Der Welt abhanden gekommen


(nmz) -
Die Uraufführung von Johannes Kalitzkes Oper „Pym“ in Heidelberg hat Frieder Reininghaus miterlebt und er erklärt, wie technische Pannen durchaus zu Regietricks werden können. Die Compagnie habe sich übrigens einen weiteren Preis verdient, so unser Autor.
19.02.2016 - Von Frieder Reininghaus

Zu den Kennzeichen der Abenteuerromane im 19. Jahrhundert gehöre, so resümierte ihr prominenter Experte Volker Klotz 1979, „dass sie ihre besondere Spannung aus der Unstimmigkeit zwischen bürgerlichem Alltag und exotischem Abenteuer“ beziehen, „indem sie, großenteils, das abenteuerliche Geschehen heranholen in die zeitliche und räumliche Gegenwart ihrer Leser“. Edgar Alan Poes „Narrative of Arthur Gordon Pym“, publiziert 1838, hat die Form einer ausgedehnten Novelle in 26 Kapiteln gefunden.

Zum Zeitpunkt der Entstehung erfüllte der Text alle Kriterien eines auf Spannung und prickelnde Unterhaltung angelegten Romans: Beschreibung der Freuden und viel mehr noch der Unwägbarkeiten, Überraschungen und Leiden einer stürmischen Hochseereise, Innenansichten vom Versteck eines Blinden Passagiers, Meuterei auf der Grampus, Orkanschäden und Havarie, Kannibalismus, enttäuschte Hoffnungen und glückliche Rettung. Die aber erweist sich nur als vorübergehend. Die Ausfahrt geht mit der Jane Guy weiter – erst zu einer Insel mit heimtückischen „Wilden“, denen nur zwei entkommen können. Schließlich im Kanu in noch unerforschte Meeresregionen am andern Ende der Welt. Der kommt der Held, indem eine weiße Figur ihn ins ewige Weiß aufnimmt, für immer abhanden. Die Musik, zuvor auf vielfältige Weise turbulent, deftig, expressiv aufgewühlt, beruhigt sich – und mit ihr die Bewegungsintensität der Kresnikschen Tänzer-Truppe.

Die absolviert ein immenses Pensum der unterschiedlichsten Anforderungen – nackt und in den unterschiedlichsten, allemal rasch übergeworfenen Kostümen von Erika Landertinger. Die verweisen signifikanter als die unter Segeltuch weitgehend als Aktionsraum frei gehaltene Bühne auf einzelne Kapitel der Abenteuererzählung. Sie skizzieren die jeweilige geographische oder sozialhistorische Verortung. Mit den Klamotten und Tätowierungen der Meuterer meldet sich eine Prise ‚Fluch der Karibik‘. Die „Wilden“ wurden im Wesentlichen naturbelassen und nur durch intensiv aschegetönte Hautcreme eingedunkelt, die Eiseskälte in weiße Laken gehüllt. Kresnik lässt die Tänzer springen und kriechen, ringen und Dämonen-Pirouetten drehen – allemal exzessiv, mit vollstem Körpereinsatz und bedeutsam deutend. Die Compagnie hat sich einen weiteren Preis verdient.

Die Todesängste des Helden entwickeln sich aus höchst unterschiedlichen Aggregatzuständen des Tonsatzes – je nachdem, ob sich der Reiseerzähler in einer Luke unter Deck lebendig begraben fühlt, ob er Windstärke zwölf und einer haushohen Killerwelle ins Auge sehen muss oder den qualvollen Folgen einer nicht enden wollenden Flaute, der ausbleibenden Seenotrettung oder dem mörderischen Treiben der Aborigines.

Der smarte Counter Kangmin Justin Kim wirkt auf den ersten Blick zwar nicht wie ein abenteuerreiselustiger Yankee des 19. Jahrhunderts. Aber er schöpft das Areal der Befürchtungen und des Besorgtseins so überzeugend aus wie die Untertöne des Hysterischen im Angesicht der Schrecken oder das Ringen um menschliche Zuwendung durch den Freund Augustus. Dem verschafft Ipča Ramanović ein so markantes wie sympathisches Stimm-Profil. Überhaupt setzt sich das neunköpfige Solisten-Team nur aus Männern zusammen – die weibliche Komponente ist mit der Sopranistin Rinnat Morriah und Elisabeth Auerbach (Alt) lediglich in einem Stimmen-Quartett präsent, das von seitwärts links Lyrik-Fragmente von Fernando Pessoa und Engel-Sentenzen von Walter Benjamin beisteuert.

Die elektronisch-virtuellen Herausforderungen der Meeresströme und -strudel, des kulturellen Gaps zwischen Erster und Vierter Welt oder der Eissphinx spielten dem Premierenabend einen kleinen Streich. Eine Viertelstunde nach Beginn der Vorstellung kam diese zum Erliegen: Als wäre das Geisterschiff zu früh aufgekreuzt, verabschiedete sich das Computer-Programm für die aufwändigen (und durchaus substantiell zur Partitur gehörenden) Zuspielungen. Es musste abgebrochen und, nach Reset, von vorn begonnen werden. Dadurch lernte man aber die Arbeitsweise des Hauptdarstellers Kangmin Justin Kim genauer kennen und lieben. Die technische Panne wirkte wie ein klug kalkulierter Regie-Gag, durch den sich die OperngeherInnen besser einlesen und einhören können in die entrückten und – durch das Libretto von Christoph Klimke mit der Pessoa-Verlängerung und der süßsauren Benjamin-Würze – kunstgewerblich verschachtelten Kopf- und Fuß-Welten von Koe und Palitzke, Kym und Pressnik.

Der junge Dirigent Elias Grandy bestand die Feuerprobe (in diesem Fall müsste es wohl heißen: Äquatortaufe). Er erwies sich als „Kompass im Ungewissen“, steuerte mit sicherer Gewissheit durch die erste komplexe neue Partitur seiner Laufbahn. Er brachte die Suppenkessel der Kombüse Kalitzke zum Brodeln, tarierte den Raumklang aus und gestaltete, soweit sich das nach dem ersten Höreindruck behaupten lässt, die Momente des In-sich-Zusammensinkens und der Erstarrung des Tons plausibel.

In Heidelberg wurde ein Werk promoviert, das weit mehr ist als eine Literaturoper herkömmlicher Machart: Durch die Reduktion der kostümfilmreifen Handlung auf die Lebens- und Sterbens-Probleme des Mr. Pym wurde ein plausibler Zugang gefunden zu einem Bühnenwerk, in dem sich die Choreographie der geschundenen Körper zumindest gleichberechtigt zu den Dimensionen der Stimmen behauptet.

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