„Königskinder“ – (k)ein Kindermärchen? – Premiere der Humperdinck-Oper in Dresden


(nmz) -
Engelbert Humperdinck ist mehr als nur „Hänsel und Gretel“. Die Semperoper wagt sich jetzt an seine „Königskinder“ heran. Regisseurin Jetske Mijnssen deutet diese Parabel als Zeitstück. Und die Staatskapelle zeigt, was Humperdinck von Wagner gelernt hat. Diese Oper musste nicht auch noch sein, oder? Ausgrenzung erlebt Dresden derzeit doch zur Genüge auf den Straßen und Plätzen in Form von Protest und Gegenprotest. Der Rest ignoriert den verbalen Schlagabtausch und stürmt die weihnachtlichen Warentische. Oder eben nicht.
22.12.2014 - Von Michael Ernst

Wer aber stattdessen in die Dresdner Semperoper geht, darf erfahren, dass Engelbert Humperdinck mehr ist als „Hänsel und Gretel“. Und sollte wissen, „Königskinder“ ist zwar eine Märchenoper, aber keine für kleine Kinder. Der einstige Wagner-Assistent hat das 1910 in New York uraufgeführte Stück auf ein Libretto von Elsa Bernstein geschrieben, die sich damals noch hinter einem männlichen Pseudonym verstecken musste. In der Sicht von Regisseurin Jetske Mijnssen fließen Handlung und Bernsteins Biografie quasi ineinander. Denn die jüdische Autorin (1866-1949) erlebte in ihren Münchner Jahren unmittelbar vor der Haustür die ersten Aufmärsche der Hitler-Truppen. Später wurde sie mit ihrer Schwester nach Theresienstadt verschleppt; Elsa Bernstein überlebte, die Schwester nicht.

In diese 1930er Jahre haben Jetske Mijnssen und ihr Ausstatter Christian Schmidt die „Königskinder“ also gesteckt und auch keinen Märchenwald auf die Bühne gezaubert, sondern das Entrée einer prachtvollen Villa, worin alle drei Aufzüge des Stücks spielen. Zunächst die Zweisamkeit von Hexe und Gänsemagd, die vor den Menschen bewahrt werden soll und sich um zauberhaft von Ballettschülerinnen und Kinderkomparserie dargestellten Gänsen, Tauben nebst einer Katze kümmern soll. Ein Königssohn auf Wanderschaft bringt Unruhe ins Gemüt des von Barbara Senator rührend an der Schwelle zur jungen Frau gespielten Mädchens.

Währenddessen ist in der fiktiven Hellastadt der König gestorben, die reiche Bürgerschaft wünscht sich einen neuen, der ihnen Glanz verleihen soll. Dazu werden Solisten, Chor und Kinderchor sowie reichlich Komparserie in die Villa und auf deren Freitreppe gedrängt – stete Bewegung täuscht über manch Langatmigkeit hinweg, ein paar Slapsticks sorgen zudem für Kurzweil. Nicht zu übersehen die Parteiabzeichen an mehreren Kragenaufschlägen. Wozu braucht diese Volksgemeinschaft einen König, sehnt sie sich sogar nach einem Führer?

Der Weissagung durch die Hexe zufolge soll der neue Herrscher mit Glockenschlag zwölf durchs Tor treten. Als da aber die Königskinder erscheinen, bettelarm und nur innerlich reich, werden sie verlacht und vertrieben. Ein Spielmann, der ihnen beistehen will, wird vom Mob zusammengeschlagen.

Für die Niederländerin Jetske Mijnssen ist königlich gleichbedeutend mit menschlich, das hat also mit Blaublut und Inzest überhaupt nichts zu tun. So verstanden können einem Königskinder tatsächlich ans Herz wachsen. Dem Premierenpublikum in der Semperoper, das nach deren Finale und einer kurzen Atempause überaus heftigen Beifall gab, ist es nicht anders gegangen. Diese Oper hat kein märchenhaftes Happy End, kein lieto fine, wie es sonst so gern vom Musiktheater gepflegt wird. Die „Königskinder“ enden tragisch. Bereits die Ouvertüre kündigt das an, indem sie nach spielerisch freudigem Auftakt ins Düsternis verheißende Moll schwenkt. Stärker noch tönt das Vorspiel zum dritten Aufzug vom tragischen Schluss dieser wahrlich nicht weihnachtlichen Märchenoper.

