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Der turbulente ‚Türke‘ aus Bollywood: David Hermann inszeniert Rossinis „Il turco in Italia“ in Amsterdam

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Die 1814 für die Scala in Mailand geschriebene Buffo „Il turco in Italia“ ist kein Werk zu Fragen der Ausländer-Integration. Das Libretto des jungen Felice Romani entwickelt eine ‚klassische’ Liebesintrige – allerdings mit interkulturellem Hintergrund. Sie spielt zu einem näher nicht bekannten Zeitpunkt in der Nähe von Neapel im Haus des nicht besonders virilen Don Geronio und dessen als „launen- und flatterhaft“ charakterisierter Ehefrau Fiorilla. Der Hausherr lässt sich – auch das ist zu einem Topos der Operngeschichte geworden – von einer Zigeunerin weissagen. Es ist Zaida, die Prinz Selim aus seinem balkanesisch-kaukasischen Serail verstieß aufgrund der üblen Nachrede anderer Haremsdamen und die nach Italien floh.

Während sie über ihr verlorenes Glück klagt, zerbricht sich der Dichter Prosdocimo den Kopf über ein neues Theaterstück und will sich von der malerischen Meeresuferlandschaft inspirieren lassen. Kaum ist Zaida, d.h. die melancholisch gestimmte Silvia de la Muela, dort mit ihrer Klage-Arie fertig, darf Bassa Selim auch schon auftreten und schlagartig für Fiorilla entflammen, wird aber zugleich von alter Sehnsucht zu Zaida gepackt. Die Dreiecksgeschichte nimmt ihren Lauf, bis Geronio seiner Fiorilla großmütig verzeiht. Sie hätte sich beinahe – auf Anraten des Dichters – entführen lassen. Selim aber bekommt gerade noch rechtzeitig durch die Intrige des Poeten, die verschleierte Zaida untergeschoben. So kommt die ethnisch strukturierte Welt wieder in die rechte alte Ordnung.

Eine schöne Ordentlichkeit ist es in Amsterdam: Olga Peretyatko, die vor sieben Jahren an der Neuköllner Oper in einer trashigen Inszenierung von Rossinis „Gelegenheit macht Liebe“ debütierte und die mittlerweise mit ihrem Nachtigallen-Sopran u.a. beim Rossini-Festival in Pesaro oder im Grand Théâtre de Provence begeisterte, bestreitet die Partie der zickigen Fiorilla hinreißend. An Jugendfrische und gutem Aussehen steht sie der Rivalin in nichts nach. Und wenn die beiden zum ersten Finale vor den Vorhang treten, um ihre Kräfte zu messen, dann „erzählen“ Martin Eidenbergers Videos, was in den Köpfen und Herzen der beiden Protagonistinnen „wirklich“ abgeht: der Projektor baut erst die Umrisse der Ladies auf und lässt dann die Strich-Arme ausgleiten, um zu zupfen und zu rupfen und an den Hals zu gehen und zu würgen – eben mit allen Comic-Mitteln zu schimpfen und zu kämpfen.

In dieser Oper hallt einer der nachhaltig wirkenden Schocks der frühen Neuzeit nach, als türkische Heere erst Konstantinopel eroberten, dann bis nach Wien vorrückten, beiläufig auch den Veneto plünderten und in Süditalien Otranto eroberten. Die italienischen Orienthandelsflotten waren fortgesetzt den Attacken der osmanischen Kriegsschiffe ausgesetzt. Der zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Italien wohl noch halbwegs präsente Schrecken wird aufgelöst in Erleichterung – mit dem Tenor: man müsse eben solche Eindringlinge nur richtig zu nehmen wissen. Im Laufe vieler Jahrzehnte hatte rokoköse Heiterkeit ihre Lockerungsübungen verabreicht und den alten Horror bewältigen helfen.

