Blick zurück nach vorn – Das Jazzfest Berlin feierte sein 50-jähriges Jubiläum


(nmz) -
Durchwachsen wirkte, was Bert Noglik zum 50. Jubeljahr des Berliner Jazzfestes präsentierte. Aber es war nur konsequent, denn er verzichtete darauf, allen gefallen zu wollen. Eine Botschaft sowohl an das Publikum, als auch an Richard Williams, dem Noglik nach drei Festivalprogrammen die künstlerische Leitung für 2015 überantwortete.
04.11.2014 - Von Ralf Dombrowski

Am Ende setzte Jason Moran die Fats-Waller-Maske auf. Jazz wurde Camouflage, brachialsemiotisch als Dance-Party in einem Raum inszeniert, der sonst eher Bedeutungsschweres, Intellektuelles kennt. Es war in mehrfacher Hinsicht eine bizarre Vorstellung, denn einerseits folgte die Fusion-Revue auf das Konzert von Morans Bandwagon-Trio, mit dem der in New York lebende Pianist kurz zuvor genau die Mischung aus Virtuosität, Inspiration und dezenter Innovationsaura eingelöst hatte, die die Festivalgänger üblicherweise erfreut. Mit der befreienden Stimmung des Schmunzelns über die eigene Geschichte, auch mit dem Spaß am Körperlichen, Unterhaltsamen, der das Programm in den Clubs in seiner amerikanischen Heimat umgibt, hatte das Spektakel jedoch nur wenig zu tun. Berlin ist nicht Harlem, das Haus der Berliner Festspiele keine subversive Bühne und das Jazzfest kein Epizentrum der Erneuerung für eine Musik, deren Identität sich längst in viele kleinteilige Modelle ausdifferenziert hat. Bert Noglik weiß das und er hatte diese Einsicht clever in vier prall gefüllte Tage und eine bereits Anfang Oktober angesetzte Voreröffnung verpackt.

Panoptikum der Perspektiven

Manche Künstler beispielsweise blickten zurück. Der New Yorker Gitarrist Elliott Sharp etwa widmete auf Bluesbasis polystilistisch bunt sein Konzert dem Andenken Martin Luthers Kings, der 1964 die ersten Berliner Jazztage eröffnete. Ähnliches hatte Richard DeRosa im Sinn, der ein Programm aus Popsongs, Textvortrag und Standards zu Freiheit, Mauerfall und Musikhistorie für die WDR Big Band und deren Stargast Kurt Elling arrangierte. Während Sharp dem Konzept mit einer Mixtur aus Eigensinn und Ironie einen gewissen Charme verordnete, scheiterte DeRosa mit Melodien von den Scorpions bis zu einer jazzorchestral wattierten Version von „Die Gedanken sind frei“ so profund an der Naivität seines Deutungsvorschlags, dass das Publikum sogar sich an rar gewordene Traditionen wie Buh-Rufe erinnerte.

Viel Zuspruch hingegen erfuhr die Hommage an Eric Dolphy, die das Piano-Paar Alexander von Schlippenbach und Aki Takase für ein Ensemble bewährter Avantgardisten entwickelte. Im Saal der Akademie die Künste verknüpften sie Ausdruckswucht und Erinnerung zu einem klangmächtig modernen Ineinander von improvisierender Offenheit und Ausdrucksfloskeln zeitgenössischer Expressivität. Das war Old School mit dem Globe Unity Orchestra im Stammbaum, ein Stück Geschichte stimmig verpackt.

Von Metal Jazz bis Archie Shepp

Überhaupt schlug das Pendel der Programmatik vielfach in Gegensätze aus. Der für den erkrankten Benny Golson eingesprungene Saxofonist Archie Shepp etwa zelebrierte in zwei Konzerten mal das bluesige Erbe des Bebops, mal im Duo mit Organist Jasper van't Hoff spirituelles Pathos. Das schottische Trio Free Nelson Mandoomjazz irritierte souverän mit lärmenden Anspielungen auf Doom Metal, die norwegische Gitarristin Hedvig Mollestad rockte ebenso lautstark wie selbstbewusst am Rand des Jazz entlang, wohingegen ihre Landsleute vom Fire! Orchestra mit Schmackes das Orchesteridiom von innen heraus revitalisierten. Es gab faszinierende Solisten wie den Akkordeonisten Vincent Peirani im Quartett von Drummer Daniel Humair, dessen grundlegende Melodienliebe betörte, oder auch den Banjo-Berserker Brandon Seabrook, der als Gast von Mostly Other People Do The Killing sein Instrument unfolkloristisch verschmitzt umdefinierte.

Letztlich widerlegte jedes der Konzerte des Jubiläums-Jazzfestes auf seine Weise beiläufig die über die Jahre gewachsene Gläubigkeit an die Notwendigkeit von Konzepten. Denn trotz Themen und Vorgaben waren am Ende nur die einzelnen Künstler und nicht die übergeordneten Ideen von Bedeutung. Damit gelang es Bert Noglik, seinem britischen Nachfolger Richard Williams für die zweite Jahrhunderthälfte des Jazzfestes so viele Türen wie nur möglich zu öffnen. Denn wo keine Konzepte mehr vonnöten sind, hat der neue künstlerische Leiter von 2015 an alle Freiheiten der Welt, sich etwas wirklich Neues auszudenken.

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