Gastdirigent Mihkel Kütson, der kurzfristig eingesprungen war und in diesem Haus unter anderem schon „Hänsel und Gretel“ dirigiert, ließ die Sächsische Staatskapelle zu einem farbreich nuancierten Humperdinck aufblühen, in dem eine Menge an leitmotivischer Wagner-Nähe deutlich wurde und doch das gewaltige Eigenpotential des einstigen Assistenten zu entdecken war. Interessant, wie deutlich manche Episoden auf der Bühne zu sehen und aus dem Graben zu hören waren.

Im dritten Bild ist die Pracht der Villa zerstört, aus dem Anwesen ist eine Ruine geworden. Der Schoß, aus dem das kroch …? Die Königskinder sind vertrieben, in Hunger und Elend gestürzt, die heile Welt der Gut-Bürger bricht hoffnungslos zusammen. Hoffnungslos? Gänsemagd und Schweinehirt werden ein letztes Mal gedemütigt und erhalten für die königliche Krone ein trockenes Brot. Diesem Bissen wohnt ein Zauber inne und das Paar liegt sterbend im Schnee.

Als endlich die Kinder der Stadt kommen, die den elterlichen Frevel wiedergutmachen wollen, ist es zu spät. Sie allein haben etwas begriffen und krönen diesen berührenden Abend mit einem Stück Hoffnung. Gezeichnet freilich sind sie auch.

Barbara Senator ging als Gänsemagd den schmalen Grat zwischen unschuldsvollem Mädchen und junger, begehrender Frau. Sie sang sich mit berührend klarem Sopran mühelos sowohl ins Herz des königlichen Weggefährten als auch in die des begeisterten Publikums. Tomislav Muzek als Königssohn gab sich sehr menschlich, kehrte nicht den tenoral strahlenden Helden hervor. Der Spielmann Christoph Pohls sowie dessen jugendlicher Gefährte, glockenrein gesungen von Kruzianer Georg Bartsch, waren neben dem Titelpaar die einzig positiven Figuren, was sie mit einer auch sanglich transportierten Menschlichkeit versahen, die große Sympathien weckte.

Adäquat waren auch die „bösen“ Partien besetzt und konnten stimmlich und darstellerisch voll überzeugen. Hexe Tichina Vaughn, Holzhacker Michael Eder, Besenbinder Tom Martinsen sowie Wirt Alexander Hajek und dessen beim Königssohn abgeblitzte Tochter Christina Bock lieferten ebenso gelungene Kabinettstückchen ab wie Rebecca Raffell als Stallmagd. Gerald Hupach als Schneider, Matthias Henneberg als im Rollstuhl geschobener Ratsältester sowie die Torwächter Pavol Kubán und Julian Arsenault waren weitere Mitglieder dieses durchweg leistungsstarken Solistenensembles. Staatsopernchor und Kinderchor des Hauses (Einstudierung Wolfram Tetzner bzw. Claudia Sebastian-Bertsch standen hinter dieser Gesamtleistung nicht zurück.

Großer Jubel galt nach dieser Premiere der Regisseurin Jetske Mijnssen und ihrem Ausstatter Christian Schmidt sowie dem zauberhafte Stimmungen schaffenden Lichtgestalter Fabio Antoci.

Diese Oper musste nicht sein? Doch, diese Oper musste unbedingt sein. Als Entdeckung eines raren Stücks, in ihrer künstlerischen Qualität und als aussagekräftiger Gegenpol zu den befremdlichen Straßenaufzügen im Dresden von heute.

  • Termine: 29.12.2014, 3., 11., 17., 25.1.2015

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