Haarige Sensation – Lebendige Geschichte in München


(nmz) -
Statiker müssen wohl die Münchner Reithalle prüfen, denn da beulten die Seitenwände aus und das Dach hob sich – so toste der Jubelsturm am Ende los… Die „Hair“-Produktion des Münchner Gärtnerplatztheaters wird zum umtobten Erfolg mit bedenkenswerten Zügen. Wolf-Dieter Peter war beeindruckt.
26.02.2016 - Von Wolf-Dieter Peter

Als wären eben „Walküre 1.Akt“ und das „Meistersinger“-Finale aufeinandergetürmt worden, jubelte das Premierenpublikum, erhob sich nach wenigen Sekunden geschlossen zur „standing ovation“ über zwei Zugaben hinweg, feierte in der hübschesten Applausordnung der letzten Jahre ein 26-köpfiges Ensemble, dessen Power schon nach der ersten Minute in Bann geschlagen hatte – und ließ sich überrascht und animiert von den Darstellern auf die Spielfläche ziehen, um noch ein wenig mit zu grooven und zu tanzen. Der Elan der 68er-Alternativen wogte durch den Raum und macht den Theaterbesuch im Londoner Westend überflüssig…

Das war im Oktober 1968, bei der europäischen und deutschen Erstaufführung im Münchner Theater an der Brienner Straße (dem heutigen Noch-Volkstheater) ganz anders: Fackelträger in Livree am Eingang, Münchens Bussi-Schickeria, dann die vorweg skandalisierte Nackt-Szene, Einschreiten des Ordnungsamtes: Streichung von „Unanständigem“, Verbot von Szenen, weil „unzüchtig“ oder „laufen den Sitten zuwider“ – und dann erst weitere Aufführungen.

„Hair“ hat schon damals mit seiner gezielten Anti-Dramaturgie die als heutige Innovation gehypte „Postdramaturgie“ und „Dekonstruktion“ locker vorgeführt. Doch was 1968 ff. ein ostentatives Theater-Happening, das provokante „Sich-Selber-Spielen“ einer Aufbruchsgeneration war, würde heute anachronistisch wirken. Deshalb ist dem Bearbeiter-Regisseur Gil Mehmert das große Kompliment zu machen, dass er ohne Nostalgie zu einer Zeitreise einlädt: Zwei ältere Herrschaften lugen hinter der Sackleinwand des Podiums hervor, rufen nach ihren Kindern von Einst und erleben ein – von Mehmert durch kleine Brückentexte überzeugend gebautes - clip-artiges Stationen-Drama eines „Hippie-Tribes“ (Extra-Bravo für Anführer „Burger“ von Dominik Hees). Hasch-durchwaberte Freiheitsutopie („I got love“), miefig erstarrtes Middleclass-Establishment, polysexuelle Experimente, Flower-Power-Träume, schwarze Bürgerrechtsbewegung gegen Ku-Klux-Klan, esoterische Ausstiegsideale, Motown-Music samt „Supremes“ - und durchweg die Vietnam-Blutorgie der Johnson-Kissinger-Nixon-Politmafia („Easy to be cruel“) – all das lässt Mehmert als rasanten szenischen Rausch in Dagmar Morells fabulösem Kostüm-Plunder heranfluten.

Melissa King hat das staunenswert differenzierte Ensemble zu einer fulminanten Ganz-Körper-Choreographie animiert, die Hochleistungspower verströmt – bis hin zum  „Be-turn-tanzen“ der zwei beweglichen Woodstock-Lichttürme von Meister-Bühnenbildner Jens Kilian. Der lässt unter dem Podium zauberhaft Haschfelder herausfahren und wachsen, durch die das traumhafte Girlie Sheila (hinreißend Bettina Mönch) auf einem unechten Pegasus reitet. Zum Einberufungsbefehl für den Zweifler Claude (Extra-Bravo für das Energie-Paket David Jacobs) verhüllt eine US-Fahne Podium und Band, während Jimi Hendrix als Schattenriss seine legendäre Woodstock-Neudeutung der US-Hymne dröhnt. Doch das Donnern von Vietnam-Hubschraubern übertönt alles und das im Jeep hereinrauschende Establishment im Look von Liz Taylor, Jackie Kennedy, Andy Warhol verfrachtet letztlich Claude nach Vietnam, wo er fällt.

In diese Entzauberung des „American Dream“ hat Mehmert eine ironische Bürgerkriegsparallele mit „Scarlett & Ashley“ aus „Vom Winde verweht“ eingebaut und lässt Abe Lincoln durch Szene staksen. Ganz stark die Skandal-Szene: Hinter dem Protest-Spruchband „NOT ONE MORE DEAD!“ ziehen sich die Hippies nackt aus und stehen so „schutzlos bloß“ der aufmarschierenden Polizei mit ihren Plastikschilden samt Knüppeln gegenüber – für den mitdenkenden Zuschauer war da die Situation aller Unangepassten und Andersdenkenden weltweit über den Nahen Osten, die Türkei bis ins nahe Ungarn oder Polen visualisiert. Dazu lieferte Dirigent Jeff Frohner in ironischer „Master“-Uniform am Keyboard mit einer neunköpfigen Band einen fetzig wummernden Sound. Doch über das betörend feine Posaunen-Solo von Ulrich Käthner hinaus gelangen auch die leisen Nummern wie „Where do I go“, Sheilas „I believe in love“ oder der sanfte Beginn von „Good Morning Starshine“.

Dieser über „A dying Nation“ hinausführende Zug gipfelte in einer theatralisch unvergesslichen Szene: Das Ensemble ließ als Vietnam-Tote alle Stahlhelme mit Claudes aufgepflanztem Gewehr samt Helm in der Mitte zurück – und in einem der stupend schnellen Kostümwechsel rauschten dann alle als Hippies mit „Flower-Power“ herein und wandelten pflanzend „Helme zu Blumentöpfen“. Diese bittere Diskrepanz unserer Welt zu „Let the sunshine in“ nahm man mit – wie sie Carl Friedrich von Weizsäcker schon in den 1980er Jahren formuliert hatte: „Das Schlimmste ist, dass wir auch die Hoffnung des Protests enttäuscht haben“. Wenn ein Werk von 1967/68 dies über fünfzig Jahre später wachruft, dann wird es zu Recht als Klassiker gefeiert.

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