Gescheiterte Nationaloper – Gelungener „Freischütz“ in Hannover [Nachtrag, 16.12.]


(nmz) -
Kay Voges bietet eine bedenkenswerte Reflexion über Carla Maria von Webers „Der Freischütz“ in Hannover. Ute Schalz-Laurenze war dabei.
14.12.2015 - Von Ute Schalz-Laurenze

„Mir reichts!“ brüllt Max in Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ an einer Stelle. „Mir auch!“ kontert einer im Publikum, dem ein späteres „Aufhören!“ folgt. Der kurze, aber erregte Schlussbeifall zerfiel in Buhs und Bravos, wobei die letzteren überwogen. Nachdem der Regisseur Kay Voges 2013 seine erste Oper „Tannhäuser“ in Dortmund mit Videobildern geradezu überflutete, war die Spannung auf seine jetzige Auseinandersetzung mit der 1821 uraufgeführten „romantischen Oper “ – so der Untertitel – in Hannover riesig.

Natürlich gibt’s das längst nicht mehr: das Försterhaus, die Gemütlichkeit von Trachtenjanker und Jägerkranz, von Jungfernkranz und romantischem Wald. Große Regisseure haben in dem Stück, das Richard Wagner so liebte, u.a. den Vorabend des Faschismus erkannt. So auch Sebastian Baumgarten vor zwei Jahren in Bremen. Voges treibt die politische Dimension noch einen krassen Schritt bis in die Gegenwart weiter. Eine deutsche Nationaloper wollten Weber und sein Librettist Friedrich Kind schreiben – gegen den dominierenden französischen und italienischen Geschmack –, aber die Heterogenität der Partitur provoziert Voges zu der These, dass das gar nicht gelingen und nur zur „nationalistischen Fratze“ (Voges) verkommen kann.

Dafür erfindet er fast ein neues Stück, das „Samiel“ heißen müsste: Samiel ist die Hauptfigur, er – das alter Ego von Carl Maria von Weber und Friedrich Kind – will die Nationaloper gründen, dabei kann er, nachdem er eine Ausstellung mit Porträts von Wagner, Weber, Nietzsche, Beuys, den Brüdern Grimm und vielen anderen gesehen hat, das Wort „national“ anfangs gar nicht aussprechen. Er hat alle Fäden in der Hand. Mit Knollennase, übergroßen Ohren, dicken Wurstfingern und einer schwarz-rot-goldenen Mütze ordnet er alle Szenen. Immer wieder erkennt er das Entstandene als gescheitert an: das ist dann zu sehen in überdimensionalen Videoprojektionen. Gespielt wird diese tragische Figur, die nicht nur böse, sondern auch bemitleidenswert ist, von Eva Verena Müller, die über ein schier unerschöpfliches Ausdruckspotential verfügt und am Ende auch den größten Beifall erhielt.

Die Sicht des allgegenwärtigen Samiel, der ja im Original nur wenige Sätze hat, überlagert die Musik mit einer sie erschlagenden Menge von Videos, die virtuos montiert sind (Voxi Bärenklau), aber viel zu viel, und auch nervtötend didaktisch. Voges lässt nichts aus an Assoziationen, von Schneewittchen und den sieben Zwergen, von den Nazis bis zu Pegida, bis zu den Flüchtlingsströmen und Beate Zschäpe. Im zweiten Teil kippt die Aufführung als ein toller Kunstgriff in die Karikatur und gibt großzügig Anlass zum Lachen. Da kann Samiel sortieren, wie er will, es klappt nichts mehr. Den Rauschebart-Eremiten mit seinen nichtssagenden versöhnlichen Worten holt er als „Deus ex machina“ aus dem Hintergrund hervor. Da kann man nur noch Jägermeister in sich hineinlaufen lassen wie Kuno und Ottokar es auch tun.

Auch musikalisch war das ein großer Abend: profiliert spielte das Niedersächsische Staatsorchester unter der Leitung von Karen Kamensek die so verschiedene Musik von den bedrohlichen Momenten bis zur Volksmusik und den Kirchengesängen, alles war sehr präzise ausgeleuchtet. Die Besetzung ist sängerisch eine Klasse für sich, auch wenn die Sänger wegen der maßlosen Videoprojektionen gar keine Charaktere entwickeln konnten: Eric Laporte als tumber, stimmstarker Max, Dorothea Marx als berückende Agathe, Anja Vegry als quirliges , etwas intonationsgefährdetes Ännchen. Tobias Schabel als Samiel höriger Caspar und Michael Dries als spießiger Erbförster setzten weitere Akzente in dieser explosiv ambitionierten Aufführung, die einmal mehr deutlich macht, wie aktuell Musiktheater sein kann und auch sein muss.

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