Art pour l’art und jenseits aller drängenden Probleme der Zeit im schalldichten Elfenbeinturm nur mit der Selbstbespiegelung ihrer Materialien und eigenen Geschichte beschäftigt, mit der Folge, dass der gleichermaßen von Komponisten, Veranstaltern, Pädagogen, Journalisten und Wissenschaftlern geprägte Fachdiskurs mit seiner oft technizistisch verklausulierten Hermetik für Außenstehende kaum Einstiegsmöglichkeiten und Zugänge gestatte.

Die Jungen der alten Neuen Musik

05.09.11 (Rainer Nonnenmann) -
Als Theodor W. Adorno 1954 seinen berühmten Vortrag „Das Altern der Neuen Musik“ hielt, zielte er nicht auf das Lebensalter der damals noch nicht einmal dreißigjährigen Komponisten Boulez, Nono und Stockhausen. Stattdessen ging es ihm um eine Kritik am „Materialfetischismus“ der Darmstädter „seriellen Schule“. Doch seither sind fast sechzig Jahre vergangen. Und längst zeigt sich das „Altern der Neuen Musik“ ganz handgreiflich an den Akteuren und Institutionen der Neuen Musik. Die meisten Vertreter der einstigen Nachkriegsavantgarde sind inzwischen verstorben oder in hohem Alter, wie der 86-jährige Boulez. Die meisten seit den 1970er Jahren gegründeten Ensembles der Neuen Musik sind heute zwanzig bis vierzig Jahre alt, ebenso viele Festivals der neuen Musik.

Schaufenster der Musik der Zukunft

30.06.11 (Rainer Nonnenmann) -
Das Durchschnittsalter der Komponisten folgender Uraufführungen liegt bei 72 Jahren: Die WDR-Reihe „Musik der Zeit“ präsentiert am 1. Juli von Thomas Kessler (geb. 1937) „Utopia II“ für Orchester mit Stimmen und Elektronik. Tags darauf widmet die Kölner Gesellschaft für Neue Musik in der Kunst-Station Sankt Peter ihrem verstorbenen Gründungsvorstand Johannes Fritsch (1941–2010) ein dreiteiliges „In Memoriam“-Konzert mit posthumen Uraufführungen von „Dunkles Denken“, „Viola Duo“ und des Streichquartetts „Nachtstück“. Die Reihe „musica viva“ des Bayerischen Rundfunks im Herkulessaal der Münchner Residenz platziert in ihrem letzten Saisonkonzert am 8. Juli Premieren von „O bosques – Oh Wälder“ für Sopran, Chor und Orches­ter von Hans Zender (geb. 1936) sowie „Wie kannst Du ohne Hoffnung sein“ für Vokalgruppen und Orchester von Udo Zimmermann (geb. 1943). Und anlässlich seines 75. Geburtstags erhält Zender am Rande der Uraufführung seiner „Logos-Fragmente VII und VIII“ beim Festival „Europäische Kirchenmusik“ im Helig-Kreuz-Münster Schwäbisch Gmünd am 28. Juli den Preis der Europäischen Kirchenmusik. Man könnte den Eindruck gewinnen, die Szene der Neuen Musik in Deutschland sei eine einzige Feier des Altbekannten und Bewährten, bestehe nur aus Altmeistern, Retrospektiven, Preisverleihungen und Porträts für Verstorbene und Jubilare anlässlich runder oder halbrunder Geburtstage. Wie langweilig, retrospektiv, nostalgisch, gegenwartsblind, vergangenheitsverliebt, zukunftsscheu! Wo bleibt da das Neue der Neuen Musik?

Neobarocke Wende?

05.06.11 (Rainer Nonnenmann) -
Es bedurfte vieler Jahrtausende, bis sich die Musik aus den kultischen Funktionszusammenhängen von Ritus, Kirche, Tanz, Unterhaltung und fürstlicher Machtdemonstration befreien konnte. Erst Ende des 18. Jahrhunderts entstand das öffentliche Konzertleben, wie wir es noch heute kennen und pflegen. Doch was historisch geworden ist, kann auch wieder vergehen. Vielleicht sind die Tage gezählt, in denen sich Leute bewusst in Säle begaben, um dort stillsitzend nur eines zu tun: Musik hören. Immer mehr Künstlern und Veranstaltern ist das nicht mehr genug. Sie fürchten, dieses traditionelle Format erreicht nicht mehr genug Publikum, weil der zu Multitasking erzogene moderne Mediennutzer bloßes Hören angeblich als Zumutung erlebt und es stattdessen vorzieht, allzeit mobil, aktiv, kommunikativ, online zu sein und gleichzeitig zu sehen, zu hören, sprechen, suchen, tippen, Geschäfte machen …

Welthauptstadt auf Krücken (Uraufführungen 2011/05)

02.05.11 (Rainer Nonnenmann) -
Dass zu den vielen kleinen und gro­ßen Festivals für neue Musik irgendwo in der Welt ein weiteres hinzukommt oder eines verschwindet, ist angesichts der Vielzahl verschiedenster lokaler und internationaler Veranstaltungstypen nichts Ungewöhnliches. Aufhorchen lässt jedoch, wenn in einem ausgewiesenen Zentrum für zeitgenössische Musik wie Köln ein größeres Festival beendet und stattdessen ein neues an den Start gebracht wird. An die Stelle der seit 1994 existierenden „MusikTriennale Köln“ treten nun die „Acht Brücken – Musik für Köln“. Dieser Schritt war überfällig, denn trotz erheblichem personellem und finanziellem Aufwand blieb die Triennale unprofiliert und bis auf wenige Ausnahmeveranstaltungen ohne Ausstrahlung über Köln hinaus, so dass auch die Resonanz bei Publikum, Presse und Politik schwand. Immerhin bot man im Dreijahresabstand zwischen viel buntem Allerlei auch jeweils einen erkennbaren Schwerpunkt auf dem Schaffen eines großen toten Komponisten: 2004 Nono, 2007 Berio und 2010 Stockhausen.

Uraufführungen 2011/04

01.04.11 (Rainer Nonnenmann) -
Posthume Uraufführungen haben etwas Bedenkliches, denn hätte der Verstorbene sein Werk wirklich in dieser Form zur Aufführung freigegeben? Wäre er oder sie durch die Interpreten, die Einstudierung sowie den Ort und Rahmen der Uraufführung nicht vielleicht zu Änderungen veranlasst worden? Solche Zweifel waren letztes Jahr bei der Kölner Gesamturaufführung sämtlicher 21 vollendeten Stücke von Karlheinz Stockhausens letztem unvollständig gebliebenem Zyklus „Klang“ über die 24 Stunden des Tages durchaus angebracht. Dagegen wurden sämtliche sechs Szenen von Stockhausens 2003 vollendeter Oper „Sonntag“ noch unter den wachsamen Ohren und Augen des Meisters konzertant uraufgeführt.

Uraufführungen 2011/03

01.03.11 (Rainer Nonnenmann) -
Fast jeder Tag im Jahr ist ein bestimmter Gedenktag, an dem Organisationen, Verbände, Stiftungen sowie ganze Kultur-, Wissenschafts- und Wirtschaftszweige die Weltöffentlichkeit an ihr Anliegen zu erinnern versuchen. Sofern man nicht selbst betroffen ist, bekommt man davon oft nichts mit. Der Tag der Musik ist der 1. Oktober. Doch lassen sich zahllose Schnittmengen zwischen der Musik und den anderen Thementagen des Jahres denken, die sich auch in den Kalendern der Konzert- und Theaterhäuser einplanen ließen.
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