Klage gegen „Schildbürgerstreich“: Der Architekt des Dresdner Kulturpalastes Wolfgang Hänsch im Gespräch


(nmz) -
Kann er den geplanten Umbau des Dresdner Kulturpalasts noch verhindern? Wolfgang Hänsch, als Architekt der geistige Urheber des 1969 fertiggestellten und inzwischen unter Denkmalschutz stehenden Ensembles, hat jetzt eine Klage gegen die Stadt Dresden eingereicht, um den mit einer „unzulässigen Entstellung“ des Gebäudes verbundenen Umbau – vorgesehen ist die Entkernung und der Einbau eines komplett neuen Konzertsaals – gerichtlich untersagen zu lassen. Im nmz-Online-Interview begründet der 81-Jährige seine Haltung.
12.11.2010 - Von Michael Ernst, Wolfgang Hänsch

Wogegen genau wollen Sie klagen und was versprechen Sie sich davon?

Wolfgang Hänsch: Die Klage geht gegen das aus meiner Sicht sehr fragwürdige Unternehmen, einen funktionsfähigen Mehrzwecksaal zu zerstören, um an dieser Stelle einen Konzertsaal einzubauen. Das empfinde ich als frevelhaft, sowas macht man einfach nicht. Zudem geht es ums Urheberrecht. Man hat diesen Umbau vorbereitet, ohne mich und die anderen Autoren einzubeziehen.
Ich habe Entwürfe vorgelegt, um den jetzigen Mehrzwecksaal, wo es Bedenken zur Raumakustik gibt, akustisch zu verbessern. Bereits 2005 habe ich eine Machbarkeitsstudie erstellt und zusammen mit Raumakustikern bewiesen, dass man die akustisch am Saal kritisierten Dinge durch relativ einfache Maßnahmen verbessern kann. Alle Kritikpunkte der Philharmonie und von Teilen des Publikums wären behebbar gewesen.

Sie müssen sich fragen lassen, wieso die Klage erst jetzt kommt?

Die Frage ist berechtigt. Wir hatten immer noch angenommen, dass sich die Stadt eines Besseren besinnt. Sicher kommt die Klage sehr spät, aber das Maß ist jetzt voll. Meine Sorge ist auch damit verbunden, dass mit der geplanten Änderung eine unzulässige Entstellung verbunden ist und die Syntax, die Gesamtmelodie der funktionellen und gestalterischem Seite des Kulturpalastes verletzt wird. Das Problem vor Gericht könnte sein, den Punkt der Entstellung fachlich nicht zu verstehen. Denn die Entwürfe des neuen Saals sind für sich genommen nicht schlecht, stimmen melodisch aber nicht mit dem Kulturpalast überein.

Sind die Beschlüsse überhaupt noch anfechtbar?

Schon vor dem Beschluss von 2008 hätte man mal über den Tellerrand schauen sollen, um die Belange von Philharmonie und Staatskapelle mit einzubeziehen. Dass unser Gedanke eines neuen Konzerthauses überhaupt keine Rolle gespielt hat, ist mehr als schade. Visionäres geht der Stadt völlig ab. Wenn wir sehen, was andere Städte da leisten, der riesige Erfolg des Konzerthauses Luzern etwa, kann einen das engstirnige Denken in Dresden furchtbar aufregen.

Spielen neben dem Urheberrecht auch Kostenfragen eine Rolle?

Auf jeden Fall wird der Umbau in der jetzt geplanten Form, dem ja noch ein Ausbau der Messe folgen muss, weil da künftig die bislang im Kulturpalast populären Großveranstaltungen stattfinden sollen, viel teurer. Ich denke, dass da vieles schöngerechnet wurde. Wir hatten unsere Variante mit Hilfe von Experten durchgerechnet und ich bin überzeugt, dass ein neues Konzerthaus für Dresden, egal an welcher Stelle, insgesamt kostengünstiger käme. Die Leichte Muse hat ja auch ihre Ansprüche, dafür ist auf dem Messegelände derzeit noch nichts vorhanden.

Unterscheidet der Denkmalschutz nicht zwischen Innen- und Außengestaltung?

Nein. Wenn ein Bauwerk unter Denkmalschutz steht, betrifft das die innere Organisation ebenso wie die äußere Hülle. Das ist ja das größte Problem: Wie kann man ein Haus unter Denkmalschutz stellen und dann erlauben, das Herzstück des Ganzen, den Saal, grundlegend zu verändern? Das ist eine Verletzung des Denkmalschutzes!

Wie bereit sind Sie, durch die Instanzen zu ziehen, wer unterstützt Sie dabei?

Das kostet alles Geld, der Ausgang ist völlig offen. Wir wissen ja, wie großartig diese Stadt im Aussitzen von Problemen ist. Aber so ein unverantwortlicher Schildbürgerstreich, der etwas Funktionstüchtiges zerstört, ist nicht hinzunehmen. Der Förderverein Stiftung Neues Konzerthaus unterstützt uns gegen die Kurzsichtigkeit der Stadt. Die Dresdner Philharmonie scheint ganz vergessen auf eine eigene Lösung, aber die Sächsische Staatskapelle ist auf unserer Seite und viele namhafte Musiker haben sich sehr positiv dazu geäußert. Nicht zu vergessen, dass Dresden damit endlich auch einen Kammermusiksaal bekäme, der diesen Namen verdient.

Interview mit Architekt Dr. Hänsch

Die Stadt Dresden hat die Zeichen der Zeit noch nicht erkannt. Sie agiert mit der Arroganz der Macht. Sie verteidigt einen Beschluss (Umbau des Kulturpalastes, Beschluss vom 03.07.2008), dem kein wirklicher Abwägungsprozess zugrunde lag und in dem die Bürger außen vor gelassen wurden. Schließlich erdreistet sich die Stadt in Reaktion auf das Hänsch-Interview ein fachliches Urteil, bei dem aber auch jedes Argument auf tönernen Füßen steht (s. DNN vom 11.11.10). Die Stadt scheint kulturpolitisch weitgehend inkompetent zu sein. Der Kämmerer ist es sicher. Der Volksmund sagt, er habe noch nie ein Theater von innen gesehen.
Es kommt nun auf die Dresdner Bürger an. Ich glaube, Stuttgart 21 ist auch in Dresden möglich.


Kulturpalast Dresden

Der Kampf von W. Hänsch um den Erhalt und die akustische
Verbesserung des Mehrzwecksaales im Kulturpalast ist berechtigt
und hoffentlich von Erfolg gekrönt. Die Teilnehmer einer Veran-
staltung am 27. Februar 2011 zu diesem Thema unterstützen sein Anliegen. Wir empfehlen dem Stadtrat eine sachbezogene
und bürgeroffene Diskussion mit kompetenten Personen.


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