„Der Türke in Italien“ ist gleichsam das „Gesellenstück“ auf Gioacchino Rossinis Weg zur gesteigerten szenischen Burleske. Der zwanzigjährige Rossini und seine anonymen musikalischen Mitarbeiter entwickelten eine auf rasendes Parlando gestützte Sprachexzentrik, die dann im „Barbier von Sevilla“ erstmals zu einem anerkannten Meisterwerk führte. In Amsterdam wird jetzt vom Nederlands Philharmonisch Orkest unter der routiniert-umsichtigen Leitung von Carlo Rizzi schnörkellos und elegant intoniert, immer wieder hinreichend diskret und dann hervorbrechend mit elektrisierendem Brio. Renato Girolami erweist sich als grundsolider überfürsorglicher und allzu rücksichtsvoller Ehemann, der sich als Hausherr das Heft aus der Hand nehmen lässt. Wie fulminant sich Olga Peretjatko als seine sehr junge Gattin gegen ihn in Szene setzt, wurde bereits angedeutet. Diese Sopranistin ist vom Scheitel bis zur Sohle die glaubhafteste Verkörperung der für neue Erfahrungen offenen teilemanzipierten Frau, der ihr Mann und der auch noch aufkreuzende frühere Liebhaber so gut wie alles zutrauen, weil sie sich alles herausnimmt. Peretjatkos Melodiebögen wattieren das süße Gift, mit dem die lebenshungrige Fiorilla ihre Umwelt aufmischt, und ihre flotten Koloraturen erhöhen den zauberischen Reiz.

Christof Hetzer hat dem Regisseur David Hermann eine Bühnenarchitektur und Kostümierungen geschaffen, deren optische Anspielungen über die Aktualisierung in die Gegenwart hinaus eine konkrete Verortung am Originalschauplatz zulassen: Süditalien heute. Eine graffitibesprühte Villa aus einem vorigen, offensichtlich wohlhabenden Jahrhundert beherbergt Fiorilla und dominiert das Bühnenbild. Neben dieser Reminiszenz an bessere frühere Zeiten gestalten zwei ramponierte Sitzbänke, die Rückwand eines verkommenen Sportplatzes und der Eingang zu einer finsteren Garage sowie ein anarchisch verkabelter Strommast den Platz des Geschehens. Mit den ersten Einsätzen der Sänger beginnt eine Reklamewand zu leben – ebenso die Sprühkunst auf den Hauswänden (überhaupt funktioniert die Übertragung des Stücks aus seiner Ursprungsära zu Beginn des 19. Jahrhunderts so plausibel, weil Bühneninstallation und Video-Effekte so sinnfällig ineinandergreifen).

Der Plakatwerbung für den Bollywood-Film „The Son of the Sheik“ entsteigt Alex Esposito. Blendend sieht er aus und mit sympathischer (wenn nicht verführerischer) Bass-Stimme mischt er sich ins Gefüge der Begehrlichkeiten von Neapels Frauenwelt. Mit einer Mischung aus Zögerlichkeit und Leichtfertigkeit überlässt Selim das Gesetz des Handelns auf dem Feld des interkulturellen Liebeskampfs den Frauen. Die Inszenierung bleibt dem Situationswitz auf der Parkbank wie auf Fiorillas Balkon wenig schuldig. Auch einige operngeschichtliche Anspielungen fördern die Kurzweil bei der eigentlich nicht sonderlich erregenden Story vom Mann zwischen zwei Frauen. Dass Don Geronio nach der finalen Hasch-Party seiner Fiorilla großmütig verzeiht, erscheint als gattungsspezifisch und dennoch als verständlicher humanitärer Akt. Dass es für ihn auch künftig zuhause nicht gemütlicher werden dürfte – Schwamm drüber. Die größte Gefahr für die Ruhe des Hausherrn scheint mit der Abreise von Türke und Zigeunerin fürs erste gebannt.

Ganz konsequent erscheint, dass zum musikalisch nochmals überschäumenden Finale die Bühne sich leert. Der Dichter, Vito Priante mit grundsolidem Bass, bleibt allein zurück, als wäre er der von „Hoffmanns Erzählungen“. David Hermann hat das ja auch von so viel unerfüllten Hoffnungen durchzogene Dramma buffo aus seiner Perspektive erzählt und deutlich hervorgehoben, dass für ihn das Leben und das mit der Liebe nicht gut lief.

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