Als wär’s ein Film von Stephen King – „The Turn of the Screw“ in der Inszenierung von Claus Guth an der Berliner Staatsoper


(nmz) -
Die im September 1954 am Teatro la Fenice uraufgeführte Oper von Benjamin Britten hat sich den Zauber ihres Geheimnisses bewahrt. 60 Jahre später, in der Berliner Staatsoper im Schiller-Theater, vermag der Opern-Psychokrimi mit dem kaum übersetzbaren Titel den Zuschauer immer noch in Atem zu halten.
16.11.2014 - Von Peter P. Pachl

Zwischen Gothic Novel und Freudscher Tiefenpschologie changiert das Libretto von Myfanwy Piper nach Henry James mit der Story über die Waisenkinder Flora und Miles, die nach dem gewaltsamen Tod einer Gouvernante allein mit der alten Haushälterin Mrs. Grose auf dem Landsitz Bly leben. Vom Vormund der Kinder erhält eine neue Gouvernante den Erziehungsauftrag – mit der Auflage, ihn nicht mit Fragen zu belästigen. Zunächst beglückt über die Idylle auf Bly, erschüttern unheimliche Erscheinungen das Weltbild der Erzieherin. Nachdem Mrs. Grose mit Flora das Haus verlassen hat, bleibt die Gouvernante allein mit Miles zurück, und scheinbar gelingt es ihr, dessen untoten Peiniger Peter Quint zu besiegen – aber das Böse springt auf sie über.

Claus Guth hat diese Spielvorlage in einer sich deutlich von dessen Bayreuther Inszenierung „Der fliegende Holländer“ über die grandiose Staatsopern-Produktion „AscheMOND“ (nach Purcells „Fairy Queen“) bahnende szenische Ikonographie zum Thema Kindesverführung und -Missbrauch umgesetzt.

Erneut, allerdings ohne den Einsatz des Mediums Video, setzt der Regisseur mit seinem Ausstatter Christian Schmidt die gespenstische Geschichte auf die Drehbühne. Die größtenteils möbellosen Zimmer des Landsitzes werden im jeweils abgewandten Zustand von Technik und Requisite dekoriert und umgestaltet. Im Gegensatz zu Beider Realisierung der Purcell-Oper, in der die Feen als Verstorbene auf das Leben der Menschen einwirken, treten hier die Untoten nicht auf: Miss Jessel (Anna Samuil) und Peter Quint (Richard Croft, hier auch der Prologus) sind nur über Lautsprecher zu vernehmen. Guth deutet sie als innere Stimmen der namenlosen Governess, die sich während des Prologes aus unerfüllter sexueller Begierde am Boden krümmt.

Das kaum verhüllte, gleichwohl lange tabuisierte Hauptthema der Opern Brittens, die homosexuelle Verführung Minderjähriger, überzieht Guth mit einer zusätzlichen Deutungsebene, in der es bei der ersten Begegnung bereits zu einem langen Kuss zwischen Haushälterin und Gouvernante kommt.

Deren Verliebtsein in den Vormund der Kinder, überträgt sie auf den heranwachsenden Miles. Auch die Spielchen der Geschwister, mit und ohne Reitgerte, und mit einem lebenden, später rituell geopferten weißen Hasen, sind eindeutig sexuell konnotiert. Wieder arbeitet der Regisseur mit diversen Doubles, auch für die Kinder, u. a. mit Schwellköpfen. Wie der Trailer auf der Website der Staatsoper zeigt, gab es im Endstadium der Proben auch noch eine Szene mit einer schwellköpfigen, augenlosen  Trinkerin mit übergroßer Mundöffnung. Aber diesen Hinweis auf Alkoholismus als Ursache von Phantomen hat der Regisseur schließlich weggelassen.

Unerbittlich gelingt ihm mit der Kraft der Bilder der turn of the screw, die Drehung der Schraube, mit jeder Drehung der Location. Am Ende scheint Miles zwar von seinem leblosen Bedränger verlassen, aber unter den Händen der Gouvernante getötet, denn die singt dessen Lied vom „naughty boy“ Malo.

Hinreißend spielt die Staatskapelle im halb hochgefahrenen Graben unter der musikalischen Leitung von Ivor Bolton, der jenseits der Grusel-Ebene die Klangschönheiten dieser Partitur aufblühen lässt. Bisweilen setzt die Lichtregie von Sebastian Alphons sogar Schwerpunkte im Orchester, etwa wenn das virtuose Spiel mit den Glocken herausgeleuchtet wird. Die 15 instrumentalen Zwischenspiele, zwar häufig bebildert, zählen zu den Höhepunkten des Abends.

Mit der hohen orchestralen Qualität einhergehen großartige sängerische Leistungen. Das Kinderpaar ist mit der portugiesischen Sopranistin Sónia Grané und mit dem jungen, auch stimmlich zwischen Knabentum und pubertierender Jungmännlichkeit changierenden Countertenor Thomas Lichtenecker optimal besetzt. Faszinierend verkörpert Emma Bell das Psychogramm der liebesbedürftigen, von inneren Stimmen und äußeren Bildern gebeutelten jungen Gouvernante im Labyrinth aus Täuschung und Verführung, und liebenswert gestaltet Marie McLaughlin die Haushälterin Mrs. Grose.

Viel Publikumsjubel am Ende des pausenlosen Premierenabends.

  • Weitere Aufführungen: 19., 22., 27. Und 30. November und 5. Dezember 2014.

Lieber Herr Pachl, Stephen

Lieber Herr Pachl,

Stephen King schreibt Romane und Drehbücher, dreht aber keine Filme (abgesehen von dem zum Glück in Vergessenheit geratenen, miserablen “Maximum Overdrive”)

Wenn Sie glauben, mit “Malo” sei eine Person gemeint, war der letzte Lateinunterricht schon eine Weile her. Ich empfehle ein Auffrischen bezüglich der verschiedenen Bedeutungen des Wortes “Malo” (Kleiner Tipp: Es sind derer 4!)


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