Geopferte weibliche Erlöserfigur: Kreneks „Dunkle Wasser“ im Konzerthaus Berlin
Frei nach Hermann Melvilles „The Confidence Man“ schrieb der 1938 in die USA emigrierte Komponist das englischsprachige Libretto zu seinem Opus 125 selbst: Joe, der Inhaber eines Orangen-Fährboots, schmuggelt erstmals Diamanten. Von einer Brücke auf dem Kanal springt ein mysteriöses Mädchen auf den Kahn. Nacheinander verlieben sich Joe, dessen Frau Claire und dessen Sohn Phil in die Unbekannte. Aber das Mädchen stiehlt einen der Diamanten, und Joe bringt sie um. Doch die heiße Ware erweist sich als Attrappe, sie war nur Probestück, um Joe zu testen, und das tote Mädchen war möglicherweise die entflohene Tochter des Gangsterbosses. Auf jeden Fall war diese Fahrt die letzte in Joes Leben.
Fern aller Satire stattet Krenek die Personen seiner „Räuber- und Gendarmengeschichte“ (Krenek) mit Leitmotiven aus, die sich handlungsgemäß wandeln, wie das eröffnende Barcarole-Thema. Marsch, Sarabande und ein rein gesprochener Dialog (Joes erstes Gespräch mit den Gangstern) sind ebenso integriert, wie sinnliche Duette. Das namenlose Mädchen, eine Erfindung des Dichterkomponisten Krenek, erweist sich als das eigentliche Mysterium dieser Oper und spannt dabei musikalisch den Bogen von Wagners „Tristan“ über Zemlinskys „Seejungfrau“ und Schrekers „Christophorus“ zur Übersinnlichkeit in Brittens „The Turn of the Screw“. Bei der deutschen Erstaufführung – anlässlich der Ferienkurse für Neue Musik 1954, in Darmstadt (drei Jahre nach der stark gekürzten Uraufführung in Los Angeles) – musste eine derartige Rollenkonzeption besonders fremd wirken.
Dirigent Titus Engel lässt die stilistische Vielfalt mit dem hoch situierten modern art ensemble aufkochen, den musikalischen Kahn dabei auch mal schlingern, aber nie auflaufen. Regisseur Misha Aster, und Autor des Buches “Das Reichsorchester – Die Berliner Philharmoniker und der Nationalsozialismus“ verzichtet glücklicherweise auf die vom Komponisten für ein nicht realisiertes NBC-Projekt vorgeschlagene filmische Auflösung der Szenen. In Mirella Weingartens Ausstattung sitzen die Zuschauer auf beiden Seiten des Flusses im quer bespielten Hans-Otto-Saal des Konzerthauses: Das Wasserbett selbst ist die Spielfläche für die Bootsleute, die Gangster (Sascha Borris, Ben Schnitzer) und der Offizier (Lars Grünwoldt) bewegen sich am Rande dieser Wasserstraße oder überqueren sie über Flusssteine, die von Joe (ausdrucksstark und kraftvoll: Nicholas Isherwood) und seinem Sohn Phil (Patrick Vogel, mit lyrischem Belcanto) immer wieder neu angeordnet werden. Und der gestohlene Diamant erweist sich als ein schmelzender Eiswürfel. Erdung und Gegenpol zum Mädchen (ätherisch: Olivia Stahn) schafft Joes Ehefrau Claire (Regina Jacobi).
Die von Vater und Sohn im Mordakt gleichermaßen missbrauchte weibliche Erlöserfigur, Projektionsfläche aller männlichen und weiblichen Sehnsüchte, bleibt jedoch als Tote nicht im Flussbett liegen, sondern wandelt an den Ausgangspunkt des Flusses, in die Arme dreier Geistesverwandter. Als besonderen Coup hatte die Inszenierung der pausenlosen Aufführung von Kreneks Einakter nämlich die szenische Interpretation von Franz Schuberts D 714 vorangestellt, den „Gesang der Geister über den Wassern“, für acht Männerstimmen, zwei Violen, zwei Violoncelli und Kontrabässe. Die Goethe-Vertonung des von Krenek u. a. in einer Monographie hoch verehrten Schubert hievt die mysteriös-sinnliche Oper gleich zu Beginn, mit acht durch das Wasser watenden Männerstimmen, in eine übersinnliche Dimension.
Das Premierenpublikum folgte der (durch deutsche Übertitel unterstützten) erstklassig interpretierten Aufführung mit Spannung und dankte den allen Beteiligten mit einhelligem Jubel.
Weitere Aufführungen: 26., 27. und 28. Februar 2010
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