Kanonisch aufs Eis – Kurt Weills Wintermärchen „Der Silbersee“ in Augsburg
Kaisers politisches Zeitstück erzählt von einer Gruppe Arbeitsloser. Bei einem Überfall auf ein Warenhaus stiehlt einer von ihnen, Severin, nur eine Ananas. Der Landjäger Olim schießt auf ihn. Durch einen Lottogewinn zu Reichtum gekommen, quittiert er seinen Dienst, erwirbt ein Schloss und sorgt sich ausschließlich um Severin, ohne ihm jedoch seine Tat zu enthüllen. Frau von Luber, seine Wirtschafterin und die frühere Besitzerin des Schlosses, hetzt die beiden Männer gegeneinander auf und gelangt durch List wieder an das Schloss. In Flucht vor der Justiz wollen sich die beiden zu Freunden gewordenen Männer im Silbersee ertränken, aber mitten im Sommer friert der See plötzlich zu. Wie von Fennimore, der mysteriösen Nichte der Frau von Luber geweissagt, trägt sie der See zu neuen Ufern: „Wer weiter muss, den trägt der Silbersee“. Aufgrund des utopischen Endes führt das Werk den Gattungsuntertitel „Ein Wintermärchen“, – natürlich auch mit Bezug auf Heinrich Heines „Deutschland. Ein Wintermärchen“.
Kaiser/Weills Handlung aus Zeitstück, Revue und Phantastik schreit nach einer Plakativität und Groteske à la George Grosz; auf heutige Verhältnisse ist das Märchen – trotz neuer Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise – nur schwer übertragbar. Das Inszenierungsteam in Augsburg (Regisseur Manfred Weiß, die Bühnenbildner Timo Dentler und Okarina Peter) entschieden sich für eine eher puristische Herangehensweise, die das aus der Versenkung auftauchende Orchester vor der monochrom beleuchteten Operafolie in den Mittelpunkt rückt. Die gesamte Bühne ist mit einem die Akustik fördernden, metallischen Plafond überspannt, der sich auch als Spiegel des Silbersees deuten lässt, aber nicht den Verzicht auf elektroakustische Verstärkung ermöglicht.
Häufige Fahrten des Plafonds und der Versenkungswagen gerieren mit nur wenigen Requisiten die Veränderungen der jeweiligen Schauplätze, und auch der vom Orchester nicht benötigte Graben dient als Spielort; der kanonisch geführte, epische Schlusschor erklingt aus dem zweiten Rang. Die Kostüme (Birgitta Lohrer-Horres) bemühen sich um Überzeitlichkeit. Der die Innenwelt des Olim charakterisierende Chor trägt reflektierendes Outfit. Nur in einer Szene treten Kostümständer anstelle der das Schloss signalisierenden Ritterrüstungen und sind dann mit Uniformen und Hakenkreuz gewandet.
Die Vermischung der Darsteller aus beiden Sparten gelingt in Augsburg vorbildlich, etwa mit den revuehaft singenden und tänzerisch agierenden Aktricen Philippine Pachl und Karoline Reinke als Verkäuferinnen, sowie der auch in reinen Schauspiel-Szenen überzeugenden Mezzosopranistin Kerstin Descher als Frau von Luber. Den Hauptpart des Olim verkörpert wendig und im besten Sinne musikalisch, gleichwohl ohne einen Ton zu singen, der Schauspieler Martin Herrmann, während der Tenor Michael Suttner die nötige Grätsche zwischen Chanson und hochdramatischer Arie beachtlich meistert. Vergleichsweise unklar blieb hingegen die Fennimore von Stephanie Hampl, trotz schön gesungener Cäsar-Ballade.
Rundum zu überzeugen vermag das Sinfonieorchester: Dirigent Kevin John Edusei gestaltet präzise und plastisch, balladesk und melodramatisch, mit beschwingten Tänzen und explosiver Dramatik jenseits des Zeitstücks. Langanhaltender Applaus offenbart die heutige Akzeptanz seitens des Premierenpublikums für das bei der Uraufführung nur verkürzt erklungene und dann im Kampf der politischen Meinungen niedergebrüllte „Zwischengattungsstück“.
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