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Walter Braunfels. Foto: Archiv
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Konzertante Operninstallation: Braunfels' „Die Vögel“ im Konzerthaus Berlin

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Nachdem in der vorigen Spielzeit an der Deutschen Oper Berlin Walter Braunfels’ „Jeanne d'Arc – Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna“ aus den Jahren 1938 bis 1942 ihre späte, triumphale Uraufführung erlebt hat, wurde es durchaus Zeit, dass endlich auch Braunfels’ meist gespielte Oper „Die Vögel“, die in den vergangenen Jahren die internationale Renaissance dieses Komponisten angeführt hat, in Berlin zu erleben war.

Im Gegensatz zur sehr viel „moderneren“ Handschrift in den vorangehenden Partituren des 1882 geborenen Walter Braunfels, etwa der „Prinzessin Brambilla“, herrscht in dieser Partitur eine sehr romantische Tonsprache vor.
Die Handlung basiert auf Aristophanes’ gleichnamiger Komödie: angeleitet durch den Menschen Ratfreund entschließen sich die Vögel zum Bau einer Stadt.

Lothar Zagrosek, dem die epochale CD-Ersteinspielung der zweiaktigen Oper „Die Vögel“ – in der Reihe „Entartete Musik“ (Decca 448679-2) – zu verdanken ist, hat die 1920 in München von Bruno Walter uraufgeführte Partitur für Berliner Wiederaufführung gekürzt (etwa um das mit einer Hochzeit gekrönte Fest der errichteten Stadt) und auf dabei auch die Solorollen deutlich reduziert.

Der Chef des Konzerthaus-Orchesters überzeugt auch „live“ als mitreißender Sachwalter dieser vielschichtig schimmernden Musik, deren Stärken bei Zagrosek allerdings mehr im kriegerischen Aspekt des Kampfes der Vögel gegen die Götter liegen als in den lyrischen Passagen. So zählen hier zu den musikalischen Höhepunkten weniger die Szenen der Nachtigall als das Ensemble-Fugato der politischen Konsequenzen im zweiten Akt. Die Erstaufführung im Konzerthaus am Gendarmenmarkt wurde beworben als „konzertante Operninstallation“, eine besondere Form der halbszenischen Aufführung, die mit filmischen Projektionen an die Praxis der Zwanzigerjahre von begleitetem Stummfilm und Filmoper anknüpfen wollte, – allerdings ohne eine „narrative Bindung an Bild- oder Textebene“, wie die Regisseurin Sabrina Hölzer im Programmheft deklariert.

Tatsächlich wurden auf einem elliptischen Screen über dem Orchester animierte, zumeist schwarzweiße Zeichnungen von Volker März projiziert: vom Ei über Zellteilungen, Sexualobjekte und Kopfgeburten, wird der Bezug zur Handlung dann doch durchaus narrativ, – mit Armbinden, Pickel- und Adlerhauben, sowie erhobener Rechter, wenn es um faschistische Tendenzen in der Handlung geht. Da werden Schnäbel zu Panzerrohren und Schwerter (zwar nicht zu Pflugscharen, aber) zu Kreuzen, wenn das Ende der Handlung von der Aristophanes-Vorlage abweicht, mit einem Braunfels’ Übertritt zum Katholizismus geschuldeten Lob- und Preisgesang auf Zeus.

Gewonnen hat das Konzerthaus durch ein für diese Produktion eingebautes, ansteigendes Parkett. Die Bühne ist verdunkelt, die Notenpulte des Orchesters und die Stimmbücher des Chores glimmen bläulich im Licht individueller LED-Leuchten. Auf acht unterschiedlich hohen Stelen singen die Solisten, durch Punktscheinwerfer herausgehoben, aus ihren Klavierauszügen. Und anstelle der vom Komponisten geforderten (für den Zuschauer unsichtbaren) Sprachrohre für Prometheus und Zeus treten hier Flüstertüten aus Klarsichtfolie. Die Ovationen des Publikums galten am Premierenabend mehr den Schönheiten von Braunfels’ Opus 30 als der Aufführung selbst. Denn mit Ausnahme des großartigen Baritons Jochen Kupfer als Vogelkönig Wiedhopf und der hintergründig witzigen Mezzosopranistin Ulrike Helzel als Drossel kamen die Solisten an die Leistungen ihrer Kollegen auf der Zagrosek-Einspielung kaum heran.

Wichtiger als die Projektionen assoziativer Bildwelten wäre für das Verständnis des Publikums wohl eine Projektion der gesungenen Texte gewesen, wie man dies inzwischen in Opernhäusern selbst bei bekannten Opern praktiziert, denn die Textverständlichkeit an diesem Abend war gering, insbesondere bei der Identifikationsfigur Hoffegut, dem amerikanischen Tenor Jeffrey Francis. Auch der durchaus engagierte Ernst Senff-Chor wurde den schwierigen Chorpassagen weit weniger gerecht als das zu Recht bejubelte Konzerthaus-Orchester.

 

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