Herrenabende: Passport, Return To Forever und BB King beim Münchner Tollwood Sommerfestival
So brachte der Saxofonist Klaus Doldinger, der im Mai seinen 75.Geburtstag gefeiert hatte, mit zwei verschiedenen Besetzungen seiner Formation „Passport“ reichlich heimische Musikgeschichte auf die Bühne. Und als wenn noch der Beweis hätte geführt werden müssen, präsentierte sich die Originalbesetzung mit dem Bassisten Wolfgang Schmid, dem Keyboarder Kristian Schultze und dem Drummer Curt Cress als fröhliche Freak-Gemeinschaft aus der glorreichen Ära des Jazzrocks, die die alten Tugenden von Spontaneität, Humor dun Wagemut hochhielt. Das knackte und donnerte, von „Jadoo“ bis „Schirokko“, noch immer wunderbar bis verschroben virtuos. Von seinen früheren Weggefährten wurde der Jubilar herausgefordert und lief zu einer Form auf, die er zwar im zweiten Teil des Konzerts behielt, die aber von den jungen Musikern von Passport Today eher begleitet, als kommentiert und in Frage gestellt wurde. Denn das war der klare und hörbare Unterschied: Die Passport-Pioniere waren wilde Kerle, die Fusion-Enkel freundliche Könner, die ihren Chef umrahmen.
Am folgenden Abend war ein amerikanisches Pendant zu Passport beim Tollwood zu Gast. Return To Forever gab sich die Ehre, eine der letzen All-Star-Bands des US-Jazzrocks in der inzwischen vierten Besetzung. Mit dabei waren Donnertrommler Lenny White, der Understatement-König der Gitarristen-Zunft Frank Gambale, der geläuterte Saitenprotz Stanley Clarke am Bass, ein sehr ernster Jean-Luc Ponty mit seiner Geige und Bandleader Chick Corea, seines Zeichens im Juni 70 Jahre alt geworden. Auf dem Programm stand der Sound von damals im Gewand von heute und das Quintett der Alleskönner führte ihn mit einer Lässigkeit vor, die die meisten Redundanzen vergessen ließ. Das ganze Konzerte hatte diesen Flow des Souveränen, den Musiker an der Tag legen können, die sich nicht mehr beweisen müssen. Die Zusammenarbeit war brillant, der Sound ebenfalls für Zeltverhältnisse erfreulich transparent. Die Arrangements neigen zu medleyhaftem Verschmelzen der Motive, die Improvisationen wirkten makellos, manchmal ein wenig gönnerhaft. Das war Amerika, wie man es kannte, betörend lässig und selbstbewusst mit dem Blick auf die eigene geleistete Musikgeschichte.
Der Älteste im Bunde des Konzert-Triptychons war schließlich BB King. Mit 85 Jahren machte er sich in diesem Sommer noch einmal auf den Weg, nachdem er bereits mit einer offiziellen Farewell-Tournee zum Achtzigsten weltweit von der Bühne Abschied genommen hatte. In seinem Fall wäre es womöglich besser gewesen, er hätte es dabei belassen. Denn beim Tollwood hatte der alte Herr spürbar Schwierigkeiten, die Kräfte seiner Band noch auf sich zu konzentrieren. Viel Zeit verbrachte er damit, Gitarrenpics ins Publikum zu werfen oder zu plaudern und zu betonen, wie glücklich er doch sei, immer noch auf der Bühne stehen zu dürfen. Sehr viel weniger Raum gestand er seinem Gesang zu, dem inzwischen das Volumen, die Präsenz und emotionale Präzision von einst fehlte. Und enttäuschend selten griff er zu Lucille, um den Blues zu verkünden und überließ vielmehr seiner mäßig spritzigen Band das Feld. Natürlich ist BB King eine Legende, unbenommen auch seine Rolle als Inspirator, Innovator und Integrator sowohl auf dem Feld der Musik wie auf dem der amerikanischen Kulturgeschichte. Solange er in die Saiten griff, war er auch groß und ganz bei sich. Der Rest des Abends aber mündete in amerikanischen Showzirkus, der nicht wirklich verbarg, dass der Generationenwechsel längst stattgefunden hat.
Konzerttipp:
Noch einmal Blues & Roots am Tollwood Sommerfestival: Am Dienstag, 12. Juli macht von 19 Uhr an Gregg Allman mit Band und Gästen in der Gehrlicher Musik-Arena Station.
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